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Deutschland / Weltweit Steinbrück soll Punkte sammeln in der Mitte
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Steinbrück soll Punkte sammeln in der Mitte
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08:10 29.09.2012
Von Gabi Stief
„... dann wollen Sie gewinnen, und zwar mit jeder Faser Ihres Körpers“: Peer Steinbrück ist Spitzenkandidat der SPD. Quelle: dpa
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Berlin

Die SPD hat einen Spitzenkandidaten. Er ist scharfzüngig, schnoddrig; ein Pragmatiker, den die Parteilinke fürchtet. Seit ein paar Jahren Hinterbänkler im Bundestag, Buchautor und ein Redner, der Vortragssäle füllt. Ein vorlauter Genosse, allemal. Im vergangenen Jahr zuckte die Partei zusammen, und Generalsekretärin Andrea Nahles setzte eine strenge Miene auf, weil Peer Steinbrück es gewagt hatte, sich in einem Interview zur Spitzenkandidatur zu äußern. Sollte es so kommen, hatte Steinbrück auf die Nachfrage des Journalisten gesagt, „dann wollen Sie gewinnen, und zwar mit jeder Faser Ihres Körpers“. Es ist so gekommen. Früher als geplant.

Seit Freitag ist die SPD-Troika Geschichte. Möglicherweise noch rechtzeitig, bevor sich Fatalismus breit macht in den Ortsvereinen, aber auch in der Bundestagsfraktion. Denn mit dem Gewinnenwollen ist das so eine Sache. Fast verzweifelt fragen sich führende Sozialdemokraten mittlerweile, was man denn noch ausrichten könne gegen eine Kanzlerin, die beliebt ist und bleibt, egal wie konfus die Regierung agiert. Die Troika drohte zum Komödienstadel zu werden, bei dem sich keiner in den Vordergrund spielen darf.

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Steinbrück neigt nicht zu Fatalismus, auch nicht zum verzagten Taktieren. Er ist einer, der für die Politik brennt, auch wenn die Chancen schlecht stehen. Irgendwann hat er einmal gesagt, dass er Nashörner mag, weil sie nicht mehr aufzuhalten sind, wenn sie einmal in Fahrt gekommen sind. Seitdem kann sich Steinbrück vor Nashörnern als Gastgeschenk nicht mehr retten. Ein Wahlkampf sei eine Bürde, sagte der 65-Jährige am Freitag. Aber er mache auch Spaß. Sein Vorbild sei Gerhard Schröder. Auch Schröder kam in Fahrt, wenn er um Wähler warb.

Steinbrück ist Hamburger, norddeutsch unterkühlt. Er studierte Volkswirtschaft in Kiel. 1969 trat er in die SPD ein, weil er den Umgang mit dem damaligen Kanzler Willy Brandt „infam“ fand, wie er einmal sagte. Die Opposition ereiferte sich über Brandts uneheliche Geburt und seine Exilzeit. Nach dem Diplom zog es Steinbrück in die Politik. Er wurde Mitarbeiter im Bonner Bau- und Forschungsministerium, später wechselte er als Hilfsreferent zu Helmut Schmidt ins Kanzleramt. 1986 leitete er das Büro von Ministerpräsident Johannes Rau in Düsseldorf, 1993 wurde er Minister in Schleswig-Holstein und schließlich 2002 Nachfolger von Wolfgang Clement als Regierungschef einer rot-grünen Koalition in Nordrhein-Westfalen.

Der Kandidat Steinbrück sei eine echte Kampfansage an Schwarz-Gelb, sagt Grünen-Parteichefin Claudia Roth heute. Ein ungewöhnliches Lob. Denn die Grünen haben nicht gerade die besten Erfahrungen mit ihm gemacht, als er noch Chef in Düsseldorf war. Er quälte sie, so wie er in den vergangenen Jahren die Linken in der eigenen Partei gequält hat. Der hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti fuhr er einst in die Parade, als sie sich mit den Stimmen der Linkspartei zur Regierungschefin wählen lassen wollte. 2007 beschimpfte er die parteiinternen Kritiker der Agenda-Politik als „Heulsusen“.

