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Deutschland / Weltweit So soll Terrorchef Al-Bagdadi identifiziert und getötet worden sein
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit So soll Terrorchef Al-Bagdadi identifiziert und getötet worden sein
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13:59 28.10.2019
Ein Mann steht vor den Trümmern eines Hauses. IS-Anführer Al-Bagdadi ist durch US-Spezialkräfte getötet worden. Quelle: Mustafa Dahnon/dpa
Washington

Die Hubschrauber flogen niedrig und schnell durch die Nacht, beförderten US-Sondereinsatzkräfte zu einem Ort, wo sich IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi in Syrien versteckte. Eine halbe Welt davon entfernt schaute US-Präsident Donald Trump dem Angriff in Echtzeit via Videolink zu, als Soldaten das Versteck sprengten und der meistgesuchte Terrorist seine letzten Schritte tat.

Die Razzia war der Abschluss jahrelanger Arbeit von Geheimdiensten - und 48 Stunden eiliger Planung, sobald Washington erfuhr, dass Al-Bagdadi sich in dem Versteck in Nordwestsyrien aufhielt.

Methodische Präzision und unerwartete Wendungen prägten die Nacht. Diese Rekonstruktion basiert auf den ersten Angaben Trumps und denen anderer Angehörigen der Regierung, die mitteilen wollten, wie die USA das Top-Ziel zur Strecke brachten, sowie Beobachtungen von erschrockenen Dorfbewohnern, die keine Ahnung hatten, dass Al-Bagdadi sich in ihrer Mitte aufhielt.

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Der geheime Wettlauf

Die Ereignisse überschlugen sich, nachdem das Weiße Hause am Donnerstag erfuhr, Al-Bagdadi sei mit "hoher Wahrscheinlichkeit" auf einem Gelände in der Provinz Idlib. Am Freitag hatte Trump militärische Optionen auf seinem Schreibtisch. Am Samstag hatte die Regierung "umsetzbare Geheimdienstinformationen".

Es gab keinen Hinweis auf das Drama, als Trump sich am Freitag zum Camp David aufmachte, um den zehnten Hochzeitstag seiner Tochter Ivanka und seines Schwiegersohns Jared Kushner zu feiern. Dann war er auf dem Weg nach Virginia für eine Runde auf dem Golfplatz. Er schlug gemeinsam mit dem Major League Baseball-Kommissar sowie den Senatoren Lindsey Graham und David Perdue ab.

Gegen 16.18 Uhr war Trump zurück im Weißen Haus, um 17.00 Uhr saß er im Lagebesprechungsraum im Keller des Westflügels, um den Angriff zu überwachen. Benannt wurde die Kommandoaktion nach Kayla Mueller, einer US-amerikanischen humanitären Helferin, die von Al-Bagdadi misshandelt und im Alter von 26 Jahren getötet worden war.

Bis zu diesem Zeitpunkt dürfte noch ein Spiel der Baseball-World-Series in Washington die meiste Aufmerksamkeit in der US-Hauptstadt gehabt haben.

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Dorfbewohner schildern die Explosion

Nur wenige Momente, nachdem das Team des Weißen Hauses sich versammelt hatte, hoben Flieger vom Luftwaffenstützpunkt Al-Assad im Westirak ab, überwiegend zweimotorige Transporthubschrauber des Typs CH-47.

Innerhalb weniger Stunden war Al-Bagdadi tot.

Die erste Ahnung, dass etwas im Gange war, hatten die Dorfbewohner beim Anblick der tieffliegenden Helikopter.

"Wir gingen nach draußen auf den Balkon, um zu gucken und sie haben angefangen zu schießen, mit automatischen Gewehren. Also sind wir nach drinnen gelaufen und haben uns versteckt", sagte ein nicht identifizierter Dorfbewohner. Als nächstes gab es eine große Explosion - Trump sagte, Soldaten hätten ein Loch in die Seite des Gebäudes gesprengt, weil sie befürchteten, der Eingang könne mit einer Sprengfalle gesichert sein. Al-Bagdadi floh in ein Netzwerk von Untergrundbunkern und Tunneln, die sich unter dem Gelände befinden.

