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Deutschland / Weltweit Der Hesse, der es schaffen könnte
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00:16 20.09.2013
Thorsten Schäfer-Gümbel will bei Landtagswahl in Hessen die Ehre der SPD Retten. Quelle: dpa
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Wiesbaden

Wütend stehen sie vor ihm, Dutzende aufgebrachte Arbeiter, machen lautstark ihrem Ärger Luft. Thorsten Schäfer-Gümbel faltet erst einmal die Hände. Er macht das immer so, wenn er einen offiziellen Termin hat. Die linke Hand steckt er in die rechte, hält beide auf Bauchnabelhöhe vor den Körper, drückt das Kreuz durch. Kerzengerade steht er, Blick nach vorne. Auch beim Protest der IG Metall vor dem Continental-Werk in Karben nordöstlich von Frankfurt gleiten die Hände schnell ineinander. Um ihn herum protestieren die Mitarbeiter, weil sie um ihre Arbeitsplätze fürchten. Ein Betriebsrat peitscht sie auf, stimmt sie ein. Gleich werde der nächste hessische Ministerpräsident sprechen. Applaus, Beifall, Jubel. Die Bühne ist bereitet.

Schäfer-Gümbels Hände ruhen immer noch ineinander, als der 43-Jährige endlich ans Mikro tritt. Selbst wenn der Spitzenkandidat der hessischen Sozialdemokraten streitbare, aufmunternde Sätze über faire Entlohnung in die Menge ruft – er bewegt sich kaum. Er wirft sich nicht in den Wahlkampf, er hält ihn sich ein Stück vom Leib. Vielleicht ist das eine Erfahrung aus dem Jahr 2009. So etwas will die SPD nicht noch einmal erleben. Nie wieder 2009!

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Damals gab es für Schäfer-Gümbel nichts zu gewinnen. Die Fraktionsvorsitzende Andrea Ypsilanti hatte die Partei intern zerlegt, weil sie nach der Wahl 2008 entgegen ihren Versprechen eine rot-grüne Regierung durch die Linke tolerieren lassen wollte. Am Ende musste sie gehen. Schäfer-Gümbel, dreifacher Familienvater und bis dahin einfacher Landtagsabgeordneter, wurde Spitzenkandidat, weil sich sonst niemand auf dieses Himmelfahrtskommando einließ. Bei der vorgezogenen Neuwahl am 18. Januar 2009 fiel die SPD in sich zusammen, erzielte ihr bis dahin schlechtestes Ergebnis im Land. Der Spitzenkandidat wurde wegen seines Namens verspottet. „Schäfer wer?“ Selbst seriöse Blätter spöttelten. Schlimmer konnte es nicht werden.

Seither bereitet der Landesvorsitzende  die Sozialdemokraten auf die Wahl am 22.  September vor: Die hessische SPD, einen eher schwierigen Landesverband, hat er auf Kurs gebracht. Seinen Machtanspruch setzte er auch intern durch, niemand stellt ihn mehr infrage. Bereits vor drei Jahren machte Schäfer-Gümbel seiner Partei klar, dass er – und auch nur er – 2013 antreten würde. Die Prognosen sprachen für ihn. Noch im vorigen Jahr konnten die Genossen in Hessen vor Kraft kaum laufen, weil sie zusammen mit den Grünen in den Umfragen weit vorne lagen. Inzwischen ist das Rennen enger. Ob Schäfer-Gümbel den amtierenden Ministerpräsidenten und CDU-Mann Volker Bouffier ablösen kann, ist fraglich. Aber es ist möglich.

Bouffier, der zu seiner Zeit als Innenminister noch den harten Hund gab, hat seit seinem Einzug in die Staatskanzlei fast alles Kantige verloren. Er gebärdet sich nicht mehr als innenpolitischer Scharfmacher. Lieber betont er, wie gut es dem Land wirtschaftlich geht, dass er es mit ruhiger Hand führt. Wohlfühlen sollen sich die Bürger mit ihm. „Hessen bleibt locker“, verspricht die CDU. Das entsprechende Wahlplakat zeigt Bouffier am Kickertisch mit Jugendlichen, einer trägt Irokesenschnitt. Das hätte es bei seinem Vorgänger Roland Koch nicht gegeben. Aber in den Umfragen gibt es für den dreifachen Vater dafür Zustimmung.

