Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Jung, gebildet und zu Hause bei den Kindern?
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Jung, gebildet und zu Hause bei den Kindern?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:09 27.04.2012
Von Gabi Stief
„Was, du willst nicht wieder arbeiten?“ Caroline Lorch, Vollzeitmutter von drei Söhnen. Steiner
„Was, du willst nicht wieder arbeiten?“ Caroline Lorch, Vollzeitmutter von drei Söhnen. Quelle: Steiner
Anzeige
Hannover

Nach dem dritten Kind musste Katja Albrecht sich endlich nicht mehr rechtfertigen. Die bohrenden Nachfragen anderer Mütter sind nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes Linus verebbt. „Was, du willst nicht wieder arbeiten?“, war sie früher häufig gefragt worden. Dabei, so erzählt es Katja Albrecht, habe sie immer etwas Abschätziges in den Stimmen der Frauen gehört. „Ich fühlte mich dadurch irgendwie minderwertig“, sagt sie. Als Frau in den ersten Lebensjahren der Kinder zu Hause zu bleiben, ist, so empfindet es Katja Albrecht, gesellschaftlich nicht bedingungslos anerkannt. Es ist ein Lebensmodell, für das sich viele Frauen rechtfertigen müssen und das die CSU nun mit einem Betreuungsgeld belohnen möchte.

Es war nicht Katja Albrechts vorrangiges Ziel, Hausfrau und Mutter von drei Kindern zu werden. Als Studentin träumte sie davon, Diplom-Mathematikerin zu werden. Dann aber kam doch alles anders. Sie brach das Studium ab, nahm Nebenjobs bei verschiedenen Informatikunternehmen an. Ohne Uni-Abschluss war es schwer, eine feste Stelle zu finden. Katja Albrecht ließ sich zur Fachinformatikerin fortbilden. Einen Job verschaffte ihr das auch nicht. Schließlich heuerte sie als Fahrerin bei einem Logistikunternehmen an - eine Arbeit, die sie des Geldes wegen machte. Dann wurde sie mit ihrer ersten Tochter schwanger. Seit sechs Jahren ist sie mittlerweile Hausfrau und „Vollzeitmama“, wie sie sagt. Ihr ganzer Stolz sind Chiara, 6, Elias, 4, Linus, 2. Nur manchmal denkt sie darüber nach, wie es wäre, wenn sie als Diplom-Mathematikerin eine Festanstellung in einem Informatikunternehmen gefunden hätte. „Das war aber nicht mein Weg“, sagt sie.

Katja Albrecht weiß, wie es ist, nachts nicht zu schlafen und am nächsten Tag wieder voll einsatzbereit für die Kinder da zu sein. Dafür dass sie die Leistung einer kommunal finanzierten Kita nicht in Anspruch nimmt, will sie aber keine 150 Euro monatlich vom Staat kassieren. Als „Taschengeld für die Hausfrau“ bezeichnet sie das Betreuungsgeld dann auch abschätzig, das selbst in der schwarz-gelben Koalition heftig umstritten ist.

Auch Caroline Lorch, 36 Jahre alt und Mutter von drei Kindern, lehnt das Betreuungsgeld kategorisch ab. Es sei eine „ideologisch aufgeladene Debatte“, in der es den Parteien nur darum gehe, sich zu profilieren. „Die ganze Diskussion befördert letztlich die Stigmatisierung der Frauen, die in den Anfangsjahren zu Hause bleiben.“ Schlagwörter wie „Herdprämie“ oder „Heimchen am Herd“, die von Gegnern in der Debatte lanciert werden, ärgern sie. „Wer zu Hause bleibt, wird oft belächelt, und das ist nicht richtig“, sagt sie.

Für Caroline Lorch war schon nach dem Abitur klar, dass sie Kinder und Familie haben möchte - eher früh als spät und eher mehr Familie als Karriere. Deswegen studierte sie auf Grundschullehramt - ein Beruf, den sie auch halbtags ausüben kann und der sich mit der Familienplanung vereinbaren lässt. „Das war eine sehr bewusste Entscheidung“, sagt sie. Eine ebenso bewusste wie auch konsequente Entscheidung war es dann, für einige Jahre zu Hause zu bleiben. „Ich möchte meine Kinder selbst erziehen und sie nicht weggeben, um dann andere Kinder zu betreuen.“ Letztlich, so sagt sie, sei ihre Entscheidung auch egoistisch. „Die erste Zeit mit den Kindern geht so schnell vorbei. Da möchte ich nichts verpassen.“ Vom Staat prämiert werden möchte sie dafür nicht. Statt einer finanziellen Wertschätzung wünscht sie sich, dass ihr Lebensentwurf gesellschaftlich anerkannt wird. „Das ist mein persönliches Modell, aber sicher nicht das einzige“, sagt sie.