Der kräftige, bärtige Extremistenführer trug eine Selbstmordweste und zog drei Kinder mit sich, als er vor den amerikanischen Soldaten floh.

Trump, der das Drama mit Vergnügen überhöhte, sagte, Al-Bagdadi habe "gewimmert und geweint und geschrien" bis zu seinem Tod. "Er erreichte das Ende des Tunnels, während unsere Hunde ihn verfolgten", sagte Trump. "Er zündete seine Weste und tötete sich und die drei Kinder."

Wie konnte er eindeutig identifiziert werden?

Al-Bagdadis Leiche wurde bei der Explosion verstümmelt, und der Tunnel stürzte über ihm ein. Um an die Leiche zu kommen, mussten die Soldaten sich durch die Trümmer graben. "Da war nicht viel übrig", sagte Trump, "aber da sind noch immer substanzielle Stücke, die sie mitgebracht haben".

Das war der Punkt, an dem der Militärangriff zu einer forensischen Operation wurde - und die Spezialkräfte waren vorbereitet. Sie hatten Proben von Al-Bagdadis DNA bei sich.

Die an dem Angriff beteiligten Soldaten dachten, der Mann sehe wie Al-Bagdadi aus, doch das reichte nicht. Mehrfach schon ist sein Tod vermeldet worden, doch immer tauchte er wieder auf. Dieses Mal durfte es keinen Zweifel geben.

Labortechniker führten vor Ort einen DNA-Test durch, und 15 Minuten nach seinem Tod war Al-Bagdadi identifiziert. "Er war es", sagte Trump.

Experte: DNA-Schnelltests können Identifizierung in 90 Minuten liefern

Wie Al-Bagdadi so schnell identifiziert werden konnte, hat sich auch die New York Times gefragt. Dank technischer Fortschritte in den vergangenen Jahren könnten die neuesten Geräte für DNA-Schnelltests, die mehrere US-Behörden verwendeten, binnen 90 Minuten eine Identifizierung liefern, schrieb die Zeitung unter Berufung auf David H. Kaye, Professor an der Penn State Law School. Es handele sich hierbei um tragbare Apparate etwa in der Größe eines Mikrowellen-Geräts - klein genug also, um in einem Militärhubschrauber mitgenommen zu werden.

Sowohl das Pentagon als auch die US-Bundespolizei FBI haben nach Angaben der Zeitung in diese Technologie investiert. Ob die Kommandoeinheit bei dem Al-Bagdadi-Einsatz solch ein Gerät tatsächlich nutzte, sei der New York Times zufolge nicht bekannt. Für die Tests könnten Proben auch zu einem Militärstützpunkt gebracht worden sein. Herkömmliche DNA-Feldtests seien oft ungenau. Manche lieferten nur dann klare Ergebnisse, wenn die Testperson noch lebe.

Als DNA-Proben können zum Beispiel Blut oder Körperteile verwendet werden. Um die am Einsatzort gefundene DNA abzugleichen, bedarf es einer bereits vorhandenen Probe, von der sicher ist, dass sie von derselben Person stammt. Alternativ kann die Vergleichs-DNA auch von nahen Verwandten kommen, wie die „New York Times“ erklärt. Eine Schlüsselfrage laute also, welche Probe das US-Militär verwendet habe, um eine Übereinstimmung zu bestätigen.

Laut der Zeitung ist es möglich, dass den US-Experten früheres DNA-Material von Al-Bagdadi vorlag: Mitte der 2000er Jahre saß der spätere IS-Chef in einem US-Gefängnis im Irak. Wahrscheinlicher sei aber, dass damals lediglich Fingerabdrücke genommen und Gesichtsfotos gemacht worden seien.

