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Deutschland / Weltweit Russland verzweifelt im Feuersturm
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10:59 06.08.2010
Am Rande der Verzweiflung: Ein junger Mann, der als freiwilliger Feuerwehrmann aus Moskau gekommen ist, kann das Ausmaß der Zerstörung in Nischni Nowgorod nicht fassen.
Am Rande der Verzweiflung: Ein junger Mann, der als freiwilliger Feuerwehrmann aus Moskau gekommen ist, kann das Ausmaß der Zerstörung in Nischni Nowgorod nicht fassen. Quelle: dpa
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Grau und verwittert sind die Mauern des Kirchleins von Motmos, einem Dorf in der Wolga-Region Nischni Nowgorod. Das Gotteshaus hat schon einiges miterlebt: die Verfolgungen in der Stalin-Ära, davor Bauernaufstände und noch früher die Einfälle der Mongolen. Mit denen teilen die Russen seither die Vorliebe für Türkisblau. Eine Kuppel in eben dieser Farbe krönt den wuchtigen weißen Turm, der erst vor ein paar Jahren an die Kirche angebaut worden ist.

Das orthodoxe Kreuz mit dem Schrägbalken, das auf der Spitze thront, scheint fast die Wolken zu berühren, die über den Abendhimmel jagen. Ihre Ränder sind orangefarben angehaucht. Das liegt nicht an der untergehenden Sonne, sondern an der Feuerwand, die sich durch die Wälder auf das Dorf zufrisst. Angefacht vom Wind, der die Klöppel der Glocken bewegt und ihnen ein Sturmgeläut wie zur Mongolenzeit entlockt. Und so wie vor achthundert Jahren vor den Steppenkriegern fliehen die Bauern jetzt vor dem Feuer.

Am Donnerstag stieg die Zahl der bestätigten Toten auf 50. Tausende Menschen sind obdachlos. Über Russland rast derzeit die schlimmste Waldbrandkatastrophe seit Beginn meteorologischer Aufzeichnungen vor 130 Jahren hinweg. Über sieben Regionen Zentralrusslands hat Präsident Dmitri Medwedew bereits den Ausnahmezustand verhängt, in weiteren sieben gilt die Lage als ähnlich katastrophal. Das sei schamlos untertrieben, empörten sich unabhängige Experten. Kritisch ist aus ihrer Sicht die Lage in 37 der insgesamt achtzig Regionen.

In der Tat: Die Taiga in Ostsibirien brennt lichterloh, die Urwälder an Amur und Ussuri an der Grenze zu China stehen ebenfalls in Flammen. Doch in Russisch-Fernost, wo das Kontinentalklima im kurzen heftigen Sommer für Temperaturen um die vierzig Grad sorgt, brennen die Wälder jedes Jahr. Und die Region ist nur dünn besiedelt – anders als Zentralrussland, das in gemäßigten Breiten liegt und zum ersten Mal ein derartiges Inferno erlebt.

Am schlimmsten ist die Region Nischni Nowgorod heimgesucht. Die Sicht in der Millionenstadt beträgt nur wenig mehr als dreihundert Meter, auf dem Flughafen können seit Tagen keine Maschinen mehr landen oder starten. Die Flammen haben sich teilweise bis an die Fernverkehrsstraßen gefressen. Die sind jetzt zum großen Teil gesperrt. Autofahrer, die vor den Flammen fliehen oder umgekehrt Hilfe bringen sollen, müssen weite Umwege machen. Zwar konnte die akute Bedrohung für das 200 Kilometer entfernt liegende Kernforschungszentrum Sarow, wo der Diktator Stalin die ersten sowjetischen Atombomben bauen ließ, vorerst abgewendet werden. Aber die Betonung liegt auf „vorerst“. Ändert sich die Windrichtung – und das tut sie ziemlich häufig - ändert sich auch die Lage an der Feuerfront

