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Deutschland / Weltweit Ein Gottesstaat vom Mittelmeer bis Bagdad
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22:33 12.06.2014
Von Alexander Dahl
Kriegsziel Bagdad: Isis-Terroristen auf dem schnellen Vormarsch – so, wie die Organisation ihn selbst von sich im Internet verbreitet. Quelle: afp
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Berlin

Als Helene Rang vor drei Wochen von einer Delegationsreise aus dem Nordirak heimkehrte, berichtete sie von „blühende Landschaften“ und einem wirtschaftlichem Boom. Eine Region, anfällig für islamischen Extremismus, sei das sicher nicht, dachte die Geschäftsführerin des Nah- und Mittelostvereins in Berlin. „Was dort jetzt passiert, macht mich fassungslos“, sagt Rang.

Rund 12 000 fanatische Islamisten der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (Isis) reichten in dieser Woche aus, den Nordirak ins Chaos zu stürzen. Am Dienstag starteten die Terroristen einen temporeichen Feldzug, der sie gestern bis auf 90 Kilometer an die Hauptstadt Bagdad heranbrachte. Viele Soldaten der irakischen Armee und Angehörige der Polizei desertierten, obwohl sie mit mehr als 500 000 Mann der Isis eigentlich haushoch überlegen sind. Wichtige Industrie- und Handelsmetropolen wie Mossul, die einst dem Stoff Musselin seinen Namen gab, aber auch Falludscha und Baidschi mit wichtigen Elektrizitätswerken und der größten Erdölraffinerie des Landes sind fast kampflos eingenommen worden. Rund 500 Milliarden irakische Dinar, umgerechnet 318 Millionen Euro, soll Isis bei der Plünderung diverser Banken erbeutet haben. Die Organisation unter ihrem Anführer Abu Bakr al-Baghdadi wäre damit schlagartig die reichste Terrororganisation der Welt, noch vor dem Netzwerk Al Qaida, dessen Vermögen auf 280 Millionen Euro geschätzt wird.

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Einen neuen islamistischen Gottesstaat will Isis gründen, von der syrischen Mittelmeerküste bis weit in den Irak hinein. „Die tyrannische Stärke der Regierung ist unserer Frömmigkeit nicht gewachsen“, heißt es selbstbewusst in ihrem Internetmagazin. Bislang scheinen sie recht zu haben.

Paul von Maltzahn, Arabien-Experte der Gesellschaft für auswärtige Politik in Berlin, ist über den drohenden Zerfall des Iraks nicht erstaunt. „Das sind die Konsequenzen der irregeleiteten Politik von Ministerpräsident Nuri al-Maliki, der die islamische Minderheit der Sunniten von politischer Teilhabe ausgeschlossen hat“, sagt er. Daher schaue diese frustrierte Bevölkerungsgruppe nun tatenlos zu, wie Isis sunnitisch dominierte Regionen einnehme, ergänzt der Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Die Gefahr, die von der abgehängten sunnitischen Minderheit im Land ausgeht, hätte der schiitisch geprägten Zentralregierung in Bagdad schon lange klar sein müssen. Bereits 2003, als die USA den Diktator Saddam Hussein stürzten und die irakische Armee auflösten, standen Zehntausende Soldaten plötzlich vor dem Nichts. Viele davon waren Sunniten und wandten sich in den Jahren darauf oft terroristischen Aktivitäten zu. 2005 begannen die USA zudem damit, im Norden und Westen des Landes sogenannte „Erweckungsräte“ mit modernen Waffen auszurüsten, um den Einfluss des Terrornetzwerks Al Qaida zurückzudrängen. Der Plan war, die Mitglieder der Räte ab 2008 in die reguläre Armee oder Polizei zu integrieren - doch Maliki brach seine Washington gegebene Zusage, da er den mehrheitlich sunnitischen Verbänden nicht traute. Viele fanden nach Einschätzung von Experten später bei der Isis eine neue Heimat.

Im Auswärtigen Amt in Berlin spricht man daher von einem „Machtvakuum“, in das die Terrorgruppe nur noch hineinstoßen musste. Dies haben am Donnerstag auch die irakischen Kurden getan. Sie eroberten die Stadt Kirkuk an der Westgrenze ihres Autonomiegebietes und gewannen die Kontrolle über die ertragreichsten Ölfelder des Iraks. „Wenn Maliki jetzt erkennt, dass er seine Macht verlieren könnte, dann gibt es vielleicht eine kleine Chance, dass er seine Politik der Ausgrenzung doch noch ändert“, meint Nahost-Experte Steinberg.

