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Deutschland / Weltweit Kassenärzte arbeiten eigene NS-Geschichte auf
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19:00 19.10.2018
Ärzte-Verbände wollen aus der Geschichte lernen.
Ärzte-Verbände wollen aus der Geschichte lernen. Quelle: Bernd Weissbrod/dpa
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Berlin

Die Geschichte von Ärzten im Nationalsozialismus scheint auserzählt. Viele Verbrechen sind bekannt, erinnert sei an die aktive Mitwirkung vieler Mediziner am NS-Euthanasieprogramm oder an die Experimente mit KZ-Häftlingen. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende gibt es aber immer noch weiße Flecken in der Geschichtsschreibung. Dazu zählt zum Beispiel die Rolle der „normalen“ Kassenärzte und ihres obersten Verbandes „Kassenärztliche Vereinigung Deutschland“ (KVD) in der NS-Zeit.

Das soll sich nun ändern: Etwa 30 Meter Akten ihrer Vorgängerorganisation hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in Abstellräumen und Kellern ihrer Immobilien in Köln gefunden. Dieses Material soll nun erstmals wissenschaftlich gesichtet und ausgewertet werden. Klar ist aber schon jetzt, dass unter den Aktenfunden bedeutsame historische Dokumente sind.

Entrechtung und Vertreibung jüdischer Ärzte

Für den obersten Kassenarzt Andreas Gassen steht fest: Die KVD und die regionalen kassenärztlichen Vereinigungen seien Teil der NS-Administration gewesen. „Sie waren Täter“, sagte der KBV-Chef am Freitag bei der Vorstellung des Forschungsprojektes. Tatsächlich spielt der Verband vor allem bei der Entrechtung und Vertreibung jüdische Ärzte aus Deutschland eine unrühmliche Rolle.

Am 30. September 1938 trat eine Reichsverordnung in Kraft, mit der allen Ärzten mit jüdischen Wurzeln die Approbation entzogen wurde. Für einige dieser Mediziner wurde der Status des „Krankenbehandlers“ eingeführt: Das war die Bezeichnung für die jüdischen Ärzte, die weiter behandeln durften – aber ausschließlich jüdische Patienten.

Die Akten verstaubten in den Regalen

Für die Durchsetzung dieser Vorgaben war die KVD zuständig. Sie regelte unter anderem die Kassenzulassungen, wodurch es möglich war, neben jüdischen auch oppositionelle Ärzte aus dem Beruf zu vertreiben. Samuel Salzborn vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, das die Auswertung übernimmt, sieht aber ebenso andere Forschungsgebiete: So werde es auch um die von den Medizinern durchgeführten Tauglichkeitsuntersuchungen für den Kriegseinsatz gehen, um die Betreuung von Zwangsarbeitern oder um die Karrieren von Verbandsfunktionären, die wie in anderen Bereichen teilweise nahtlos eine neue Beschäftigung in der Bundesrepublik beziehungsweise in der DDR fanden.

In den Akten befinden sich nach Angaben von Salzborn unter anderem Runderlasse der KVD an die Ärzte und Sitzungsprotokolle der Gremien. Die Akten wurden lediglich 1975 von Vertretern des Bundesarchivs eher oberflächlich gesichtet, aber aus bisher ungeklärten Gründen nicht dorthin überführt. Seitdem verstaubten sie in den Regalen der KBV.

Lehren aus der Vergangenheit ziehen

In der Vergangenheit hatte es immer wieder Vorwürfe gegen die Ärzteschaft gegeben, sie arbeite ihre eigene Vergangenheit nur schleppend auf. Das Schicksal jüdischer Ärzte, ihr Anteil an allen Medizinern betrug zu Beginn der NS-Herrschaft immerhin über zehn Prozent, wurde bisher nicht umfassend beleuchtet. KBV-Vize-Chef Stephan Hofmeister sagte, die Ärzteschaft wolle mit dem Forschungsprojekt zeigen, dass man die Lehren aus der Vergangenheit ziehe: „Wir treten Ausgrenzung, Hass und Gewalt entschieden entgegen.“

Finanziert wird die Forschung zunächst für zwei Jahre von der KBV. Dann soll auch ein erster Zwischenbericht vorliegen. Salzborn gab allerdings zu bedenken, dass angesichts der Aktenfülle zwei Jahre Forschung nur eine sehr kurze Zeit seien.

Von Timot Szent-Ivanyi/RND