77 Ortschaften sind bisher niedergebrannt. Das Dorf Werchnjaja Wereja wurde in weniger als zwanzig Minuten vom Erdboden getilgt. „Die Männer haben versucht, Gräben auszuheben“, sagt Vera Samochina. „Doch eine Feuerwand raste gleich von zwei Seiten auf uns zu.“ Ihre Nachbarin hat immer wieder beim regionalen Stab des Ministeriums für Katastrophenschutz angerufen und stets die gleiche Antwort bekommen: Nicht in Panik verfallen, Busse sind bereits unterwegs. „Doch kein einziger ist gekommen“, sagt die 64-jährige Rentnerin. „Da haben wir schnell die Papiere zusammengerafft, ein bisschen Wäsche, was zu Essen und Wasser in eine Reisetasche gepackt und sind los zur Fernverkehrsstraße. Da kamen dann wirklich Busse, aber die Plätze reichten lange nicht für alle.“

Wer konnte, ist zu Verwandten geflüchtet. Frau Samochina hat sich bei ihrer Tochter in Nischni Nowgorod einquartiert. Die meisten Dörfler sind in eilig geräumten Ferienlagern wie „Lasurni“ untergebracht. Sie wollen nicht klagen: Drei Mal täglich gebe es gut und reichlich zu essen, Ärzte seien da und sogar Psychologen, sagt Tatjana. Ihren Nachnamen will die Hausfrau und Mutter dreier Kinder nicht preisgeben. „Wir haben jetzt andere Sorgen“, sagt sie und wendet sich wieder dem Fernseher zu. Der Nachrichtenkanal „vesti 24“ sendet jede halbe Stunde neue Bilder von neuen Bränden.

Wladimir Stepanow, der Leiter des Krisenstabes im Ministerium für Katastrophenschutz, dem die Anstrengung durchwachter Nächte ins Gesicht geschrieben steht, sprach bereits zu Wochenbeginn von rund 7000 Brandherden landesweit. Täglich kämen bis zu 300 neue dazu. Am Donnerstagnachmittag brannten fast 600.000 Hektar Wald. Im Gebiet Lipezk gingen neben Wäldern auch hunderte Hektar Weizen in Flammen auf. Am Donnerstag hat die Regierung den Export von Weizen bis zum 31. Dezember verboten – wegen der Trockenheit und des Feuers hat das Land bereits 20 Prozent seiner Ernte verloren. Und rund um Moskau brennen die Torfbrüche, die zu Sowjetzeiten entwässert wurden, um den Abbau zu erleichtern.

Das heißt, sie brennen eigentlich nicht, sie schwelen. Das Feuer breitet sich unter der Erde aus und wandert über viele Kilometer Kilometer. An die Oberfläche kommt es durch Erdspalten, befreit und mit Sauerstoff versorgt steigert es sich zum Feuersturm. Häufig mitten in Siedlungen, für die dann jede Hilfe zu spät kommt. Staatliche Katastrophenschützer versuchen indes, das Drama herunterzuspielen. Keinem Dorf drohe unmittelbare Gefahr.

Die Bewohner von Schuwoje haben da ihre Zweifel. Brandwachen patrouillieren rund um die Uhr, seit sich am Donnerstag vergangener Woche die Wiese vor dem Dorf entzündet hat. Mit Mullbinden als Atemschutz vor dem Gesicht, Spaten und Schaufeln in der Hand versuchten sie, den Flammen die Nahrung abzugraben. Der Wind kam ihnen zu Hilfe. Am Wochenende kamen dann endlich auch die Freiwilligen: Studenten der Moskauer Lomonossow-Universität. Sie zeigen den Dörflern vor allem, wie man die Ausbreitung des Feuers mit einfachen Mitteln verhindern kann.

Zwei, drei Mann stehen auf Hügeln und suchen das Gelände mit Ferngläsern ab. Zeigt sich irgendwo Rauch, springen sie in bereit stehende Autos und versuchen sofort zu löschen. Frische Brandherde, sagt Artjom Semenko, der Biologie studiert und bereits seit drei Jahren Freiwilligenbrigaden organisiert, könne man mit etwas Glück in einer halben Stunde löschen – ein Feuer, das schon eine Stunde brennt, bestenfalls in einem Tag. Und zum Löschen von Bränden, die älter als einen Tag sind, brauche man manchmal Wochen.