Verschärfend kommt hinzu, dass im Irak auch ein Stellvertreterkrieg ausgefochten wird. Maliki und die Bevölkerungsmehrheit der Schiiten werden vom Iran unterstützt, der ebenfalls schiitisch dominiert ist. „Wir hatten davor gewarnt, dass sich ohne eine vernünftige Politik der Terrorismus in der Region ausweiten würde“, resümierte Außenamtssprecherin Marsieh Afcham und stellte die Erfolge der Isis als Konsequenz westlicher Politik im syrischen Bürgerkrieg dar. Terroristen sei dort nicht nur Spielraum gegeben worden, man habe sie sogar ermutigt, ihre Aktivitäten auf andere Länder auszuweiten, kritisierte sie.

Die Sunniten und die Terrororganisation Isis sollen Finanzhilfen aus Saudi-Arabien und den Emiraten am Persischen Golf erhalten. „Nicht direkt aus den Staatskassen, aber doch aus den Budgets reicher Familien und Organisationen“, sagt Paul von Maltzahn. Das streng sunnitische Riad will offenbar den Einfluss schiitischer Muslime in der Region kleinhalten. Das Königreich bangt um seine innere Stabilität, denn in seinen ölreichen Regionen lebt eine unzufriedene schiitische Minderheit.

Bereits gescheitert ist der Versuch der türkischen Regierung, sich dabei als führende Regionalmacht in Nahost zu etablieren. Nach Einschätzung von Maltzahns hat Regierungschef Recep Tayyip Erdogan das Einsickern islamistischer Kämpfer über die Türkei nach Syrien und den Irak über Jahre hinweg toleriert, um in Syrien und im Irak Einfluss zu gewinnen - ohne Erfolg. Zwar ließ Isis gestern angeblich 30 türkische Lastwagenfahrer im Nordirak aus der Geiselhaft frei. Der türkische Generalkonsul und seine 50 Mitarbeiter aus Mossul sind aber weiter in der Gewalt der „Gotteskrieger“. Vorerst setzt Ankara auf Diplomatie. Außenminister Ahmet Davutoglu drohte aber bereits mit „Vergeltung“, sollte den Türken etwas zustoßen.

Die Isis hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie von außen kaum zu steuern ist. Ihr religiöser Fanatismus hat selbst mit dem auch schon streng religiösen Alltag in den Unterstützerstaaten nichts gemein. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Massenexekutionen und Folter im Herrschaftsbereich der Isis. Bereits 2006 rief die Isis-Vorläuferorganisation „Islamischer Staat im Irak“ aus dem Untergrund heraus im Norden das „Islamische Emirat Irak“ aus. Ein „Kriegsministerium“ startete eine Terrorwelle, die Polizisten, Journalisten oder Frauen ohne Kopftuch traf. Fotografen, die mit Hochzeitsfotos Geld verdienten, mussten ihre Geschäfte als Handy-Läden tarnen, weil der Koran angeblich menschliche Abbildungen untersagt. Selbst absurde Speiseregeln wurden mit Morddrohungen durchgesetzt: Da die Tomate männlich, die Gurke aber weiblich sei, durfte in Restaurants kein gemischter Salat serviert werden. Selbst das streng islamische Saudi-Arabien kennt solche Vorgaben nicht.

Die westliche Politik blickt nun mit Schrecken auf eine Region, die einer Talibanisierung entgegengeht. Wenn alles aus der Balance gerate, sagt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, drohe das Chaos.

Was unterscheidet Schiiten und Sunniten?

Der Islam ist ähnlich wie das Christentum keine homogene Glaubensgemeinschaft: Etwa 90 Prozent der Moslems weltweit gehören den Sunniten an; der Rest sind mehrheitlich Schiiten. Als der Prophet Mohammed im 7. Jahrhundert starb, folgten ihm drei Verwandte, Kalifen genannt, als Anführer der Glaubensgemeinschaft nach. Nach deren Tod wurde Ali, ein weiterer leiblicher Nachkomme Mohammeds, Kalif. Er wurde 661 ermordet. Eine Partei (arabisch: Schia) der Moslems forderte, nur dessen Sohn Hussein könne legitimer Nachfolger des Propheten werden. Die Mehrheit der Muslime lehnte das ab und wählte einen anderen Religionsführer. Dieser Brauch (arabisch: Sunna) setzte sich durch; daher der Name Sunniten. Die Schiiten verehren bis heute die Gräber von Ali und Hussein als Heiligtümer.