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Deutschland / Weltweit Spiel mit dem Feuer am Amazonas
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19:16 23.08.2019
Eine Katastrophe von globalen Ausmaßen? Nicht nur der französische Präsident Macron fürchtet, dass die feuer am und im Amazonas-Regenwald schwere Auswirkungen auf das Weltklima haben könnten. Quelle: Christian Niel Berlinck/dap
Brasilia

Der „Supertanker“ soll die Rettung bringen. Verteidigungsminister Javier Zavaleta hat das gigantische rot-weiße Flugzeug zum Einsatz gegen Boliviens derzeit schlimmsten Feind befohlen: 846 Brandherde, die rund 738 000 Hektar Wald bedrohen oder schon vernichtet haben.

In die riesige Boeing B 747-400 der US-Firma Global Supertanker setzen die Behörden, setzt das ganze Land alle Hoffnung. Es soll die Feuersbrunst in den Savannen­regionen Chiquitania und Chaco bändigen. Denn nicht nur Brasiliens Wälder, auf die sich derzeit die Aufmerksamkeit der Welt richtet, auch Bolivien steht in Flammen.

Eigentlich steht ganz Südamerika in Flammen.

Ein Bild zum Fürchten: Wie ein rotes Band ziehen sich die Feuerpunkte über die Mitte Südamerikas. Ein roter Punkt steht für jeweils einen Waldbrand an diesem Freitag, 23. August. Firms, das Feuerinformationssystem der Nasa, erstellt diese Karten weltweit. Ein roter Punkt erscheint innerhalb von drei Stunden auf einem Satellitenbild der Region, wenn ein Satellit ein Feuer geortet hat – und verschwindet wieder, wenn der Satellit Entwarnung gibt. Foto: Nasa Firms/RND-Grafik: Quelle dpa

Was, wenn die Lunge der Welt kollabiert?

Und das ist ganz gewiss nicht nur dem heißen Sommer oder auch dem Klimawandel zuzuschreiben. Die Katastrophe am und im Amazonas-Regenwald ist zum großen Teil hausgemacht. Es ist eine Folge von Egoismus – aber auch von Überlebenskämpfen. Und sie kann Folgen rund um den Globus haben. Was geschieht, wenn der Amazonas-Regenwald, die Lunge der Welt, der Luftreiniger dieses Planeten, kollabiert?

In Bolivien soll der Supertanker ganz schnell den Vorwurf entkräften, die Regierung tue zu wenig, um die Brände zu bekämpfen. „Señor Evo Morales, unser Chiquitania steht in Flammen“, rief die Lokalpolitikerin Kary Mariscal in einem dramatischen Video dem Staatspräsidenten zu. Im Hintergrund fegte eine Feuerwalze über das Land. Aufgenommen wurde der Hilferuf im ostbolivianischen Puerto Suárez an der Grenze zu Brasilien, wo die Feuer seit Tagen wüten.

Mutmaßlich ausgelöst wurden sie durch Brandstifter aus der Landwirtschaft. Und wie im benachbarten Brasilien der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro hat in Bolivien der Sozialist Morales Verständnis gezeigt für die weit verbreiteten Brandrodungen. Er musste dafür viel Kritik einstecken. Wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen am 27. Oktober ist das eine gefährliche Entwicklung für Amtsinhaber Morales.

Reif für den nationalen Notstand

Der Tageszeitung „El Deber“ zufolge sollen in den vergangenen Tagen 500 000 Hektar Wald verbrannt oder stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein. So viel wie zuvor in einem ganzen Jahr. Die Zustände sind so dramatisch, dass die katholische Kirche die Regierung aufgefordert hat, den nationalen Notstand auszurufen. Am Sonntag soll in allen Kirchen gebetet werden: für Regen und für Solidarität mit den Opfern. Leidtragende der Zerstörungen sind vor allem die indigenen Gemeinden und die Natur.

In der internationalen Kritik an Brasiliens Präsident wegen dessen umweltfeindlicher Politik aber gehen die umstrittenen Entscheidungen Boliviens völlig unter. Vor wenigen Wochen hatte Morales ein Dekret verabschiedet, das die Abholzung in zwei Amazonas-Provinzen ausdrücklich erlaubt. Das Dekret Nummer 3973 ermöglicht die Rodung weiter Waldflächen in den Regionen Beni und Santa Cruz.

Damit soll Platz geschaffen werden für die Viehzucht – Abnehmer des dann in noch größeren Massen produzierten Fleisches ist China. Dazu muss man wissen, dass Bolivien nicht eben gesegnet ist mit einer exportstarken Wirtschaft und dringend die Entwicklung neuer Zweige vorantreiben muss. Immerhin soll die Viehzucht „nachhaltig“ betrieben werden, doch Umweltschützer haben ihre Zweifel.

Brandrodung ist üblich – aber nur halb legal: Brandgebiet in Brasiliens Kornkammer Mato Grosso. Quelle: Planet Labs Inc./dpa

„Das ist ein erpresserisches Dekret, das nur wirtschaftlichen Interessen dient und außer Acht lässt, dass die Natur angemessen und mit Zuneigung und nicht nur marktwirtschaftlich behandelt werden muss“, kommentierte Juan Carlos Ojopi vom Komitee zur Verteidigung des Amazonas die Entscheidung von Morales. Das bolivianische Amazonas-Gebiet hat nach Angaben des Amazonas-Netzwerks RAISG während der Amtszeit von Morales, der sich gern als Umweltschützer inszeniert, von 2005 bis 2018 bereits mehrere Millionen Hektar Waldfläche verloren.

