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Deutschland / Weltweit Steinbrück, der charmante Conferencier
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Steinbrück, der charmante Conferencier
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23:17 11.09.2013
Von Alexander Dahl
Kanzlerkandidat Peer Steinbrück stellte sich am Mittwochabend den Fragen der Bürger in der Wahlarena. Quelle: dpa
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Berlin

Er ist das Mysterium der Wahlforscher und der Schrecken der Politiker– der Nichtwähler. Der Politikverweigerer ­outet sich nicht gern, kaum einer kennt seine Motive. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hatte am Mittwochabend in der Fernsehsendung ARD- „Wahlduell“ die seltene Gelegenheit, diese Spezies kennenzulernen: einen Mann mittleren Alters, brauner Pullover, Vollbart. Er gehe nicht zur Wahl, es gebe zu viel Übereinstimmung in der Politik. Da läuft Steinbrück zu emotionaler Form auf. Es gebe ein Wahlrecht, aber auch eine Wahlpflicht, sonst schädige man die Demokratie, sagt er, rudert mit den Armen, ballt die Hand zur Faust und blickt aus scharf blitzenden Augen. Er wetzt die Kanten des SPD-Wahlprogrammes scharf, ätzt über die politische Konkurrenz, doch nichts hilft. „Und, werden Sie wählen?“, fragt Moderator Jörg Schönenborn. „Nein“, sagt der Mann knapp.

Sonst aber darf Steinbrück wohlgefällige Reaktionen aus dem Publikum ernten; oft nicken Gäste zustimmend mit dem Kopf. Es bieten sich für den Kanzlerkandidaten viele Gelegenheiten, aus dem Wahlprogramm zu referieren. Flächendeckender Mindestlohn, faire Löhne, Entschuldung, bessere Bildung und Infrastruktur, gesunde Kommunen, ein neues Steuersystem: Steinbrück redet wortgewaltig und schreitet selbstsicher durch die kleine Arena im „Kunstwerk“ in Mönchengladbach. Als weitschweifig nach den Folgen der EU-Finanzkrise gefragt wird, leistet er sich gar einen Witz: „Darf ich 30 oder 40 Minuten lang antworten?“

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Es werden dann nur wenige Sätze, aber der frühere Bundesfinanzminister belässt es nicht bei drögen Zahlen. Europa, sagt er, habe Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Hand gereicht, obwohl die Nazis viele Länder besetzt hätten. „Und jetzt müssen wir anderen die Hand reichen, damit Europa zusammen und friedfertig bleibt“, sagt er – Applaus. Keine Frage: Steinbrück ist faktensicher und schlagfertig – und manchmal sogar charmanter Conferencier. Da fragt ihn eine 55-Jährige, warum er sich die Kanzlerkandidatur noch antue, wo er doch auf die 70 zugehe. Steinbrück breitet die Arme aus und zeigt ein strahlendes Lächeln. „Na, schauen Sie mich doch an, dann wissen Sie’s“, raunt er, und die Fragerin seufzt die Hoffnung, sie habe hoffentlich in Steinbrücks Alter „auch noch so viel Power“.

Grantig wird er nur, als ein Arzt im Publikum die SPD-Bürgerversicherung als „Irrsinn“ bezeichnet und drei Unternehmer an seinem Steuerkonzept herummäkeln. Und kurz aus der Fassung bringt ihn die Frage, was er gegen Geisterfahrer auf Autobahnen tun wolle. „Also dazu kann ich nur sagen, dass selbst ich nicht verhindern kann, dass Menschen sich unvernünftig verhalten.“