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Deutschland / Weltweit Ein verrückter Wahlkampf
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00:15 23.09.2013
Wahlkampf: Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer vo nder SPD, Peer Steinbrück. Quelle: dpa
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Hannover

Der engagierte Moderator wollte offensichtlich auf etwas anderes hinaus. Er fragt, etwas irritiert: „Gehen Sie nicht auch wählen?“ Angela Merkel hält sich vor Schreck die Hand vor den Mund. „Das habe ich jetzt vergessen.“ 
Wahlkämpfe sind anstrengend. Merkel hat die Rede vom Opernplatz in den vergangenen vier Wochen rund 60 Mal gehalten. In Saarbrücken und Wuppertal, in Osnabrück und Dresden, in Mainz und Köstritz und Hamburg und Rüsselsheim. Der wichtigste Leitspruch eines Wahlkämpfers lautet: Erst wenn man seine eigene Botschaft nicht mehr hören mag, ist sie beim Volk angekommen. So preist sie ein ums andere Mal die gute wirtschaftliche Stimmung und die niedrige Arbeitslosenquote im Land. Am Ende bittet sie um die Stimmen ihrer Anhänger: „Es geht um Ihr Leben.“

Eigentlich ist also alles wie immer im Wahlkampf. Unzählige Plakate wurden verklebt, Millionen für Spots, Bühnen und Anzeigen ausgegeben. Bei Günther Jauch ging es noch hysterischer zu als sonst, Menschen begrüßen sich mit der „Merkel-Raute“, und wahrscheinlich wachen Paare vor lauter Dauerberieselung in der Nacht auf und halten Gleicherlohnfürgleichearbeit für den Namen ihres Partners.
Und doch ist etwas anders.

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Noch nie waren kurz vor der Wahl so viele Wähler unentschlossen. Und selten war auf Seiten der Wähler so wenig Begeisterung zu spüren, wie in diesem Wahlkampf. Hat das einen Grund? Liegt der vielleicht auch im Wahlkampf selbst?
Wahlkämpfe sind als Akt der politischen Zuspitzung gedacht, als Phase der komprimierten, politischen Meinungsbildung. Eigentlich. Wenn man eine erfolgreiche Regierungschefin ist, sind Wahlkämpfe vor allem eines: lästig. Sie stören den Apparat, sie halten einen von den wirklich wichtigen Dingen ab. Griechenland-Rettung, Wirtschaftsbeziehungen, Syrien. Und: Sie können den Job kosten. Angela Merkel hat sich deshalb alle Mühe gegeben, aus der „heißen Wahlkampfphase“ eine nüchterne Vortragsreise zu machen.

„Ich denke, Wahlkämpfe sind nicht dazu da, den Gegner schlechtzureden, sondern die eigenen Erfolge anzusprechen“, hat sie auf einem Marktplatz im Harz gesagt. Den Namen des „Gegners“ nahm sie fast nie in den Mund. Seit Wochen hängt dafür an der Fassade des Berliner Hauptbahnhofs ein 2378 Quadratmeter großes Plakat nur mit den Händen der Kanzlerin, die Fingerspitzen ruhend aneinandergelegt. Es sieht aus wie: Ruhe sanft, liebes Wahlvolk.
Wahlkampf 2013 bedeutet auch: Die eine will nicht, der andere kommt nicht dazu.

Wahlkampf der Herzen

Im Juli, SPD-Parteikonvent in Berlin. Peer Steinbrück sitzt mit seiner Frau Gertrud auf der Bühne, im Hintergrund schwebt das SPD-Wahlmotto: „Das WIR entscheidet.“ Eine Moderatorin befragt die Kanzlerkandidatenehefrau, was denn ihr Mann besonders gut könne. Ihre knappe Antwort: „Lesen.“ Das Publikum lacht, sie fügt hinzu: „Er stört nicht.“ Dann wird sie gefragt, warum sich ihr Mann die Kandidatur antue. Ihre Antwort klingt, als sei er in den Krieg gezogen. „Uns ging es gut. Wir hatten Freiheit.“ Gertrud Steinbrück gerät ins Reden, beschwert sich wortreich über die Art und Weise, wie ihr Mann beschrieben werde. „Das finde ich schwer zu ertragen.“ Steinbrück sitzt daneben und verdrückt eine Träne. „Steinbrück weint“, steht am nächsten Tag in den Zeitungen. Und, dass seine Gertrud eine starke Frau ist.