Auch Katja Albrecht verärgert die Debatte: „Sie geht an der Realität vorbei“, sagt sie. Statt die Arbeit der Frau zu Hause zu bezuschussen, solle der Staat sich um eine geregelte Rentenversorgung und eine steuerliche Entlastung beim Wiedereintritt in den Beruf kümmern. Katja Albrecht wird wohl einen 400-Euro-Job annehmen, wenn Linus in einem Jahr in den Kindergarten kommt. „Mehr Geld zu verdienen, lohnt sich für mich nicht“, sagt sie. „Die Abzüge wären zu hoch.“

Charlotte K. ist einen anderen Weg gegangen. Als sie vor vier Jahren ungewollt schwanger wurde, war das nicht geplant. Und doch, so schwant es der 22-Jährigen heute, schützt ihre frühe Schwangerschaft sie nun vor der Karrieresackgasse, in die viele Mütter schlittern, wenn sie für die Betreuung ihrer Kinder zu Hause bleiben. Charlotte K. war gerade 19 Jahre, als sie Mutter wurde. Heute ist ihre Tochter Sarah fast drei Jahre alt, im Sommer wird sie in den Kindergarten kommen. Charlotte K. will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, zu viele Vorurteile gebe es gegenüber jungen Müttern, und gegenüber jungen Müttern, die ihre Kinder dann auch noch allein zu Hause betreuen, gebe es noch mehr.

Es ist nicht so, dass Charlotte K. es nicht versucht hätte mit dem Krippenplatz. Für die junge Frau wäre es eine Entlastung gewesen, ihr Kind für einige Stunden täglich abzugeben. Denn bereits drei Monate nach der Geburt begann sie, ein Fernabitur zu machen. Im ersten Jahr habe sie noch genug Zeit gehabt, um zu lernen, sagt sie. „Sarah hat ja die meiste Zeit geschlafen.“ Doch dann wurde es immer schwieriger, das Kind anspruchsvoller, was die Betreuung anging. Charlotte K. machte sich auf die Suche nach einem Kita-Platz. Aber die ehemalige Waldorf-Schülerin fand keinen, den sie für geeignet hielt. „Zu unstrukturiert, zu laut, zu krachig“ seien die meisten gewesen, sagt sie. Und die Kitas, die ihr gefallen hätten, konnten ihr keinen Platz anbieten. „Ich hätte es nicht über das Herz gebracht, mein Kind irgendwo hinzubringen, damit ich lernen kann.“ Charlotte K. blieb nichts anderes übrig, als ihre AbiVorbereitungen in die Abendstunden zu verlegen, ihr Lebensgefährte, der Vater des Kindes, unterstützte, wo er konnte. Aber für ihn als Piloten in der Ausbildung waren die Möglichkeiten zu helfen begrenzt.

Ein weiteres Kind taucht in der Lebensplanung von Charlotte K. und ihrem Lebensgefährten derzeit nicht auf. „Ich liebe es, Mutter zu sein, aber es reicht mir nicht allein.“ Jetzt will die 22-Jährige Karriere machen. Sobald ihre Tochter im Kindergarten ist, wird Charlotte K. anfangen, Modedesign in Hannover zu studieren. „Ich möchte mich da voll reinhängen und eine gute Designerin werden“, sagt sie. Charlotte K. träumt von einer Stelle, in der sie als Vollzeitkraft arbeiten kann - ein weiteres Kind wird da wohl keinen Platz haben.

„Ich hätte früher nie gedacht, dass ich nur ein Kind haben würde“, sagt sie. Der Job aber werde ihr voraussichtlich ein hohes Maß an Flexibilität abringen, und die Suche nach einem Kita-Platz hat sie schon einmal resigniert aufgegeben. „Statt eines Betreuungsgeldes würde ich mir einen Ausbau der Kita-Plätze wünschen“, sagt sie. „Davon hat letztlich auch jeder etwas.“

Betreuungsgeld – ein Dauerbrenner

Bereits die Große Koalition stritt ums Betreuungsgeld. Auf Druck der CSU, die mit dem Krippenausbau und dem Elterngeld haderte, vereinbarten SPD und Union 2005 im Koalitionsvertrag eine Art Absichtserklärung. Die SPD versuchte, dies auszusitzen. Nach mehrmaligen Krisensitzungen wurde schließlich 2008 ein neuer Passus ins Sozialgesetzbuch aufgenommen: „Ab 2013 soll für diejenigen Eltern, die ihre Kinder von ein bis drei Jahren nicht in Einrichtungen betreuen lassen wollen oder können, eine monatliche Zahlung (zum Beispiel Betreuungsgeld) eingeführt werden.“ ???Aus der Kannvereinbarung wurde 2009 eine klare Ansage. CDU/CSU und FDP schrieben in ihren Koalitionsvertrag: „Um Wahlfreiheit zu anderen öffentlichen Angeboten und Leistungen zu ermöglichen, soll ab dem Jahr 2013 ein Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro, gegebenenfalls als Gutschein, für Kinder unter drei Jahren als Bundesleistung eingeführt werden.“ ???Die koalitionsinternen Gegner – von der FDP bis zu den CDU-Frauen – setzten erneut auf Nichtbefassung. Im Sommer 2010 erklärte die Kanzlerin in einem Interview: „Wir haben als Koalition vereinbart, das Betreuungsgeld einzuführen, also werden wir darüber sprechen, wie das umzusetzen ist.“ ???Im November 2011 musste erneut ein Koalitionsgipfel schlichten. Die Einigung sieht vor, dass Eltern, die ihre Kleinkinder selbst betreuen, ab 2013 im zweiten Lebensjahr des Kindes 100 Euro Zuschuss bekommen; ab 2014 soll es dann 150 Euro für das zweite und dritte Lebensjahr des Kindes geben. Einen Gesetzentwurf gibt es bis heute nicht.

Reinhard Urschel 27.04.2012
27.04.2012