Nach der Identifizierung blieben Soldaten etwa zwei Stunden lang auf dem Gelände und sicherten höchst sensibles Material über den sogenannten Islamischen Staat, darunter künftige Pläne. Nachdem die amerikanischen Truppen sich zurückgezogen hatten, feuerten Kampfflugzeuge sechs Raketen auf das Haus und machten es dem Erdboden gleich.

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Trump kann es kaum aushalten

Trump war danach so aufgeregt, dass er sich kaum zurückhalten konnte. "Etwas sehr Großes ist gerade passiert"", twitterte er am Samstagabend. Der Sprecher des Weißen Hauses, Hogan Gidley, kündigte an, der Präsident werde am Sonntagmorgen eine "große Erklärung" abgeben.

Reporter in Washington und dem Nahen Osten waren aufgewühlt, und Nachrichtenorganisationen bestätigten bald, dass US-Kräfte glaubten, der von den USA am meisten gesuchte Mann sei getötet worden.

Es war ein Zeichen der angespannten Atmosphäre in Washington, dass die beiden Top-Demokraten Nancy Pelosi und Adam Schiff, die Sprecherin des Abgeordnetenhauses und der Vorsitzende des Geheimdienstkomitees, nicht von Trump über die Operation informiert worden waren.

Trump vertraute ihnen kein Geheimnis an. "Washington ist eine undichte Maschine", sagte Trump. In diesem Fall habe es keine undichten Stellen gegeben. "Die einzigen Leute, die Bescheid wussten, waren die wenigen Leute, mit denen ich zu tun hatte."

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Trump klärt die Öffentlichkeit auf

Trump wählte für die große Ankündigung am Sonntag den Diplomatenraum im Weißen Haus. Bei der Verkündung von Al-Bagdadis Tod verglich er die erfolgreiche Operation mit der Tötung Osama bin Ladens, des Planers der Anschläge vom 11. September 2001.

Während der Terrorist Bin Laden den schlimmsten Anschlag in der US-Geschichte orchestriert hatte, war Al-Bagdadi, der der Terrormiliz IS zu ihrem Territorium von zeitweise 88.000 Quadratkilometern im Irak und Syrien verhalf, "der Größte, der da war", sagte Trump. Er verbrachte mehr als 45 Minuten damit, zu sprechen und Fragen zu beantworten.

Am späten Sonntagabend war das Wahlkampfteam bereit, den erfolgreichen Angriff in politisches Kapital umzuschlagen. In einem Text an Unterstützer hieß es: "Trump hat den #1 Terroristenführer zur Rechenschaft gezogen - er HÄLT AMERIKA SICHER."

Russland bestätigt Einsatz bei Idlib

Nach Zweifeln an den US-Angaben zum Tod des IS-Chefs Abu Bakr al-Bagdadi hat Russland nun doch den Einsatz von amerikanischen Flugzeugen und Drohnen in Syrien bestätigt. In der Zone Idlib sei ein Einsatz registriert worden, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag der Agentur Interfax. Er widersprach damit Äußerungen des Verteidigungsministeriums vom Vortag, das keinen US-Luftschlag in den vergangenen Tagen registriert haben wollte.

Zudem hatte das Ministerium in Moskau Beweise für den Tod des Terroristenchefs gefordert. US-Präsident Donald Trump hatte mitgeteilt, dass der Einsatz mit Russland abgesprochen gewesen sei.

"Wenn sich diese Information über die Liquidierung Bagdadis bestätigt, dann lässt sich insgesamt von einem großen Beitrag des US-Präsidenten zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus sprechen", sagte Peskow. Er reagierte damit auf die Frage, warum Russland versuche, den Erfolg der Amerikaner herunterzuspielen.

Das Verteidigungsministerium und mehrere Außenpolitiker hatten am Sonntag gesagt, der Tod des IS-Chefs habe keinen Einfluss auf die Lage in Syrien. Die Gefahr gehe vielmehr von vielen Terroristen aus.

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