Fast 180.000 Mann – Luftwaffe und Einheiten der regulären Armee, Katastrophenschützer und andere Paramilitärs, sogar die Verbände der Laubenpieper und Kleintierzüchter – haben Kreml und Regierung bereits gegen das Feuer in Marsch gesetzt. Die Erfolge sind durchwachsen. Bestens bewährt haben sich allerdings die provisorischen Rohrleitungen. In rekordverdächtigem Tempo verlegt, pumpen sie bis zu 3000 Kubikmeter Wasser aus Flüssen und Seen direkt in die Gefahrenzonen. Katastrophenschutzminister Sergej Schoygu ist vor allem auf die extrem vom Wetter abhängigen Löschflugzeuge angewiesen.

Russland besitzt davon gerade mal sechs. Ein Tropfen auf dem heißen Stein: Russland ist der größte Flächenstaat der Welt, die Entfernung zwischen Kaliningrad im Westen und Wladiwostok im Osten beträgt mehr als 10 000 Kilometer. Und selbst in „normalen“ Jahren vernichten Brände im Durchschnitt elf Quadratkilometer Wald. Italien hat gestern zwei zusätzliche Löschflugzeuge nach Russland geschickt.

An immer mehr Ecken lodert auch der politische Streit. „Das Ausmaß dieser Katastrophe zeigt den Zusammenbruch der Regierung“, sagte Kommunisten-Chef Gennadi Sjuganow der Agentur Interfax. Er kritisierte vor allem das vom damaligen Präsidenten und heutigem Regierungschef Putin ins Leben gerufene Waldgesetz von 2007. Demnach sind Pächter oder örtliche Verwaltungen für die Brandvorsorge verantwortlich und nicht wie früher die Forstverwaltung.

Schuld an dem Desaster, hält Katastrophenminister Schoygu dagegen, seien die Bürger selbst: Menschen, die Zigarettenkippen achtlos wegwerfen, Grillfeuer nicht richtig löschen oder Flaschen liegen lassen, die die Strahlen der Sonne wie ein Brennglas bündeln. An einem einzigen Wochenende, rechnete Schoygu der Nation vor, würden dadurch neue Brände auf einer Fläche entstehen, die in etwa dem entspricht, was in den fünf Tagen zuvor gelöscht wurde. Schoygu ist der einzige, der sich solche öffentlichen Schuldzuweisungen erlauben kann; er ist seit Anfang der neunziger Jahre Russlands oberster Katastrophenschützer und der mit Abstand populärste Minister.

Und doch: Er sagt nur die halbe Wahrheit, behaupten Berufsfeuerwehrleute, die vor 15 Jahren mit Schoygus Katastrophenschützern zwangsvereinigt wurden. Seither würden sie für „artfremde Aufgaben“ eingesetzt, klagte der Feuerwehrmann Sergej Negelski bei Radio Liberty. Dadurch sei vielen inzwischen die nötige Qualifikation abhanden gekommen.

Noch schlimmer fällt Russlands Herrschern jetzt auf die Füße, dass sie die zarten Ansätze einer Zivilgesellschaft aus machtpolitischen Erwägungen heraus platt machten. Und damit auch Werte wie Bürgersinn und Solidarität.

Fahrer von Sammeltaxis in Nischni Nowgorod verweigerten zunächst Fahrten in die Gefahrenzone, dann verlangten sie den dreifachen Fahrpreis. Die Händler auf den Bauernmärkten haben es ihnen nachgemacht: Ein Kilo Kartoffeln kostet inzwischen 50 Rubel (1,20 Euro). Und Kriminelle entwickeln ähnliche Energien wie das Feuer.

Als Putin sich mit den Bewohnern des völlig niedergebrannten Dorfes Werchnjaja Wereja traf und die Nation zu Solidarität aufrief, schleppten Marodeure die letzten Habseligkeiten der Brandopfer fort. Im Gebiet Wladimir wiederum legte ein ganzes Dorf Feuer in den eigenen Hütten. Zuvor hatte ein Gerücht die Runde gemacht, wonach die Regierung in Moskau deutsche Firmen mit Neubauten für Brandopfer beauftragt habe.

Andere versuchten, die Entschädigungen gleich zweimal zu kassieren. Ein Staat, der seine Bürger am laufenden Band betrügt, so kommentierte die Online-Zeitung „Gaseta.ru“ in ihrem Leitartikel dazu lapidar, dürfe sich allerdings nicht wundern, wenn diese mit gleicher Münze zurückzahlten.

Elke Windisch

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