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Deutschland / Weltweit Nur Saalmusik trennt Kanzlerin und Herausforderer
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Nur Saalmusik trennt Kanzlerin und Herausforderer
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21:35 21.05.2009
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) beim Kirchentag in Bremen.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) beim Kirchentag in Bremen. Quelle: Nigel Treblin/ddp
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"Mensch, wo bist du?" - der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier scheint das Motto des Bremer Kirchentages auf seine Art zu interpretieren. Die Halle 4 des Bremer Messegeländes ist vollbesetzt, 2995 Leute klatschen immer mal wieder, obwohl die Bühne leer ist und warten geduldig, das Leipziger Duo "Euphoryon", Gitarre und Bass, haut scharfkantige Tango-Klänge in den Saal. Nur der Sozialdemokrat Steinmeier ist noch nicht da. "Bitte habt Geduld", sagt Eckhard Nagel vom Kirchentagspräsidium: "Ich habe den Vizekanzler den ganzen Tag begleitet, war mit ihm auf dem Markt der Möglichkeiten, auf einer Schiffs- und auf einer Fahrradtour, er braucht einen Moment, sich zu regenerieren." Draußen vor der Messehalle donnert es, sogar Hagelkörner fallen. Im Saal rauscht Beifall auf, Steinmeier kommt - mit 22 Minuten Verspätung.

Aber die noch gar nicht so alte Regel, dass das Leben angeblich den bestrafen soll, der zu spät kommt, ist für den Kirchentag in Bremen außer Kraft gesetzt. Die Politiker werden hier durch die Bank freundlich begrüßt. Das geht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der in einer Bibelarbeit den Christen rät, nicht immer Nein zu sagen, nicht anders als dem Grünen Cem Özdemir oder der sozialdemokratischen Präsidentschaftsbewerberin Gesine Schwan, die in der Bremer Innenstadt über den schwieriger werdenden Aufstieg durch Bildung debattieren. Und auch, weil in diesem Jahr Bundestagswahl ist, nehmen sich sowohl die christdemokratische Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wie auch ihr Herausforderer Frank-Walter Steinmeier für den Kirchentag ausgiebig Zeit, zumal sich beide auf diesem Terrain sichtlich wohl fühlen.

Frank-Walter Steinmeier diskutiert am Donnerstagnachmittag mit dem Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Jakob Kallenberger, über "Menschenwürde in einer solidarischen Weltgemeinschaft" - ein etwas hohler Titel, wie Kallenberger andeutet. Angela Merkel kommt pünktlich und parliert am Morgen mit dem britischen Historiker und Osteuropa-Kenner Timothy Garton Ash über "Menschenwürde und Demokratie".

Die Kanzlerin spricht vor 8500 Zuhörern mit Ash über die deutsche Einheit, über Europa und die Demokratie. Hin und wieder löckt der Brite wider den Stachel der merkelschen Diplomatie. "Man muss auch mit Diktatoren sprechen, aber wenn man anfängt, auch noch deren Systeme zu loben, dann ist das falsch", hat Merkel gesagt und für diesen Grundsatz Beifall bekommen. Doch keine Antwort kommt auf Ashs Satz: "Wir stünden viel besser mit dem Iran da, wenn wir nicht zwanzig Jahre eine reine Sanktionspolitik betrieben hätten." Auch Ashs Bemerkung, dass die Administration des früheren amerikanischen Präsidenten George W. Bush es mit dem Irak-Krieg geschafft habe, der demokratischen Idee "einen schlechten Namen" verliehen zu haben, weil nicht nur Wahlen, sondern auch "Rechtsstaatlichkeit und politisches Ethos" zur Demokratie zählten, bleibt ohne Erwiderung. Die Kanzlerin sitzt im senfgelben Frack nur da und lächelt etwas mokant.

Dafür wird sie richtig lebendig, als Ash fordert, die Deutschen müssten wieder viel stärker zum Motor der europäischen Einigung werden und dafür nationalstaatliche Interessen zurückstellen, die vor allem die Briten und Franzosen in den Mittelpunkt stellten. "Wir kommen auch mit Großbritannien und Frankreich gut aus, aber wir sind tatsächlich schwieriger geworden", sagt Merkel und vergleicht den Vorgang mit dem Kampf um die Gleichberechtigung: "Ich habe immer gesagt: Wenn die Männer sich nicht verändern, dann wird es auch mit der Gleichberechtigung nichts." Auf Ashs Frage, wer denn in Europa "Mann" sei, antwortet Merkel: "Früher waren die Alliierten die Männer." Das Publikum quittiert solche Sätze mit Beifall, Merkel hat hier ein Heimspiel, selbst gegenüber einem brüllenden Landwirt bleibt sie gelassen.

"Sie haben schon in der DDR den Mund nicht aufgemacht und wie sie jetzt die Bauern behandeln, ist ein Skandal", schnauzt der. "Meinetwegen kann der Landwirt wieder hereinkommen. Ich bin tolerant", entgegnet sie souverän.

Steinmeier muss mit derartigen Zwischenbrüllern nicht rechnen. Auch er plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen eines Außenministers, der bei diskreten Kriseninterventionen sehr oft den Präsidenten des Roten Kreuzes am anderen Ende der Leitung hat. "Vielleicht haben wir uns in den letzten zehn Jahren zu sehr daran gewöhnt, Außenpolitik mit Presseerklärungen und Statements zu begleiten", sagt Steinmeier. Etwas unklar bleibt dabei freilich, an wessen Adresse diese Kritik gerichtet ist. Vermutlich an die der Bush-Administration, denn später beklagt der Vizekanzler sich darüber, dass die schematische Einteilung der Welt in Gut und Böse die Außenpolitik weit zurückgeworfen habe. Steinmeier plädiert für eine Politik der kleinen Schritte, die dem Menschen wirklich hilft. "Sich mit den schlechten Zuständen zu befassen, heißt nicht, sich mit ihnen abzufinden, sondern sie zu bearbeiten, damit sie sich verändern", zitiert der Minister den SPD-Ostpolitik-Papst Egon Bahr.

Merkel wie Steinmeier eint die großkoalitionäre Einsicht, dass gute Politik im Wesentlichen auch die Kunst ist, gute Kompromisse zu schließen. Nur die Saalmusik könnte nicht unterschiedlicher sein - bei Steinmeier der "Tango Nuevo" des avantgardistischen Leipziger Duos, während Merkel selbst an den Flügel zum Hildesheimer Komponisten Joachim Arnold kommt und das Negro-Spiritual "Swing Low, sweet Chariot" anstimmen lässt. Ein Sehnsuchtslied aus der Zeit der Sklaverei.