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Deutschland / Weltweit Hitlers griechische Erben
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09:04 21.09.2013
Ein Mord zu viel: Griechenland sucht nach Wegen, die wachsende Macht der Neonazis im Land zu stoppen. Quelle: Yannis Behrakis
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Athen

Während die Polizei noch nach den Komplizen des Mörders eines linken Rappers fahndet, enthüllt ein ehemaliges Mitglied der rechtsextremistischen Partei „Chrysi Avgi“ („Goldene Morgenröte“) Einzelheiten über die Führungsstrukturen bei Griechenlands Neonazis: Danach könnte die Parteispitze den Mord angeordnet oder gebilligt haben. Die Anti-Terror-Einheit der Polizei ermittelt nun gegen die Partei. Die Regierung erwägt ein Verbot.Seit 2012 ist die extremistische Partei, deren Mitglieder einander mit dem Hitlergruß grüßen, mit 18 Abgeordneten im Parlament vertreten. Schon oft wurden Übergriffe auf Ausländer, vor allem auf Flüchtlinge in den Innenstadtvierteln Athens, mit „Chrysi Avgi“ in Verbindung gebracht. Erst jetzt aber, nach dem Mord an dem einheimischen Rapper Pavlos Fyssas, wird der Zorn über die Machenschaften konkret.

„Wir werden den Epigonen der Nazis nicht gestatten, das soziale Leben zu vergiften“, hatte Premierminister Antonis  Samaras schon am Donnerstag im Fernsehen gesagt. Am Freitag entzog das Ministerium für öffentliche Ordnung allen 18 Abgeordneten sowie den örtlichen Parteibüros bis auf Weiteres jeglichen Polizeischutz. Bürgerschutzminister Nikos Dendias hat der Staatsanwaltschaft eine Liste mit 32 Gewaltdelikten aus der jüngsten Zeit vorgelegt, an denen Mitglieder und Abgeordnete der „Goldenen Morgenröte“ beteiligt waren.

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Am Abend seines Todes hat Pavlos Fyssas, als Rapper bekannt unter dem Namen „Killah P“, in einem Café bei Piräus Fußball geschaut. Aus einem harmlosen Gespräch des 34-Jährigen mit einem anderen Gast wurde ein hitziger Streit über Politik. Als Fyssas und ein Freund das Café verlassen wollten, stellten sich ihnen drei Mitglieder der Neonazi-Partei in den Weg und forderten per Handy Verstärkung an. Binnen kurzer Zeit trafen etwa 30 schwarz gekleidete Schläger ein. Als Fyssas zu fliehen versuchte, stach der 45-jährige Giorgos Roupakias mit einem Messer auf ihn. Der Hip-Hopper starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Anhand der Mobilfunkdaten versucht die Polizei jetzt festzustellen, wer die Schläger herbeigerufen hat. Zwei mutmaßliche Komplizen seien bereits identifiziert worden, hieß es am Freitag. Der noch am Tatort festgenommene Roupakias hat die Tat und seine Verbindungen zur „Goldenen Morgenröte“ in ersten Vernehmungen gestanden. Parteichef Nikos Michaloliakos vergießt öffentlich Krokodilstränen: Er leugnet jede Verwicklung seiner Organisation in den Mord und spricht von einer „Hexenjagd“. Michaloliakos kommt aber in Erklärungsnot. Im Internet und in Medien tauchen immer mehr Bilder auf, die den Messerstecher bei Veranstaltungen der „Goldenen Morgenröte“ und in Gesellschaft von Abgeordneten der Partei zeigen.

Jetzt enthüllte ein früheres Mitglied der Partei in der Zeitung „Ethnos“, wie straff die „Sturmabteilungen“ der „Goldenen Morgenröte“ organisiert sind. Danach muss jeder „Einsatz“ vom örtlichen Gruppenführer genehmigt werden, der zuvor die Zustimmung eines für die Sturmabteilungen zuständigen namentlich genannten Abgeordneten einholt. Dieser wiederum informiere den „Führer“ Michaloliakos, ohne dessen Okay nichts laufe.Fyssas war wohl kein Zufallsopfer: Die „Goldene Morgenröte“ habe den Rapper, der zur linken Szene gehörte, wegen seiner Texte schon länger im Visier gehabt, berichtete der Informant. Er will aus Furcht vor Racheakten anonym bleiben.

Die Strukturen der Partei erinnern an die NSDAP. Michaloliakos macht aus seiner Verehrung für Hitler und Goebbels keinen Hehl, die Partei leugnet den Holocaust, schürt den Hass gegen Ausländer und vertritt rassistische Thesen. Politische Beobachter sind überzeugt: Die „Goldene Morgenröte“ ist ein Gewächs der Krise. Das Spardiktat der internationalen Geldgeber, das wachsende Elend und das Gefühl der ständigen Demütigung durch die EU sind Wasser auf die Mühlen der Neonazis. Noch bei der Wahl von 2009 erreichten sie nur magere 0,29 Prozent der Stimmen.

Im Juni 2012 zog die Partei mit knapp sieben Prozent ins Parlament ein. In einer aktuellen Umfrage liegt sie schon bei 13 Prozent und ist damit drittstärkste politische Kraft des Landes. Ministerpräsident Samaras warnt bereits vor „Weimarer Verhältnissen“ in seinem Land.
Die Regierung erwägt nun rechtliche Schritte gegen die Partei. Die Gerichte könnten die Partei als kriminelle Vereinigung verbieten. Es ist aber strittig, ob ein Verbot viel bewirken würde. Die Partei könnte unter anderem Namen schnell wieder auferstehen und sogar zusätzliche Anhänger gewinnen.

Große Sympathien haben die Neonazis bereits im Polizeiapparat. In Griechenland geben Polizisten bei Wahlen ihre Stimme in gesonderten Wahllokalen ab. 2012 habe die „Goldene Morgenröte“ in diesen Wahllokalen Stimmenanteile von bis zu 50 Prozent erreicht, berichten Insider. Augenzeugen des Mordes an Fyssas erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei: Kurz nach Beginn der Auseinandersetzung seien mehrere Motorradstreifen eingetroffen. Die Beamten seien aber zunächst untätige Zuschauer geblieben. Die Neonazi-Schläger hätten sich von ihrer Anwesenheit überhaupt nicht gestört gefühlt und ihre Opfer weiter bedrängt. Erst als Fyssas blutend am Boden lag, hätten die Polizisten eingegriffen. Ein Polizeisprecher widerspricht dieser Darstellung: Die Streifen seien erst nach den tödlichen Messerstichen am Tatort eingetroffen.

Gerd Höhler

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