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Deutschland / Weltweit Die Heimat der „Gotteskrieger“
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00:15 09.03.2014
Von Thorsten Fuchs
Aktion gegen Salafisten: Polizisten durchsuchen 2012 die „Millatu Ibrahim Moschee“ in Solingen.
Aktion gegen Salafisten: Polizisten durchsuchen 2012 die „Millatu Ibrahim Moschee“ in Solingen. Quelle: dpa
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Dinslaken

Murat ist 15, aber er hat noch das weiche Gesicht eines Kindes, und die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Paradies und Hölle, sind fließend. Natürlich, sagt er, kenne er den Mann auf dem Foto. Den bärtigen, stämmigen Mann, der da in Syrien lächelnd die abgeschlagenen Köpfe seiner Feinde  in die Kamera hält. Murats Onkel war früher mit Mustafa K. befreundet, Murat ist ihm oft begegnet. Was er über Mustafa K. denkt? „Dafür“, sagt Murat, „kommt man nicht ins Paradies.“ Schließlich könnten es Muslime sein, die er getötet hat.

Und wenn es keine Muslime wären, sondern Christen?

„In Afghanistan oder Tschetschenistan zu kämpfen, das ist etwas anderes“, sagt Murat. Tschetschenistan, das ist der muslimische Name Tschetscheniens. Dort müssten sich Muslime verteidigen. „Das würde ich später vielleicht auch machen.“
Murat hat sich die Haare nach oben gegelt, so sieht er größer aus. „Cool Story“ steht auf seinem T-Shirt. Manche seiner Bekannten tragen andere T-Shirts. Ein dreieckiges Logo ist darauf, darunter steht „al-qaida“ statt „adidas“. „Salafismus ist einfach Mode geworden“, sagt Murat.
Gelassen soll das klingen. Distanziert. Aber es kann sehr schwer sein, sich Moden zu entziehen. Manchmal bestimmen sie den Blick, ohne dass man es will.

Murats Heimat ist Dinslaken, eine 67 000-Einwohner-Stadt am Niederrhein, nicht weit von Duisburg. Genauer: Seine Heimat ist der Stadtteil Lohberg. Nordrhein-Westfalen ist so etwas wie das Zentrum des aggressiv-kämpferischen Salafismus in Deutschland: Mehr als ein Drittel jener knapp 300 jungen Männer, die aus Deutschland nach Syrien gezogen sind, um im Krieg mitzukämpfen, stammt von hier. In Nordrhein-Westfalen wiederum sehen Polizei und Verfassungsschutz Dinslaken-Lohberg als einen Schwerpunkt der salafistischen Szene. Ausgerechnet Lohberg, die Bergarbeitersiedlung am Fuß eines Zechenturms.

Von Dinslaken-Lohberg in den Krieg

In der Mitte von Lohberg gibt es einen Platz mit Trinkhalle, den Johannesplatz. Am Rand steht eine Gruppe Jugendlicher, ein Dutzend ungefähr, 17, 18, 19 Jahre alt. „Terrorist“, zischen sie dem Fremden hinterher, der an ihnen vorübergeht. Sie kennen ihr Image. Sie spielen damit. Sie provozieren.

Natürlich standen sie auch hier, die Männer, die die Gesichter der deutschen Gotteskrieger in Syrien sind. Jedenfalls vor wenigen Monaten noch, als sie hier gleich um die Ecke im Stadtteil lebten. Philip B., der erste Deutsche, der in einem Internetvideo zum Krieg in Syrien aufruft. Ein junger Mann mit rötlichem Bart, der mit Maschinengewehr im Arm vor den Trümmern eines Hauses sitzt und sagt: „Ich bin Abu Osama, und ich komme aus Deutschland.“ Oder Mustafa K., der Mann mit den abgeschlagenen Köpfen, dessen Foto Philip B. auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat.

Philip B., ein deutscher Konvertit, arbeitete als Pizzabote, Mustafa K. jobbte zeitweise als Paketzusteller.  Bloßer Zufall, dass so viele von hier kommen? Findet man hier, in Dinslaken-Lohberg, Gründe, warum in Deutschland aufgewachsene junge Männer an der Seite von Al Qaida in den Krieg ziehen?