Für Steinbrück war Wahlkampf von Beginn an Krampf. Es nahm seinen Anfang am 18. September 2012 im Hotel Luisenhof in Hannover. SPD-Chef Sigmar Gabriel trug dem Buchautor und Ex-Finanzminister heimlich die Kanzlerkandidatur an. Es folgten die zur „Sturzgeburt“ verunglückte Ausrufung, die Debatte um üppige Vortragshonorare, die Einlassungen zum mageren Kanzlergehalt, der wenig sozialdemokratische Pinot Grigio. Dass zuletzt nicht auch noch eine philippinische Putzfrau für größeren Ärger sorgte, die bei Steinbrücks vor 13 Jahren geputzt hat, liegt wohl nur daran, dass Medien und politische Gegner längst den Spaß daran verloren hatten, den SPD-Kandidaten weiter zu demontieren.

Es war der SPD-Kandidat selbst, der in der vergangenen Woche frustriert Bilanz gezogen hat. Mit ausgestrecktem Mittelfinger posierte er kurz vor der Bayern-Wahl vergangenes Wochenende im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Es war seine Antwort an diejenigen, die ihm „Knüppel zwischen die Beine werfen“. Die Reaktion war erwartbar: Kopfschütteln. Steinbrück will sich den Empörungsmechanismen eines Wahlkampfes offensichtlich nicht beugen. Lieber bringt er sich immer wieder in Not. Aber: Ist das schlecht? Oder kann das vielleicht sogar bereichernd sein?
Die öffentliche Debatte hat das zuletzt manchmal aus den Augen verloren. Das große Thema in diesem Wahlkampf war eindeutig der Wahlkampf selbst. Das Publikum sezierte genüsslich Fettnäpfchendichte, dramaturgische Fehler und beklagte gleichzeitig Inhaltsarmut und den Mangel an rhetorischen Wirkungstreffern. Die Wähler haben den Ringkampf der Parteien in ihrer Not zum Skandälchengenerator mit Soap-Qualitäten umgedeutet, dessen „Höhepunkte“ freilich nur kurz elektrisierten. Politik als Entertainment, die Kandidaten turnen vor: schön süffig, keine langen Sätze, bitte. Und auch mal was Persönliches. Sonntag wird abgestimmt.

Halligalli und „King of Kotelett“

Montagabend, Studio 5, Union-Film in Berlin. Steinbrück ist auf Erstwählerfang bei der Pro7-Teenagersause „Circus Halligalli“. Moderator Klaas Heufer-Umlauf fragt: „Wir bitten jetzt um kurze, präzise Antworten ...“ – Steinbrück: „Ist gut, Frau Will.“ Heufer-Umlauf: „Und wenn Sie am 22. September nicht Kanzler werden?“ – Steinbrück ironisch: „Dann bin ich garantiert nicht schuld!“ Guido Westerwelle habe ja damals im „Big Brother“-Container gesessen, sagt der Moderator – hat Steinbrück nichts aus der Geschichte gelernt? „Ach“, sagt er, „wir sind doch hier auf einem ganz anderen Niveau.“

Ach, das Niveau. Was soll man sagen über einen Wahlkampf, in dem eine Partei mit dem Slogan „Gemeinsam erfolgreich“ als haushoher Favorit in die Abstimmung geht? Ist gar die Idee, die Berliner Republik alle vier Jahre in schwarzen Limousinen aufs Land zu schicken, um auf Marktplätzen zu „den Menschen“ zu reden, längst gescheitert? Auffallend viele Intellektuelle zeigten sich von diesem Schauspiel geradezu angewidert. So schrieb der TV-Philosoph Richard David Precht in einem viel beachteten Beitrag, dass der Wahlausgang, welcher auch immer, kaum Auswirkungen auf die Politik haben werde. Precht folgert: „So gesehen, ist selbst die Wahl zwischen Wählen und Nichtwählen nicht wirklich wichtig.“