Einen Verzicht auf die Rente mit 67 hält er für Schwachsinn. Steuererhöhungen, sagt er, dürften kein Selbstzweck sein. Auf die Belastung des Mittelstands müsse man Rücksicht nehmen. „Vorsicht an der Bahnsteigkante“, rief er den Linken beim SPD-Zukunftskongress vor zwei Wochen zu. „Auch wenn ich weiß, dass ich jetzt auf Empfindlichkeiten stoße.“ Eine Woche später bewies er, dass er auch der Mann für sozialdemokratische Herzensthemen ist. Er kündigte einen Anti-Banken-Wahlkampf an. Die Großen sollen gebändigt werden.

Er mag Nashörner: Einmal in Fahrt, sind sie nicht zu stoppen

Der Steueroase Schweiz wollte er als Finanzminister mit der Peitsche statt mit Zuckerbrot beikommen. Der lockere flotte Spruch ist so etwas wie Steinbrücks Markenzeichen geworden. Reif für die Geschichtsbücher ist seine Drohung, die Kavallerie in die Schweiz zu schicken. Bei einem EU-Finanzministertreffen verglich er Steueroasen wie die Schweiz, Luxemburg und Liechtenstein mit Ouagadougou. Der Botschafter von Burkina Faso schickte daraufhin eine Protestnote.

Aber nicht nur das lockere Mundwerk macht Steinbrück zu einem ungewöhnlichen Politikertyp. Sein größtes Pfund im kommenden Wahlkampf könnte das Vertrauen sein, das er sich als Finanzminister in der Großen Koalition erworben hat. Sein Auftritt mit Kanzlerin Angela Merkel während der Finanzkrise und die gemeinsame Versicherung, dass die Spareinlagen der Deutschen sicher seien, katapultierten ihn auf die Liste der beliebtesten Politiker. „Steinbrück ist sicher der gefährlichste Kandidat, weil er die Wähler in der bürgerlichen Mitte ansprechen kann“, meint der Politologe Gero Neugebauer. Auch der Politikwissenschaftler Gerd Langguth ist überzeugt, dass Steinbrück das Zeug dazu hat, im Lager der Unions-Wähler zu wildern.

Ein Siegertyp? Zur Geschichte des Kandidaten Steinbrück gehört auch, dass er noch keine Wahl gewonnen hat. 2005 unterlag er dem CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Die SPD landete bei 37 Prozent; ein Erdrutsch für die erfolgsverwöhnten Genossen im Ruhrpott. Fast 50 Jahre musste man zurückblicken, um sich an eine vergleichbare Niederlage zu erinnern. Auch im Kampf um das Bundestags-Direktmandat im nordrhein-westfälischen Mettmann verlor Steinbrück 2009 gegen die CDU-Kandidatin Michaela Noll und zog über die Landesliste in den Bundestag ein. Die Wahlniederlage als NRW-Ministerpräsident sei keine traumatische Erfahrung gewesen, sagte Steinbrück am Freitag. Sein absolutes Stimmenergebnis könne sich noch heute sehen lassen.

„Der kann wildern im Lager der Unions-Wähler“

Einer hat übrigens schon länger gewusst, dass Steinbrück der richtige Kandidat ist. „Er kann es“, verkündete Altkanzler Helmut Schmidt bereits im vergangenen Jahr. Und er ließ nicht locker. Auch das schwierige Verhältnis zu den Parteilinken sei kein Hindernis, meinte Schmidt kürzlich. „Es fehlt ihm weniger die emotionale Nähe zur SPD als mir.“ Die meisten Kanzler hätten keine besondere Nähe zu ihrer Partei gehabt. Steinbrück und Schmidt verbindet seit Längerem eine Freundschaft, nicht nur aufgrund der Leidenschaft fürs  Schachspiel. 2011 veröffentlichten sie gemeinsam den Gesprächsband „Zug um Zug“.

Auch Altkanzler Gerhard Schröder hatte sich bereits vor Wochen für Steinbrück starkgemacht. Nur an seinen Auftritten müsse er noch feilen, empfahl Schröder. Steinbrücks Schwäche sei die häufig missverstandene Ironie, die als Arroganz daherkomme.

Anfang Dezember soll Steinbrück als Spitzenkandidat bei einem Parteitag in Hannover gekürt werden. Beim letzten Parteitag in Dresden spielte er noch eine Nebenrolle. Gabriel wurde bejubelt. Steinbrück hielt sich bescheiden zurück. Das ist nun vorbei. Die gesamte Partei werde ihn unterstützen, sagte Gabriel am Freitag. Es klang wie ein Befehl.