Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Tausende Atomkraftgegner bilden Menschenkette
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Tausende Atomkraftgegner bilden Menschenkette
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:46 25.04.2010
Von Heinrich Thies
„Wir sind wieder da, bunter und vielfältiger als jemals zuvor“: Von Krümmel bis Brunsbüttel reicht die Kette der Atomkraftgegener.
„Wir sind wieder da, bunter und vielfältiger als jemals zuvor“: Von Krümmel bis Brunsbüttel reicht die Kette der Atomkraftgegener. Quelle: dpa
Anzeige

Es herrscht Volksfeststimmung. Die rote Atomkraft-nein-danke-Sonne lacht auf Tausenden von gelben Fahnen und Transparenten. Rote und grüne Luftballons steigen in einen strahlenden Himmel. Menschen aller Alters- und Sozialgruppen singen, tanzen und reichen einander die Hand, während Samba-trommler, Rock- oder Rapmusiker die Stimmung anheizen. La-Ola-Welle auf der Straße.

Mehr als 120 000 Atomkraftgegner haben am Sonnabend eine 120 Kilometer lange Menschenkette gebildet, die sich zwischen den Pannenreaktoren Krümmel und Brunsbüttel quer durch die Millionenstadt Hamburg zog und so gut besetzt war, dass die Kette streckenweise mehrere Reihen tief war.

Es war die größte Anti-Atom-Demonstration seit den siebziger Jahren. Die Veranstalter hatten nicht einmal mit halb so viel Teilnehmern gerechnet. Drei voll besetzte Sonderzüge aus München, Berlin und Kassel sowie mehr als 240 Busse aus ganz Deutschland beförderten die Demonstranten an die Elbe. „Wir sind wieder da, bunter und vielfältiger als jemals zuvor“, jubelt der Sprecher der Organisatoren, Jochen Stay. „Wir lassen jetzt nicht mehr locker.“

Der Protest richtete sich gegen die Pläne der Bundesregierung, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern und die Erkundung des Salzstocks in Gorleben fortzusetzen. Die Zielrichtung schweißte ein Bündnis aus ganz unterschiedlichen Lagern zusammen. SPD, Grüne und Linke riefen ebenso zur Teilnahme auf wie Gewerkschaften, Kirchen und etliche Umweltverbände – unterstützt von Künstlern, Musikern und Schriftstellern. Udo Lindenberg ist dabei, Günter Grass auch.

An vielen Orten reihte sich auch Politprominenz in die Menschenkette ein. Am AKW-Standort Brokdorf, Schauplatz heftiger Proteste in den Siebzigern, forderte der designierte Linken-Bundesvorsitzende Klaus Ernst: „So schnell wie möglich abschalten.“ Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir war in Hamburg mit von der Partie.

Zum rot-grünen Gipfeltreffen kam es auf der Straße zwischen Elmshorn und Glückstadt. Zwei ehemalige Bundesumweltminister bewegten sich hier mit ihren Begleitern, Anhängern sowie Fahnen und Luftballons in den jeweiligen Parteifarben symbolisch aufeinander zu: SPD-Chef Sigmar Gabriel und der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Jürgen Trittin – natürlich begleitet von zahlreichen Kamerateams. Gabriel hatte sich die Journalisten in seinem Reisebus gleich aus Berlin mitgebracht.

„Bilden wir jetzt Kette!“, ruft Gabriel, nachdem er etliche Statements abgegeben hat. Aber wie? Die Hände reichen sich die beiden Exminister nur zur Begrüßung.„Händchenhalten machen wir nicht“, entscheidet Gabriel. Die Politiker beschränken sich darauf, ihre Transparente zusammenzuführen: „Hände weg vom Atomausstieg“, verkündet das rote SPD-Banner, während sich die Grünen eines kommerziellen Slogans bedienen: „Atomkraft? Wir sind doch nicht blöd.“

Die Stimmung ist ausgelassen, und so erinnern sich die Politprofis in der Kette an lange zurückliegende Demoerfahrungen und alte Schlachtrufe. „Leute runtervom Balkon ...“, skandiert Gabriel lächelnd, und Trittin ergänzt: „ ... unterstützt den Vietcong!“

Selbstverständlich werden beide auch nicht müde, die Atompläne der schwarz-gelben Bundesregierung zu verdammen. „Wir werden dafür sorgen, dass die Rolle rückwärts in der Atompolitik nicht gelingt“, verkündet Gabriel und warnt CDU und FDP davor, die 300 000 neuen Arbeitsplätze zu gefährden, die durch die erneuerbaren Energien in Deutschland entstanden seien.

