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Deutschland / Weltweit Richard von Weizsäcker feiert 90. Geburtstag
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21:50 13.04.2010
Von Michael Grüter
Feiert seinen 90. Geburtstag: der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker.
Feiert seinen 90. Geburtstag: der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Quelle: Frank Wilde (Archiv)
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Von Beruf sei er „Zeitzeuge“, erklärte der hochgewachsene weißhaarige Herr dieser Tage. Darin liege eine mitunter durchaus anstrengende Verpflichtung. Sein hohes Alter merkt man Richard von Weizsäcker, der am Donnerstag seinen 90. Geburtstag feiert, kaum an. In der Öffentlichkeit ist der frühere Bundespräsident (1984 bis 1994) sehr präsent. Außer Dienst scheint er nicht zu sein.

In den Gesichtszügen der Kanzler Helmut Kohl und Helmut Schmidt, den beiden anderen großen Alten der deutschen Politik, hat die Macht Spuren hinterlassen. Etwas ist hängen geblieben im verhärteten Mienenspiel. Von Weizsäcker ist charmanter, freundlicher. In seinem Gesicht lässt sich lesen wie in einem Buch. Er ist es gewohnt, Menschen Anteil nehmen zu lassen: Er war ja auch kein Mächtiger, eher ein Einflussreicher.

Auf einem Foto trägt Richard als jüngstes Kind einer sechsköpfigen Diplomatenfamilie als einziger keine ernste Miene. Richard sei der „Hofnarr“ der Familie gewesen, die fröhlichste, weiseste, mitunter traurigste Figur, erläuterte der Sohn des Altbundespräsidenten, Fritz von Weizsäcker, in der ARD. Die Freundlichkeit aus Kindertagen ist in den Begegnungen des Altbundespräsidenten bis heute präsent.

Am Abend des 11. November 1989 spielt ein jungenhaft verwegenes Lächeln um die Lippen des damals 69-Jährigen. Bundespräsident von Weizsäcker, der die Nachricht vom Mauerfall im Autoradio in Süddeutschland vernommen hatte, war in unsicherer Lage unangemeldet zur Erkundungsmission an die Grenze aufgebrochen. Es ging gut aus. Der DDR-Offizier grüßte den westdeutschen Präsidenten, als sei von Weizsäcker schon das Staatsoberhaupt eines vereinigten Deutschland: „Herr Bundespräsident, ich melde gehorsamst, keine besonderen Vorkommnisse.“

Zum leuchtenden Strahlen ordnen sich die Falten des 89-Jährigen, wenn ihn die Journalistin Sandra Maischberger fragt, ob sein 1951 verstorbener Vater, Ernst von Weizsäcker, stolz gewesen wäre, ihn als Bundespräsidenten erleben zu können. „Stolz“ wäre nicht die Kategorie seines Vater gewesen, sagt von Weizsäcker und fügt hinzu: „Ich glaube schon, dass er sich gefreut hätte.“

Von Weizsäcker hat das Amt des Bundespräsidenten mit seinen beiden Amtsperioden geprägt wie vor ihm nur Theodor Heuss, das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik. Von Weizsäckers drei Nachfolger haben sich an ihm messen lassen müssen. Sein Erfolg ist ohne seine tiefe Verankerung in der Geschichte einer großbürgerlichen, deutschen Familie nicht zu verstehen.

Die Vorfahren von Weizsäckers waren, was sich im Namen niederschlägt, als Müller in Schwaben zu Vermögen gekommen, sie wurden dann Pfarrer oder auch Wissenschaftler. Sein Großvater war württembergischer Ministerpräsident. Das „von“ wurde Namensteil, der Adelstitel wurde den Weizsäckers in der letzten Sekunde des untergehenden Kaiserreichs gewissermaßen nachgeworfen. „Einem Ganzen dienen“ lautete das Motto der Weizsäckers. Früher habe man das Nation, Vaterland genannt, später Frieden, erzählt Carl-Friedrich von Weizsäcker, der ältere Bruder Richards, Atomforscher und Philosoph.

