Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Die Frau, die nur im Kampf lebt
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Die Frau, die nur im Kampf lebt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:37 22.05.2014
Verehrt, vergessen: Die ehemalige Ministerpräsidentin Julia Timoschenko tut sich schwer, die Ukrainer noch einmal für sich zu begeistern. Quelle: dpa
Anzeige
Kiew

 Es drehte sich alles um sie. Um ihr Recht auf einen fairen Prozess. Um ihre Freiheit. Um ihre Chance, ihr Land noch einmal zu führen. In eine glückliche Zukunft, natürlich. Die Revolution hatte eine Ikone und ein Ziel. Die Ikone, das war das Bild der schönen, blonden Julia Timoschenko. Riesig groß prangte es an der Spitze der zentralen Protesttanne auf dem Maidan, dem Platz der demokratischen Revolte in Kiew. Den Schlachtruf der Revolutionäre hörte die ganze Welt, man hörte ihn sogar in der letzten Gefängniszelle in der tiefsten Tiefe der Ukraine: „Freiheit für Julia!“

Sie haben bekommen, was sie wollten. Seit dem 22. Februar ist Julia Timoschenko frei. Die Mutter der ersten demokratischen, der orangenen Revolution von 2004, die Heldin der Nation, macht wieder Politik. Zweieinhalb Jahre saß sie nach einem Unrechtsprozess, den ihr moskautreuer Widersacher Wiktor Janukowitsch gesteuert hatte, in Lagerhaft. Wochenlang lag sie dort im Hungerstreik, wollte ihre Ausreise zur Behandlung eines Bandscheibenleidens erzwingen. Im Rollstuhl ließ sie sich an jenem 22. Februar abends auf den Maidan fahren, ungeschminkt, aufgedunsen von Medikamenten und Lagerkost – die Märtyrerin der Nation. Die Revolutionäre beklatschten sie, die deutsche Kanzlerin entbot ihr per Telefon ein „Willkommen in der Freiheit“. Heute will keiner mehr etwas von ihr wissen.Drei Monate nach dem Sieg des Euro-Maidan steht sie im Präsidentenwahlkampf auf verlorenem Posten. Nur gut neun Prozent der Wähler wollen der „eisernen Julia“ an diesem Sonntag ihre Stimme geben. Die Zeit, so scheint es, ist an Julia Timoschenko vorbeigegangen.

Anzeige

Die Konkurrenten im Wettstreit um die Präsidentschaft

PETRO POROSCHENKO: Der „Schokoladenbaron“ ist der Favorit der Wahl. Letzte Umfragen sehen den 48-jährigen Inhaber eines Süßwarenimperiums bei 34 Prozent der Stimmen. Als einziger Oligarch des Landes hatte sich Poroschenko von Anfang an offen hinter die pro­europäische Maidan-Bewegung gestellt und war ihr wichtigster Geldgeber. Einer Schätzung des US-Magazins „Forbes“ zufolge beläuft sich sein Vermögen auf umgerechnet rund 1,3 Milliarden Euro. Poroschenko erwies sich in der Vergangenheit als politisch sehr wendig: Unter Wiktor Juschtschenko, der im Jahr 2004 zum Helden der sogenannten orangenen Revolution und zum ukrainischen Staatschef aufstieg, war Poroschenko Außenminister. Als in Kiew wieder der prorussische Wiktor Janukowitsch an die Macht kam, übernahm er kurzzeitig das Amt des Wirtschaftsministers.

SERGEJ TIGIPKO: Der ehemalige Zentralbanker ist der einzige offen prorussische Kandidat im Rennen. 2004 war der 54-jährige Milliardär für Janukowitschs Wahlkampagne zuständig. Nach der Wahl distanzierte er sich jedoch von Janukowitsch. Tigipko trat bereits 2010 als Bewerber ums Präsidentenamt an. Der frühere Zentralbankchef war unter Janukowitsch Vizeregierungschef und tritt für enge wirtschaftliche Beziehungen mit Russland ein.

