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Deutschland / Weltweit Kirchen fordern Aufnahme von 10.000 Syrern
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00:15 06.11.2013
Von Thorsten Fuchs
Foto:  Allein in Syriens Nachbarland Jordanien haben bis jetzt rund 550 000 Menschen Zuflucht gefunden.
Allein in Syriens Nachbarland Jordanien haben bis jetzt rund 550 000 Menschen Zuflucht gefunden. Quelle: dpa
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Amman

„Das bisherige Ausmaß entspricht nicht mal einem Tropfen auf dem heißen Stein“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, am Sonntag zum Abschluss eines Besuchs in Jordanien. „Deutschland könnte deutlich mehr leisten.“ Der katholische Bischof von Hildesheim und Vizevorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Norbert Trelle, drängte zudem auf Erleichterungen für schon länger in Deutschland lebende Syrer, die Verwandte aus ihrer Heimat aufnehmen wollen. „Dies wäre ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen.“

Vor dem nun zweieinhalb Jahren dauernden Bürgerkrieg in Syrien sind mehr als vier Millionen Menschen auf der Flucht. Deutschland hat bislang zugesagt, 5000 Männer, Frauen und Kinder aufzunehmen. Allein in Syriens Nachbarland Jordanien haben bis jetzt rund 550.000 Menschen Zuflucht gefunden. „Das ist, gemessen an der Größe und den Möglichkeiten, ein beschämendes Missverhältnis“, erklärte Schneider. Während sich Schneider auf keine konkreten Zahlen festlegen wollte, sprach Trelle von 10 000 Menschen, die Deutschland aufnehmen sollte. „Man muss auch berücksichtigen, welche Größenordnungen die Bevölkerung in Deutschland akzeptiert“, erklärte der Bischof.

Schneider und Trelle standen an der Spitze einer ökumenischen Delegation, die am Wochenende in Jordanien Hilfsprojekte von Caritas und Diakonie für Syrien-Flüchtlinge besuchten. „Sie sollen wissen: Wir sind an Ihrer Seite“, sagte Schneider zu einer Gruppe im Flüchtlingslager Al-Husni im Norden Jordaniens, 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Die Reise sollte aber auch die bislang zögerliche Spendenbereitschaft ankurbeln: In den vergangenen zwei Jahren haben die Deutschen die Syrien-Hilfe mit weniger als zehn Millionen Euro unterstützt. Zum Vergleich: Bei der Flutkatastrophe in Deutschland kamen im Sommer binnen weniger Wochen 200 bis 300 Millionen Euro zusammen.

In Jordanien befinden sich Hunderttausende Flüchtlinge in einer dramatischen Lage. Familien mit mehreren Kindern hausen in winzigen Zimmern oder Zelten mit nichts als ein paar Matratzen darin. Viele sind auf die Nahrungsmittel der Hilfsorganisationen angewiesen, arbeiten dürfen die Flüchtlinge nicht. „Die leben in unglaublicher Isolation“, sagte Bischof Trelle. Dazu kommt die Traumatisierung durch den Bürgerkrieg: Im Lager Al-Husni schenkten Kinder den Kirchenvertretern Zeichnungen. Eine zeigt ein Haus mit seinen Bewohnern – und eine Rakete, die darauf zufliegt. Die Bewohner wurden bei einem Angriff getötet. „Das bleibt nicht auf den Kleidern hängen, das geht ganz tief ins Herz“, sagte Schneider.

Wie groß die Verzweiflung vieler Flüchtlinge ist, erlebten beide gestern Mittag bei einem Besuch in einem christlichen Zentrum in der jordanischen Hauptstadt Amman, in dem 300 syrische Christen Zuflucht gefunden haben. Einige bedrängten nach einem Gespräch die Kirchenvertreter: „Nehmt uns mit!“, riefen sie. „Oder wenigstens unsere Kinder!“ Den Kirchenvertretern gelang es nur mit Mühe, die Menschen wieder zu beruhigen – mit dem Versprechen, sich für ihre politischen Ziele einzusetzen.

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