Dabei gab es Lichtblicke. Die Parteien führen eine kontroverse Debatte um das Gesundheitssystem, auch wenn sie zu selten auf den Punkt gebracht wurde. Es gibt Unterschiede in der Steuerpolitik, nur wurden sie allzu gern durch Veggie-Day-Phantomdebatten überlagert. Auch die Konzepte zur Energiewende unterscheiden sich. Sogar der Unterschied zwischen Lohnuntergrenze und gesetzlichem Mindestlohn lässt sich diskutieren. Nur will diese Details kaum jemand wissen.

Stattdessen amüsierten sich Teile des Wählervolkes lieber über Steinbrücks putzige Kinderreime („Hätte, hätte, Fahrradkette“) und den Hang zu originellen Formulierungen. Moderator Stefan Raab ebnete keck dem Begriff „King of Kotelett“ den Weg in die Politikberichterstattung. Und Merkel erklärte das 22 Jahre alte World Wide Web zum „Neuland“, um nicht allein mit den technischen Details der NSA-Abhöraffäre fremdeln zu müssen. Ein Fest für Twitterer, Journalisten und andere Spötter aus Leidenschaft. Das Beunruhigende dabei: Politisch und juristisch hat sie sogar recht. Doch auch das elektrisierte das Publikum kaum.

Aber was dann?

War es der Moment Anfang September, als ein Hauch alter, besserer Wahlkampfzeiten die Detmolder Fußgängerzone umwehte? SPD-Altkanzler Gerhard Schröder bezichtigte seine Nachfolgerin mit strengem Gesichtsausdruck der „Lüge“, weil die Regierung nicht sagen will oder sagen kann, wie viel Geld die Griechenland-Rettung den Steuerzahler noch kosten wird. Vielleicht war es auch die ARD-Sendung „Wahlarena“, als Merkel auf die Frage eines Homosexuellen, warum er keine Kinder adoptieren dürfe, nur Halbsätze herausbrachte, die im Nirvana endeten – um dann verblüffend offen zu erklären: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung.“

Bemerkenswert auch der Auftritt von FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle Anfang dieser Woche, als er nach der verlorenen Bayern-Wahl kurzerhand das Wahlsystem uminterpretierte. „Wer Merkel haben will, wählt FDP“, heißt nun der Endspurt-Slogan des FDP-Spitzenkandidaten.
In der Dramaturgie der Wahlkämpfer sind das alles nur Scharmützel. Die Königsdisziplin, der Höhepunkt einer Wahlkampagne, ist das TV-Duell. Er gegen sie. Anderthalb Stunden, in denen jedes Wort, jede Geste, jedes Staubkorn auf dem Anzug fünf Prozentpunkte ausmacht. Angeblich. Die Kandidaten ließen sich coachen, die vier (!) Moderatoren haben ihre Fragekärtchen geschrieben, 17 Millionen Zuschauer eingeschaltet.

Nach dem Duell folgte die Ernüchterung. Das wichtigste Ergebnis aus Sicht der Beobachter: Merkel trägt Schmuck in den Nationalfarben um den Hals, die Schlandkette war geboren. Und sonst? Ausgerechnet der Mann, von dem das politisch-mediale Establishment die ärgsten Albernheiten befürchtete, erwies sich als Glücksgriff: Stefan Raab brachte Frische in das streng durchritualisierte Duell und tat das, was RTL-Mann Peter Kloeppel verweigerte: Er moderierte. „Bild“ feierte Erzfeind Raab gar als  Sieger des Duells. Die Kandidaten trennten sich nach allgemeiner Meinung unentschieden.
Auch das sagt viel über den Wahlkampf 2013.

Von Dirk Schmaler und Imre Grimm

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