Jenseits der Region indes interessiert sich kaum jemand für Bolivien. Im internationalen Fokus steht die Vernichtung von Regenwald in Brasilien. Betroffen von den Bränden ist dort vor allem der Westen des Landes, die sogenannte Kornkammer in Mato Grosso. Hier ist Brasiliens Wirtschaft und damit seine Regierung besonders verwundbar.

Verbittet sich jegliche Einmischung in innere Angelegenheiten: Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsano legt sich mit Europa an. Quelle: Daniel Marenco/imago-images

Inzwischen ist Präsident Bolsonaro mit seiner ebenso bizarren wie verantwortungslosen Behauptung, dass Nichtregierungsorganisationen als Brandstifter agiert haben könnten, um ihn in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen, zurückgerudert. Die Staatsanwaltschaft interessiert sich für ganz andere Verdächtige.

Sie will nun untersuchen lassen, ob ein „Tag des Feuers“ die Hauptursache für die Feuersbrunst gewesen sein könnte. An diesem Tag sollen Großgrundbesitzer und Landarbeiter Brände gelegt haben, um weitere Flächen für die Landwirtschaft zu erobern. Diese Brandrodungen sind in Südamerika eine übliche, wenn auch nur halblegale Praxis.

Im Verhältnis zum europäischen Kontinent führt das oft zu Missverständnissen und jetzt auch zu Verwerfungen.

Macron twittert: Unser Haus brennt

Frankreichs Präsident Emanuel Macron hat nicht nur das Amazonas-Feuer („Unser Haus brennt. Wortwörtlich.“) via Twitter zur globalen Angelegenheit erklärt. Er bezichtigt Bolsonaro auch der Lüge und droht mit Konsequenzen.

Auf dem Spiel steht der ohnehin umstrittene Freihandelsvertrag zwischen Europa und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Den sehen europäische Landwirte nicht nur aus Frankreich als Bedrohung an, weil brasilianische Agrarunternehmer billiger und rücksichtsloser produzieren können.

Bolsonaro wiederum kontert mit einem Vorwurf, den man in dieser Form eher aus linksregierten Ländern wie Kuba oder Venezuela kennt: Er verbitte sich eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes. Macron zeige eine „kolonialistische Mentalität“, wenn er über Brasilien und den Regenwald bestimmen wolle – beim G-7-Gipfel sitze nicht ein Repräsentant der betroffenen Region am Tisch.

Europa macht sich mitschuldig

Dabei ist Macrons Kritik nicht unberechtigt. Die Bolsonaro-Regierung lockerte zur Freude der Agrarindustrie in den ersten Monaten ihrer Amtszeit zahlreiche Vorschriften, unter anderem wurden Dutzende Pflanzenschutzmittel erlaubt, die in Europa auf der Verbotsliste stehen. Und der Ultrarechte will den Regenwald kapitalistisch erschließen.

Aber: Bolsonaros umweltfeindliche Politik erinnert ans 20. Jahrhundert, als Europa und die USA selbst mit der Ausbeutung aller Rohstoffe ihren wirtschaftlichen Aufstieg einleiteten. Zudem ist auch Europas Klimabilanz eine Katastrophe. Vor allem die in Südamerika kaum praktizierte Kohleverstromung sorgt dort für eine miserable CO2-Bilanz. Deshalb ist auch Bolsonaros Retourkutsche, die Europäer sollten erst einmal vor der eigenen Türe kehren, nicht ganz von der Hand zu weisen.

Löschflugzeuge versuchen, der Feuer im Amazonasgebiet und in den angrenzenden Steppen Herr zu werden. Quelle: Christian Niel Berlinck/dpa

Die Probleme liegen allerdings tiefer. Brasiliens und Boliviens Agrar­industrie bedienen den wegen einer ständig wachsenden Erdbevölkerung stetig steigenden internationalen Nahrungsmittelbedarf. Auch Europa importiert aus Brasilien Sojabohnen unter anderem als Tierfutter. Noch größer ist die Nachfrage aus China. Zudem ist die Agrar­industrie vor allem in Brasilien eine der wichtigsten Säulen der Wirtschaft, vergleichbar mit der ähnlich klimafeindlichen Autoindustrie in Deutschland.

Eine Frage globaler Tragweite

Deutschland und die Europäische Union sind nach Einschätzung von Experten zudem nicht ganz unschuldig an der Entwicklung. „Sie machten sich mit ihrer Unterschrift unter das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten an den verheerenden Waldbränden mitschuldig“, sagt der Brasilien-Referent des kirchlichen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Klemens Paffhausen. „Die versprochenen niedrigeren Zölle auf Importe von Rindfleisch und Soja aus Südamerika führen zu mehr Abholzung und mehr Anbauflächen.“ Paffhausen sieht grundsätzlich zwei Ursachen für die enorme Zunahme von Waldbränden: „Großgrundbesitzer stecken den Wald in Brand, und der Regenwald verdorrt seit Jahren.“

Die lateinamerikanischen Bischöfe riefen in einer gemeinsamen Stellungnahme die Regierungen Boliviens und Brasilien sowie die internationale Gemeinschaft auf, „ernste Maßnahmen zu ergreifen, um die Lungen der Welt zu retten.“ Was im Amazonasgebiet passiere, „ist keine lokale Angelegenheit, sondern von globaler Tragweite“. Damit wiederum geben die Bischöfe Macron recht. Die Katastrophe am Amazonas geht alle an.

Von Tobias Käufer

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