Wer mit diesen Fragen hierher kommt, der hat es nicht leicht. Lohberg, das ist ein hermetisch wirkendes Viertel, getrennt vom Rest der Stadt. 6000 Menschen leben hier, der größte Teil mit türkischen Wurzeln. Aber es wirkt, zumindest hier am Platz, wie ein Dorf. Man kennt sich. Und man erkennt den Fremden. Ihm stellt man Fragen. „Respektieren Sie unsere Religion?“, will einer der Jugendlichen wissen. Er trägt eine schwarze Kappe, einen dünnen Vollbart, schwarze Jogginghose. Die Salafisten lehnen Jeans ab. Zu amerikanisch. „Haben die Deutschen Angst, weil so viele von ihnen zum Islam übertreten? Glauben Sie wirklich, dass Muslime die Anschläge 2001 gemacht haben?“ Solche Fragen sind das.

Es sind, genau genommen, Prüfungsfragen. Sie erzählen von Misstrauen. Und von einer sehr eigenen Weltsicht.

Lohberg, das war mal ein Vorzeigestadtteil. Damals, vor fast 100 Jahren. Eine Gartenstadt für Bergarbeiter, geplant auf dem Reißbrett, mit viel Grün, Kindergärten und Schulen im Stadtteil, den Förderturm immer in Sichtweite. Lohberg war modern. Doch vom alten Glanz ist nicht viel geblieben. Verbarrikadierte Fenster, Satellitenschüsseln an  grauen Fassaden. Die Zeche ist seit 2005 geschlossen, mit ihr verschwunden sind allein 380 Ausbildungsplätze.

Die Regeln des Staates interessieren nicht

Überall im Viertel sieht man die Schilder der Hilfseinrichtungen. Diakonie, Caritas, die Stadt, sie bieten Jugendtreffs und Beratungsstellen. Man tut etwas. Doch der Erfolg ist offenbar mäßig, Lohberg tut sich schwer, seinen Ruf abzustreifen. Erst gestern, erzählt einer der Jugendlichen auf dem Johannesplatz, sei er bei einem Bewerbungsgespräch gewesen. „Als ich erzählt habe, von wo ich komme, ging das Gespräch gleich zu Ende.“ Und damit ist er schon weiter gekommen als üblich. Normalerweise, erzählt ein Sozialarbeiter, der den Jugendlichen bei den Bewerbungen hilft, sei schon früher Schluss. „Postleitzahl 46537, da wird dann gleich aussortiert.“ Von dem Dutzend Jugendlichen vor seiner Tür haben mehr als die Hälfte keine Arbeit. „Die tun mir leid, die Jungs“, sagt er. Es ist ein wenig schwerer, an die Zukunft zu glauben, wenn man aus Lohberg kommt.

Vielleicht muss man diese Situation kennen, um zu verstehen, wie die Jugendlichen am Johannesplatz die Welt sehen. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. Aber was sie denken, das verraten sie. Der Jugendliche in der Jogginghose zum Beispiel. „Würden die Amerikaner in Syrien einmarschieren, wären sie Helden“, sagt er. „Wenn wir Muslime gegen Assad kämpfen, sind wir Terroristen.“ Es sind sehr ähnliche Sätze wie die, die der Dinslakener Philip B. als Gotteskrieger Abu Osama in den Trümmern Syriens sagt.  Dass die Polizei zu Hause vor seiner Tür steht, dass der Staatsschutz ihn zu den rund 23 jungen Männern zählt, die in Lohberg die salafistische Szene bilden, daraus macht er kein Geheimnis. „F... the Police Lohberg“ steht auf seiner schwarzen Bauchtasche. Die Regeln des Staates interessieren ihn nicht, so wenig wie die Regeln seiner Religion. Natürlich, sagt einer, trinken sie auch Alkohol. Irgendwann hält ein schwarzes teures Auto neben ihnen. „Hey, Pablo Escobar“ begrüßen sie den Mann, der aussteigt, einen massigen Typen mit zurückgegelten Haaren. Pablo Escobar, das war ein kolumbianischer Drogenhändler, einer der mächtigsten, die es je gab.

Einer, den sie hier anerkennen, ist Erkan Sevinc, ein 36-jähriger athletischer Typ, Torjäger in der Landesliga. Er hat die Jugendlichen im Griff. Wenn er darum bittet, läuft einer von ihnen zum Auto und holt ihm Taschentücher. „Lohberg ist kein Dschihadisten-Viertel“, sagt er. Philip B. alias Abu Osama war sein Nachbar. „Ich habe nie bemerkt, wie radikal er war, ich hätte das nie gedacht.“

"Dat is dat Problem“

Vielleicht ist das nicht die Wahrheit. Vielleicht erzählt es aber auch viel über dieses Viertel, wenn eine der wenigen Autoritäten hier es nicht mal bemerkt, wie sich jemand in kurzer Zeit radikalisiert.

