Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Niebel entsetzt über „schändlichen Angriff“
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Niebel entsetzt über „schändlichen Angriff“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:10 02.04.2010
Besuch unter einem unglücklichen Stern: Entwicklungsminister Dirk Niebel wartet am Freitag auf dem Flughafen Kabul.
Besuch unter einem unglücklichen Stern: Entwicklungsminister Dirk Niebel wartet am Freitag auf dem Flughafen Kabul. Quelle: dpa
Anzeige

Niebel wird vom Regionalkommandeur Frank Leidenberger zu einem Briefing empfangen und erfährt von dem Brigadegeneral, dass eine große Zahl von Taliban-Kämpfern eine deutsche Patrouille angegriffen hat. Seit Stunden liefern sich Taliban und Bundeswehrsoldaten ein Feuergefecht.

Leidenberger konzentriert sich im Gespräch mit Niebel aufs Wesentliche. Er hat an diesem Freitag wichtigere Dinge als einen Ministerbesuch zu regeln; er muss dafür sorgen, dass die Rettungseinsätze für die verwundeten Soldaten klappen, dass die amerikanischen „Black Hawks“-Rettungshubschrauber die Verletzten so schnell wie möglich ins deutsche Feldlazarett nach Masar-i-Scharif fliegen.

Niebel, selbst Reserveoffizier, ist anzumerken, wie sehr ihm die Nachrichten aus Kundus zusetzen. Er zeigt Verständnis für die Anspannung, unter der Leidenberger steht, spricht von einem „schändlichen Angriff“. Er mache deutlich, wie gefährlich das Engagement der Soldaten und der zivilen Kräfte in Afghanistan sei. Seinen für heute geplanten Abstecher nach Kundus sagt Niebel ab.

Leidenberger, seit 2008 Brigadekommandeur bei den Fallschirmjägern in Oldenburg und seit Dezember ranghöchster deutscher Soldat in Nordafghanistan, weiß sehr genau, wie schlecht die Sicherheitslage im Raum Kundus ist. Kaum sind die Taliban-Kämpfer aus einer Region vertrieben, kehren sie in die Dörfer zurück, um ihre Angriffe auf die Soldaten der Schutztruppe Isaf fortzusetzen. 4300 Bundeswehrsoldaten sind Leidenberger unterstellt, viel zu wenige, um die von den Taliban beherrschten Gebiete zurückzuerobern und sie dauerhaft zu kontrollieren. Deshalb ist Leidenberger froh, dass nicht nur die Bundeswehr ihr Engagement in Nordafghanistan ausweiten will, sondern auch die US-Armee Verstärkung schickt. Mehr als 30 Transport- und Kampfhubschrauber wollen die Amerikaner mitbringen, vor allem aber Rettungshelikopter, die auch nachts eingesetzt werden können. Leidenberger kann jetzt flexibler gegen die Taliban vorgehen, seine Truppen schneller verlegen und viel besser Schwerpunkte setzen.

Das ganze Geschehen, das alles beherrschende Thema an diesem Tag, scheinen das in den Hintergrund zu drängen, was Niebel – nach Karl-Theodor zu Guttenberg (Verteidigung), Guido Westerwelle (Äußeres) und Thomas de Maizière (Inneres) der vierte Minister der neuen Regierung, der Afghanistan besucht – eigentlich besprechen wollte: Entwicklung, ziviler Aufbau, Fortschritt. Während er gestern sein langfristig geplantes Besuchsprogramm in Masar-i-Scharif absolviert, wird immer klarer, dass der zivile Wiederaufbau in Afghanistan nur gelingen kann, wenn die Sicherheit gegeben ist. Im Großraum Masar-i-Scharif ist dies weitgehend der Fall, die Stadt erlebt einen wirtschaftlichen Boom. In Kundus dagegen sind kaum noch ausländische Entwicklungshelfer im Einsatz. Die Taliban haben sie aus dem Umfeld der deutschen Wiederaufbauteams (PRT) vertrieben.

Ganz anders ist die Lage in Feisabad, dem zweiten deutschen PRT. Hier, im Nordosten Afghanistans, ist es, wie die Soldaten sagen, „ruhig, aber nicht stabil“. Neben dem Feldlager der Bundeswehr vor den Toren der Stadt entsteht derzeit ein Trainingscamp, in dem deutsche Polizisten afghanische Sicherheitskräfte ausbilden. Die Provinz Badakschan gehört zu den fünf Schwerpunktprovinzen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Niebel besichtigt dort ein Patientenhaus der Hilfsorganisation Kinderberg International. Darin werden unter anderem Unterernährte betreut. Die Müttersterblichkeit und die Kindersterblichkeit sind beängstigend hoch, weil keine ausreichende Gesundheitsversorgung und Ernährung gewährleistet ist. Ärzte von Kinderberg International kämpfen seit Jahren erfolgreich gegen die hohe Kindersterblichkeit und haben mobile Gesundheitsstationen organisiert, die auch in kaum zugänglichen Bergdörfern arbeiten.