ANATOLI GRIZENKO: Der Ex-Verteidigungsminister ist ein entschiedener Befürworter einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine. Er warf dem russischen Präsidenten Putin während der Ukraine-Krise vor, den „Dritten Weltkrieg“ auslösen zu wollen. Der 56-Jährige genießt unter den Revolutionären des Maidan Sympathien, in Umfragen steht er jedoch nur bei vier Prozent.

MICHAILO DOBKIN: Aussichtslos dürfte auch die Kandidatur des früheren Gouverneurs von Charkiw sein. Der einstige Geschäftsmann liebäugelte vorübergehend mit separatistischen Tendenzen, macht sich aber inzwischen für die Einheit der Ukraine stark. Bei den pro­europäischen Demonstranten verspielte er sämtliche Sympathien durch seine Unterstützung für die Niederschlagung der Maidan-Proteste. Die Revolutionäre beschimpfte er als „Clowns“ und „Monster“. Der 44-Jährige liegt bei unter drei Prozent.

OLEG TJAGNIBOK: Der Chef der rechtsnationalen Swoboda-Partei war einer der Anführer der Proteste auf dem Maidan. Die Swoboda ist an der Interimsregierung in Kiew beteiligt. Die Partei beruft sich auf Bewegungen wie die sowjetfeindliche Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), die bis in die fünfziger Jahre gegen die Sowjetunion kämpfte und während des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis zusammenarbeitete. Der 45-jährige Chirurg aus Lemberg (Lwiw) ist für antisemitische und rassistische Äußerungen berüchtigt.

DMITRI JAROSCH: Gegen den 42-jährigen Führer der rechtsextremistischen­ Organisation Prawy Sektor (Rechter ­Sektor) wird in Russland wegen ­Terrorismus ermittelt; er wird mit einem Haftbefehl gesucht. Prawy Sektor, eine Art Bündnis ­gewalttätiger extrem rechter Organisationen, ist aus Jaroschs Gruppe ­Trisub (Dreizack) hervorgegangen, die sich insbesondere durch Angriffe auf Homosexuelle hervorgetan hat.

Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist der, dass sich eben immer alles um sie dreht. Die Auftritte der 53-Jährigen nach ihrer Freilassung waren für eine Instinktpolitikerin ihres Schlages eine Katastrophe. Am Abend ihrer Haftentlassung krächzte sie auf dem Maidan eine pathetische Rede ins Mikrofon, mit der sie sich selbst zur Führerin einer Revolution aufschwingen wollte, die längst ein Eigenleben führte. Für Timoschenko zählte nichts ohne Timoschenko. Auch deshalb war ja die anfangs erfolgreiche orangenen Revolution des Jahres 2004 gescheitert. Die selbst ernannte Jeanne d’Arc der Ukraine forderte alle Macht für sich und zerstritt sich heillos mit all ihren Kampfgefährten.

Immerhin, sie hat den Kardinalfehler ihres Maidan-Auftritts sofort begriffen. Sie tauchte eine Weile ab, ließ sich in Berlin am Rücken behandeln. Doch nur wenig später lichteten Fotografen die „schöne Julia“ auf Stöckelschuhen statt im Rollstuhl ab. Sieht so eine Frau aus, die gerade erst in der Haft gefoltert wurde, wie ihre Mitstreiter behaupteten? Nein, die Rückenkranke schien als Simulantin entlarvt. Ob das Urteil gerecht ist oder nicht, spielte keine Rolle mehr. In ihrer Not warf Timoschenko ihr Heiligstes in den Ring des Imagekampfes: Sie verzichtete eine Zeit lang auf den berühmten blonden Haarkranz. Amerikanische Wahlkampfberater sollen ihr den Tipp gegeben haben. Timoschenko ließ ihr Haar glatt über die elegante Couture-Garderobe fallen wie einst Rapunzel im Märchen. Doch kein Prinz wollte helfen. „New Julia“ verfing nicht.