Viele Muslime sind erschrocken über das, was in ihrem Viertel passiert. Yasar Engin, Sohn eines Steigers, sitzt beim Kaffee im türkischen Kulturverein gegenüber der Zeche. Er kennt Eltern, deren Söhne in Syrien kämpfen. „Die Eltern weinen, sie haben kein Leben mehr. Aber sie können nichts tun.“ Vor etwa fünf Jahren habe es mit dem Salafismus in Dinslaken begonnen. Damals sei ein Prediger in die Stadt gekommen. „Hinterher sagten die Jungen: Das ist ein guter Mann, der nimmt uns wenigstens ernst.“

„Millatu Ibrahim“, so heißt eine islamistische Gruppe, die das Land 2012 verboten hat. Dennoch ist sie offenbar weiter im Stadtteil aktiv. Engin hat seine eigene Theorie, warum die Salafisten hier so viel Zulauf hätten. Die Jungen, sagt er, gingen nicht mehr in die Moschee. Sie wollten sich von der Tradition ihrer Eltern lösen. Aber in der deutschen Gesellschaft finden viele keinen Platz. „Die sind dazwischen, dat is dat Problem“, sagt Engin. Das macht sie empfänglich.

Es ist spät am Nachmittag, da geht Murat wieder über den Platz. Er ist auf dem Weg zum Fußballtraining. Er trägt jetzt ein anderes Shirt. Es ist gelb, ein Fußballtrikot. Er sieht stolz aus darin, und man wünscht sich, dass er sich gut fühlt darin. Dass er kein anderes Shirt braucht.

Salafisten sind auch in Niedersachsen aktiv

Der Salafismus gilt international derzeit als die dynamischste islamistische Bewegung: Nach Angaben des niedersächsischen Verfassungsschutzes zählten im Jahr 2012 in Deutschland rund 4500 Anhänger zu der Bewegung, in Niedersachsen waren es 300: „Für 2013 ist von einem Anstieg auszugehen“, erklärt ein Sprecher der Behörde. Genaue Zahlen seien schwer zu ermitteln, da die Salafisten, die eine geistige Rückbesinnung auf die frommen Ursprünge der Religion fordern, keine homogene Gruppe sind. Sie sind eher als ein Beziehungsgeflecht in Netzwerken, Moscheen und kleinen Gruppen organisiert.

Die niedersächsische Szene sei vom politischen Salafismus geprägt, der sich vor allem missionarisch und propagandistisch betätige und Gewalt im Grundsatz ablehne, erklärt der Verfassungsschutz. Seiner Einschätzung nach werden in Niedersachsen zwei Einrichtungen nachhaltig von Salafisten beeinflusst – die „Deutschsprachige Gemeinschaft“ in Braunschweig und der „Deutschsprachige Islamkreis“ in Hannover. Eine „geringe Anzahl“ von Sympathisanten aus Niedersachsen habe sich an organisierten Hilfskonvois Richtung Syrien beteiligt. Inwieweit diese tatsächlich humanitäre Hilfe leisteten oder den Dschihad unterstützten, sei schwer zu beurteilen.

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Vom Niederrhein nach Syrien

Philip B. war im Dezember der erste Deutsche, der in einem Propagandavideo dafür warb, als „Gotteskrieger“ nach Syrien zu ziehen. Darin posiert er als „Abu Osama“ mit Maschinengewehr vor den Trümmern eines Hauses, lobt Osama bin Laden und schwärmt von den Lebensbedingungen in Syrien („Besser als in Deutschland“). Der 26-Jährige aus Dinslaken-Lohberg konvertierte vor vier Jahren. Sein Hobby war Fußballspielen, er arbeitete als Pizzabote.

Mustafa K. kämpft wohl seit dem Sommer vergangenen Jahres in einer Al-­Qaida-nahen Einheit in Syrien. Bekannt wurde er, als vor wenigen Wochen ein Foto im Internet auftauchte: Es zeigt ihn mit einem abgeschlagenen Kopf in der Hand. Der 24-Jährige aus Dinslaken-Lohberg soll früher Rap-Fan gewesen sein und eine Tochter haben. Einen Schulabschluss hat er nicht, zeitweise soll er als Paketbote gearbeitet haben.

David G. stammt aus bürgerlichen Verhältnissen im Allgäu. Er boxt, ist in Betrieb und Verein beliebt. 2012 konvertiert er zum Islam – warum, bleibt für Familie und Freunde ein Rätsel. Er nennt sich Dawud, lebt streng nach dem Koran. Im Juli 2013 kündigt er seine Stelle und zieht zu Freunden nach Dinslaken, von wo er als „Gotteskrieger“ nach Syrien fährt. Dort stirbt er im Januar 2014.

05.03.2014