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Deutschland / Weltweit Politikpsychologe erklärt, wieso Merkels Zitteranfälle möglicherweise Kopfsache sind
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Politikpsychologe erklärt, wieso Merkels Zitteranfälle möglicherweise Kopfsache sind
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18:07 11.07.2019
Bundeskanzlerin Angela Merkel erlitt innerhalb weniger Wochen drei Zitteranfälle vor laufender Kamera. Quelle: AP
Hannover

Die Sorge um Angela Merkel und ihren Gesundheitszustand wird größer. Nach ihrem dritten Zitteranfall beim Empfang des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne am Mittwoch, versicherte Merkel bei einer anschließenden Pressekonferenz, dass es ihr gut gehe. Doch genauere Angaben, woher das Zittern kam, gab es nicht. Allerdings sagte die Bundeskanzlerin bei eine Pressekonferenz nach ihrem zweiten Zitteranfall, dass sie in einer „Verarbeitungsphase“ sei, die scheinbar noch nicht abgeschlossen sei. Ist das Zittern also möglicherweise Kopfsache?

Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklärt er, unter welchem Druck Politiker heutzutage stehen und wie sich das auf ihre Arbeit und Psyche auswirkt.

Herr Kliche, Angela Merkel bezog ihre Anfälle auf Stress und dass sie in einer „Verarbeitungsphase“ sei. Wie würden Sie das übersetzen?

Das heißt übersetzt: Lasst mich in Ruhe! Jeder Mensch ist mal krank, man muss das mit Kaffeesatzlesen doch nicht noch schlimmer machen. Wenn es wirklich nicht mehr geht, werde ich Euch schon reinen Wein einschenken.

Das Zittern wurde auch schon als Kopfsache abgetan. Also, der Kopf denkt: Bloß nicht zittern und der Körper fängt an zu zittern wie Espenlaub. Welchen Streich spielt uns das Gehirn da?

Versuchen Sie mal eine Minute konzentriert, nicht an Ihre Uhr zu denken. Woran denken Sie? Leider ist daraus gar nichts abzuleiten. Wenn man nicht an die Uhr denkt, vergeht die Zeit genauso. Wir müssen lernen, dass wir nicht alles unter Kontrolle haben.

Wieso wird beim Gesundheitszustand der Bundeskanzlerin ihrer Meinung nach nicht Klartext gesprochen?

Warum soll sie sich von der Aufmerksamkeit der Medien in die Enge treiben lassen? Nicht einmal die Royals müssen ihre Scheidungsanträge oder Krankmeldungen vorher bei der Boulevard-Presse einreichen.

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Wie ergeht es Politikern heutzutage in der Öffentlichkeit?

Richtig mies. Sicher, es war nie leicht. Jede Gesellschaft hat ja Gefühlsnormen. Deren Einhaltung überwacht das dauernde Scheinwerferlicht bei Politikern höchst eng und bis ins Privatleben.

Doch nun hat der Populismus mit seiner Art hetzerischer und hasserfüllter Elitenkritik ein ganz unerfreuliches öffentliches Gefühlsklima befeuert.

Das Ausleben von Aggression gilt als ganz normal, obwohl man jedem Kleinkind bei Tisch die bösartigen Umgangsformen untersagen würde, die die Internet-Kommentarspalten zuhauf füllen. Politiker können sich aber aus der Öffentlichkeit auch nicht einfach zurückziehen, nicht einfach dosieren, wie man das sonst bei schwierigen Aufgaben tut. Das ist ja ein zentrales Arbeitsfeld.

Wie kann die Psyche reagieren, wenn man sich vom ständigen Druck nicht zurückziehen kann?

Erstmal passen wir uns an, wir arbeiten gewissermaßen schlampiger. Unter erheblichem Druck urteilen Menschen oberflächlicher, verarbeiten Informationen gemäß ihren Vorstellungen und nicht genau prüfend. Sie machen dann eben auch leichter Fehler. Unter den Langzeit-Verläufen hoher Belastung ist Burnout gar nicht unbedingt der häufigste. Viele Menschen halten das sehr lange aus.

Sehr weit verbreitet sind auch Zynismus und Frivolität: Man glaubt, nicht mehr viel bewegen zu können, verliert die Selbstwirksamkeitserwartung, und damit den Respekt vor der eigenen Arbeit, man macht sich über alles boshaft lustig, wird unverbindlich und hämisch. Diese Gefahren finden Sie gerade in psychosozialen Berufen.

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Klingt wie ein schleichender Verschleiß. Passiert das Politikern?

Ja. Wer viel mit Menschen zu tun hat, denen er immer wieder geduldig das Gleiche erklären muss – mit mäßigem Erfolg – dessen Bild vom Menschen ist in Gefahr und es verschiebt sich. Gerade bei Politikern, aber auch Polizisten, Rettungskräften oder Menschen, die offenen Egoismus hautnah zu spüren bekommen, und die auch erleben: Argumente nützen nichts, Vernunft erreicht manche Menschen einfach nicht.

Was passiert bei dieser „Verschiebung“?

Man verliert die Hoffnung in die Fähigkeit von Menschen, aus Einsicht und Freundlichkeit zusammenzuwirken. Es reicht ja ein erheblicher lauter Anteil, um einem den Spaß richtig auf Dauer zu vermiesen. Das erleben wir derzeit bei den Kommunalpolitikern, denen die fordernden, beleidigenden, respektlosen und bedrohlichen Umgangsformen vieler Zeitgenossen einfach Oberkante Unterlippe stehen.

Man wird dann wählerisch im Umgang, man zieht sich also zurück, man wartet ab. Sicher nicht nur schlecht, aber Politik beruht nun mal auf Engagement, und wir wünschen uns ja gerade begeisterte und überzeugte Führungspersönlichkeiten. Aus psychologischer Sicht ist das aber so: Die Stärke der Führung wird denen an der Spitze von der Gruppe übertragen. Versagt die Gruppe, nutzt kein noch so genialer Kopf an der Spitze was.

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