Am Ende tat Timoschenko das, was sie immer am besten konnte: kämpfen. Sie war die erste Politikerin aus Kiew, die in der Ostukraine auftauchte, als dort Separatisten Gebäude besetzten und die Macht übernahmen. Heldenmutig warf sie sich in die Höhle des Löwen, denn Donezk war und ist die Hochburg ihrer größten Feinde. Timoschenko war auch als Erste vor Ort, als in Odessa Straßenschlachten zwischen Hooligans und Randalierern tobten. Fast 50 Menschen, fast alle prorussische Demonstranten, starben dort in den Flammen des brennenden Gewerkschaftshauses. Doch auch dieser Besuch half ihr nicht. Im Gegenteil: Sie zeigte in Odessa allzu viel Verständnis für die Ultranationalisten und ihre Gewalt. 

Timoschenkos Einlassungen gerieten zu Geschmacklosigkeiten. Das tödliche Feuer bezeichnete sie als Versuch, „administrative Gebäude zu schützen“. Schon früher im Wahlkampf hatte sich die ehemalige Regierungschefin mit antirussischen Hassausbrüchen positioniert. Über Kremlchef Wladimir Putin sagte sie am Telefon: „Gebt mir eine Waffe in die Hand, dann schieße ich diesem Drecksack persönlich in den Kopf.“ Das Gespräch wurde abgehört und veröffentlicht. Seither sinkt Timoschenkos Stern auch in den Hauptstädten Europas und in den USA, wo man sich jahrelang für ihre Freilassung eingesetzt hatte. Wovon zeugt all das wirklich? Ist es Dummheit, Ignoranz oder kühl kalkulierte Strategie?

Timoschenko hätte nach ihrer Haft womöglich die Chance gehabt, als große Versöhnerin in der geschundenen Ukraine aufzutreten. Stattdessen gibt sie die Scharfmacherin in einem Land, dessen Bürger sich in ihrer großen Mehrheit nach Frieden, Wohlstand und Normalität sehnen. Dennoch sollte niemand sie zu früh abschreiben. „Julia lebt nur im Kampf“, sagte einst der bekannteste ukrainische Schriftsteller, Juri Andruchowitsch. Und der Kampf in der Ukraine, so steht zu befürchten, ist noch lange nicht vorbei. Die erste Runde der Präsidentenwahl am 25. Mai wird Timoschenko mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen den großen Favoriten Petro Poroschenko verlieren. Doch das wäre erst der Auftakt. Am Ende stünde eine Stichwahl.

Die Entscheidung soll am 15. Juni fallen. Bis dahin ist viel Zeit. Über mögliche Szenarien lässt sich nur spekulieren  in diesen Kampftagen zwischen Revolution und Bürgerkrieg. Es gibt Kräfte im Land und auch außerhalb, die einen nach Westen orientierten Präsidenten Poroschenko verhindern wollen. Der Kreml stellte sich schon früh gegen den Süßwaren-Milliardär, weil er die EU-Annäherung der Ukraine unterstützte. Umgekehrt hatte Timoschenko einst ein gutes Verhältnis zu Putin. Die beiden verbindet ihre politische Skrupellosigkeit. 2009 handelten sie hinter verschlossenen Türen einen höchst umstrittenen Gasvertrag aus, von dem augenscheinlich nur die russischen Lieferanten profitierten.

Doch es gab geheime Absprachen. Die bewegliche Timoschenko bekam 2010 im Wahlkampf gegen den prorussischen, aber derben Janukowitsch Unterstützung aus Moskau. Als Janukowitsch dennoch siegte und Timoschenko ins Gefängnis werfen ließ, war Putin stets einer der schärfsten Kritiker des Unrechtsurteils. Allianzen sind nicht immer so offensichtlich, wie sie scheinen. Noch etwas kommt hinzu: Putin ist ein Mann, der das drastische Wort schätzt. Er wird Timoschenkos Kopfschussdrohung kaum überbewerten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die beiden Vollblutpolitiker vor der Stichwahl im Juni ein Zweckbündnis schmieden. Eine Garantie für eine Rückkehr der Julia Timoschenko an die Macht in Kiew wäre das allerdings nicht. Glaubt man Soziologen und Demoskopen, so sind die Wähler alle Lagerkämpfe leid. Kann sein, dass gerade jene verlieren, die „nur im Kampf leben“.

Von Ulrich Krökel