Trittin lobt, dass sein Nebenmann in der Kette während der Großen Koalition den von ihm ausgehandelten Atomausstieg verteidigt hat, und wirft Schwarz-Gelb vor, sich in die „babylonische Gefangenschaft der Atomindustrie“ zu begeben. Und mit Blick auf Gorleben greift Trittin den adaptierten Media-Markt-Slogan noch einmal auf: „Ich bin doch nicht blöd. Ich glaub‘ doch nicht, dass in Gorleben weiter erkundet werden soll. Da soll gebaut werden.“ Der Grünen-Matador beweist, dass er sich von seinem Herzinfarkt im Januar bestens erholt hat. Als ein klappriger Trabi vorbeifährt, ulkt Trittin schlagfertig, dass die Reaktoren hier auch nicht moderner sind. Mehr zum Spaß ruft er: „Ich kann nicht mehr“, als der Spaziergang auf der Bundesstraße in Richtung SPD kein Ende nehmen will. Irgendwie hat sich nämlich der SPD-Bus verfahren, sodass sich das von Gabriel angeregte Treffen räumlich und zeitlich etwas verschiebt. „Die haben euch schon jesucht“, teilt der SPD-Busfahrer den Grünen mit. „Ihr müsst da lang loofen.“

Bereits vor Trittin und Gabriel ist Renate Künast mit ihrem Berliner Reisebus eingetroffen. Die resolute Grünen-Fraktionschefin wettert in ihrer schnoddrigen Art gegen die „Grottenolme der Atomkoalition“ und dirigiert ihren Anhang mit launigen Kommandos: „Kann mal jemand Jürgens Jacke tragen?“ Als ein Trecker aufs Feld fährt, ruft sie: „Fehlt bloß, dass der hier jetzt Gülle fährt.“

Nicht alle Mitdemonstranten sind glücklich, dass die Stars aus Berlin so viel Medienöffentlichkeit auf sich ziehen. „Man hat das Gefühl, dass die auf einen Zug aufgesprungen sind, der am Fahren ist“, meint zum Beispiel der 66-jährige Lutz Haenicke aus dem brandenburgischen Zossen, der mit seiner Frau Dora schon in aller Frühe in Richtung Elmshorn gestartet ist. „Dabei haben die den Zug ja selbst schon in die falsche Richtung gelenkt.“ Andere argwöhnen, dass die Politiker die Kette als Bühne vor der Wahl am 9. Mai in Nordrhein-Westfalen nutzen. Trittin hat damit keine Probleme. „Na klar machen wir Wahlkampf.“ Es gehe schließlich darum, die Mehrheit im Bundesrat zu gewinnen. Nur so könne Schwarz-Gelb gebremst werden.

Der Raum Elmshorn ist auch Zielpunkt der Hannoveraner, die sich an der Menschenkette beteiligen. Die Busse, die in der niedersächsischen Landeshauptstadt starteten, waren bereits seit Langem ausgebucht. Heidi Bleck ist daher mit dem Auto gekommen. „Wir sind schon um neun Uhr gestartet“, sagt die 51-Jährige. „Aber wir haben es nicht bereut. Die Stimmung ist toll. Hoffentlich bringt es auch was.“ Der Abiturient Simon Kuchinke ist ganz aus Erfurt angereist. „Dieses Gemeinschaftsgefühl macht Mut“, sagt der 19-Jährige von der Grünen Jugend. „Cool.“

Für die Atomkraftgegner aus dem Wendland war die Menschenkette eine Art Warmlaufen für die nächsten Castor-Transporte im Herbst. Die Trecker, Bau- und Zirkuswagen der erfahrenen Anti-Atom-Demonstranten steuerten das Kraftwerk Krümmel bei Geesthacht an. „Wir hatten hier die einzige Bühne ohne Parteipolitiker“, sagt Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. „Wir haben oft genug die Erfahrung gemacht, dass Parteivertreter den Mund voll nehmen und es dann doch nicht einlösen.“ Doch auch Ehmke jubelt in den höchsten Tönen: „Das war wunderbar.“