Die Familientradition hinderte die Weizsäckers nicht daran, sich im Dritten Reich in Hitlers Pläne einbeziehen zu lassen. Der Bruder Carl Friedrich forschte für Hitlers Atombombe. Der Vater Ernst, als Staatssekretär der zweitwichtigste Mann im Außenministerium, blieb zunächst im Amt, um den Krieg zu verhindern, dann auch darüber hinaus. Richard gehörte mit dem im Krieg gestorbenen Bruder Heinrich zu den Soldaten, die am 1. September 1939 in Polen einmarschierten.

„Wir verstanden das wenigste und glaubten das meiste“, beschreibt er die damalige Geisteshaltung. Im Krieg gewann er Distanz zum Regime und Kontakt zu den Widerständlern des 20. Juli.

Seinem Vater sprang der 27-Jährige Jura-Student Richard von Weizsäcker 1947 als Hilfsverteidiger vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal der Alliierten bei. Zu sieben Jahren Haft wurde der Vater verurteilt. Vorzeitig freigelassen, stirbt er bald. In der Material- und Zeugenschlacht sah sich Richard von Weizsäcker konfrontiert mit dem „erschütternden Ausmaß an Verbrechen“. Diese Zeit sei „vielleicht die größte und intensivste Lehrzeit, die ich im Leben überhaupt erlebt habe“, schreibt er in seinen „Erinnerungen“.

Von Weizsäckers weiteres Leben lässt sich von diesem Punkt her erklären. Es galt, Lehren zu ziehen aus der persönlichen und familiären Vergangenheit, den Bruch zu markieren, sich demokratisch zu engagieren, die Aussöhnung mit Polen zu suchen. Alles Themen der Rede, die von Weizsäcker nach einem Jahr im Amt zum 8. Mai 1985 hielt. 40 Jahre nach der Niederlage Deutschlands wurde sie zu „der Rede“ eines Präsidenten, weil hier jemand aus der Erfahrung eines Lebens sprach, in dem sich die große Mehrheit der Deutschen wiedererkennen konnte. Weizsäcker einte die in dieser Frage gespaltene Nation, schuf einen Konsens, der bis heute im Streit um das Zeichen gegen Vertreibungen die Richtung vorgibt.

Von Weizsäcker holte den Tag aus dem Zwiespalt. Er erinnerte an das schwere Leid, dass mit Kriegsende über viele Deutsche kam. Die Ursache für Flucht und Vertreibung liege im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg geführt habe. „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“ Und weiter: „Der 8. Mai war Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System nationalsozialistischer Gewaltherrschaft“.

Von einem „historischen Glücksmoment“ spricht Helmut Schmidt. Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) ist gewiss, dass die Rede geholfen habe, um Bedenken der Nachbarn gegen ein geeintes Deutschland zu überwinden und damit den Fall der Mauer erst möglich gemacht habe.

Als CDU-Bundestagsabgeordneter hatte von Weizsäcker dazu schon vorher seinen Beitrag geleistet. Er wollte den von Willy Brandt ausgehandelten Ostverträgen zustimmen, zwang 1972 mit wenigen anderen die Unionsfraktion, das Vertragswerk durch Enthaltung passieren zu lassen.

Sie werden in der Politik nicht gebraucht, hatte Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Republik, gegenüber dem jungen Wirtschaftsmanager von Weizsäcker erklärt. Engagiert in der evangelischen Kirche mischte sich von Weizsäcker dennoch ein, als Ko-Autor der Ost-Denkschrift und als gesamtdeutscher Kirchentagspräsident.

Der aufstrebende Pfälzer CDU-Politiker Helmut Kohl wurde auf ihn aufmerksam, gewann ihn zur Bundestagskandidatur, trug ihm zweimal die Präsidentschaftkandidatur an. Das entscheidende dritte Mal erkämpfte Weizsäcker sie sich. Das Verhältnis zwischen dem Kanzler und dem Präsidenten, war lange Zeit wechselhaft. Spannung löste sich ab mit vertrautem Zusammenspiel. Über die Kritik des Präsidenten an den „machtversessenen und machtvergessenen Parteien“ kam es zu tiefem Streit. Als Weizsäcker deutliche Worte zu Kohls Rolle im Spendenskandal fand, wuchs sich das zum Zerwürfnis aus. Wenn das Gespräch auf Kohl kommt, wird von Weizsäckers Miene abweisend, ja frostig. Mit Helmut Schmidt ist er befreundet.