Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Immer mehr Jugendliche trinken bis zum Koma
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Immer mehr Jugendliche trinken bis zum Koma
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:33 16.12.2009
Von Marina Kormbaki
Niedersachsens Jugendliche trinken immer mehr Alkohol.
Der kleine Unterschied verschwindet: Mittlerweile trinken junge Frauen genauso exzessiv wie Männer. Quelle: Martin Steiner
Anzeige

Für manche Tageszeiten können Krankenhausärzte recht treffsicher vorhersagen, mit welchen Symptomen ihre Patienten wohl eingeliefert werden. Im Kinderkrankenhaus auf der Bult sind es die Nächte zu Sonnabend und Sonntag, die erschreckend oft ähnlich verlaufen. Volltrunkene Jugendliche, immer häufiger auch Kinder, werden von besorgten Eltern oder verängstigten Freunden in die Notaufnahme gebracht. „Alkoholvergiftung“ – so lautet dann die Diagnose, die Oberarzt Christoph Möller ausstellt. Völlig betrunkene junge Menschen mögen zum Arbeitsalltag des Leiters von „Teen Spirit Island“, der Therapiestation für drogensüchtige Jugendliche, gehören – an ihren Anblick aber gewöhnt sich Möller nicht. Mit tiefer Sorge in der Stimme spricht er von der „dramatischen Entwicklung“ des Alkoholkonsums bei Jugendlichen.

Eine Einschätzung, die auch die neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), teilt. Es sind bedenkliche Zahlen, die die frühere Richterin gestern vorgestellt hat: Die Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die wegen Alkoholvergiftung in Kliniken behandelt werden müssen, steigt seit Jahren unablässig – 2008 wurden bundesweit 25 700 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 20 Jahren stationär betreut, elf Prozent mehr als im Jahr davor. Schaut man zehn Jahre zurück, fällt die Bilanz noch düsterer aus: Seit der Ersterhebung im Jahr 2000, als das Statistische Bundesamt 9500 Kinder und Jugendliche zählte, die nach übermäßigem Alkoholkonsum in Krankenhäuser gekommen waren, hat die Anzahl von Alkoholvergiftungen um 170 Prozent zugenommen. Nicht mitgerechnet sind da die Fälle von schwer alkoholisierten Jugendlichen, die ihren Rausch unbemerkt von Ärzten und Statistikern überstehen.

Für Oberarzt Möller sind die Gründe für den unkontrollierten Umgang von Jugendlichen mit Alkohol klar: „Alkohol ist immer in Griffnähe – für ihn wird gezielt geworben, er ist billig zu haben, noch dazu ist in süßen Mixgetränken der für Jugendliche oft unangenehme Geschmack von Alkohol kaschiert.“ So sinkt die Schwelle zum Trinken immer mehr, der erste Vollrausch setzt in immer jüngeren Jahren ein: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr 4500 Kinder im Alter zwischen zehn und 15 Jahren mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus geliefert – übrigens mehr Mädchen als Jungen. Und auch bei den Zehn- bis 15-Jährigen stieg die Anzahl alkoholvergifteter Mädchen mit 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr besonders stark an. Trinken gilt längst nicht mehr als Ausdruck von Männlichkeit, die junge Generation macht keinen Unterschied zwischen trinkenden Männern und trinkenden Frauen.

Die Neigung von Jugendlichen zum Trinken ist an sich nichts Neues; frühere Generationen tranken sogar noch mehr, besonders in den siebziger Jahren. Aber: Damals wie heute hat die Erwachsenengeneration ein größeres Problem mit Alkoholmissbrauch als die Jugendlichen. Die Zahl der stationären Aufnahmen von betrunkenen Erwachsenen stieg laut Bundesamt von 2007 auf 2008 um elf Prozent. Gegenüber 2000 betrug der Anstieg sogar 88 Prozent.

Bei Jugendlichen sehen die Experten zudem ein sich wandelndes „Konsummuster“: Die Anzahl Jugendlicher, die überhaupt Alkohol trinken, ist nämlich leicht rückläufig: Nach dem aktuellen Drogenbericht tranken in der Gruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen im Jahr 2008 rund 17 Prozent mindestens einmal wöchentlich Alkohol – ein Jahr zuvor waren es noch knapp 22 Prozent. Nicht immer mehr Jugendliche trinken also, sondern weniger Jugendliche trinken immer mehr Alkohol.

Gut drauf und „cool“ sein wollen sind nach wie vor für Jugendliche die wichtigsten Motive für den Griff zur Flasche. Zunehmend machen Jugendforscher aber auch einen erhöhten Leistungsdruck als Grund für übermäßiges Trinken aus, über Schichtgrenzen hinweg. Befragungen ergeben, dass Jugendliche während der Woche in Schule und Studium Leistung bringen, als Teil der Gesellschaft funktionieren wollen, am Wochenende aber mit Alkohol „abschalten“ möchten. „Arbeit und Entspannung werden in unserer Leistungsgesellschaft zunehmend exzessiv gelebt“, sagt Möller. Der Mediziner plädiert für ein Werbeverbot und höhere Preise für Alkohol. So weit will die Bundesdrogenbeauftragte noch nicht gehen. Dyckmans forderte gestern Ausweiskontrollen bei jungen Menschen überall dort, wo Alkohol verkauft wird – damit wenigstens diejenigen, die sich geben wie 21 aber gerade mal 16 sind, ein bisschen besser geschützt werden.