Die Lager Rot-Grün und Schwarz-Gelb sind vier Tage vor der Wahl gleichauf. Jetzt flattern die Nerven bei der SPD. Vielleicht auch, weil Schäfer-Gümbel selbst in dieser Situation so ruhig bleibt.
Im Boxcamp im Frankfurter Problemstadtteil Gallus laufen 18 türkische Jungs im Kreis. Die 17 Jahre alte Bilgenur Arras treibt sie an. Sie macht die Ansagen, sie gibt den Takt vor. Auffällige Jugendliche werden hier mit einer Mischung aus Verständnis und klaren Regeln auf den Pfad der Tugend zurückgeführt. Sie powern sich aus. Schäfer-Gümbel zeigt sich begeistert. Er steht vor den Jugendlichen, will mit ihnen plauschen, Erstwähler werben. Er spricht über sozialen Aufstieg. Es ist eine etwas gezwungene Situation, wieder sind die Hände gefaltet. Der Trainer erzählt, dass die Jungen, seit sie boxen, kaum noch in Schlägereien verwickelt sind. „Wenn sie sich nicht mehr als Opfer fühlen, dann strahlen sie auch etwas anderes aus“, sagt der Chef des Boxklubs. Schäfer-Gümbel nickt. Diese Botschaft hat er auch der SPD eingeimpft.Seine Taktik war einfach: Der Oppositionschef polterte nicht im Landtag, er polemisierte nicht. Er hielt dem Regierungschef nur den Spiegel vor, argumentierte in der Sache, zeigte Schwächen der Landesregierung auf und gewann dadurch Sympathien beim Wähler zurück.

Sein Problem ist nur, dass im Endspurt  Argumente kaum verfangen. Die Basis wünscht sich emotionale Auftritte, mehr Temperament. Dafür steht ihr Landesvorsitzender aber gerade nicht. Schäfer-Gümbel bleibt selbst im Wahlkampf nüchtern im Ton. Wenn eine ältere Dame über Dreck im Hochhaus klagt, fragt er beim Ortstermin die Verantwortlichen der hessischen Wohnungsbaugesellschaft, ob sie über eine Concierge nachgedacht hätten. Geschäftsführern, die über die hohe Ökostrom-Umlage klagen, verspricht er, noch einmal wiederzukommen zum ausführlichen Gespräch. Das entspricht seinem Naturell. Im kleinen Kreis ist er unbefangen. Bei Wahlkampfterminen braucht er eine Weile, um mit den Menschen warm zu werden. Bouffier, witzeln Journalisten, umarmt dagegen jeden Wähler.

Schäfer-Gümbel ist ein Aktenfresser. Mitarbeiter loben, wie er sich Details erarbeiten kann, wie er Sachverhalte durchdringt. Sein Politikansatz ist ein rationaler. Vor dem TV-Duell gegen Volker Bouffier büffelte er lieber Fakten, als mit einem Mitarbeiter den Gesprächsverlauf zu trainieren und die richtige Strategie auszutüfteln. Nicht ohne Grund ist Schäfer-Gümbel glühender Krimi-Fan: Kluge Beweisführung, eine Kausalkette führt am Ende zum Täter. Schäfer-Gümbel liebt das. Den „Tatort“ am Sonntagabend darf er auf keinen Fall verpassen. Er hat es gehasst, als ein Landrat ihn immer sonntags gegen halb neun Uhr anrief. „Da war ich doch schon mittendrin.“ Allein die härtere Krimi-Kost aus Schweden, bei der sowohl Ermittler als auch Täter kaputte Charaktere sind, verschmäht der SPD-Spitzenkandidat. Grautöne sind nichts für ihn. Es gibt immer einen, der das bessere Argument – der einfach recht hat.

Deshalb versteht Schäfer-Gümbel auch nicht, warum nun die Diskussion über Rot-Rot-Grün in Hessen wieder aufgeflammt ist. Hundertfach wurden ihm Fragen dazu gestellt, hundertfach beantwortete er sie gleich – zuletzt vor einer Woche bei einer Diskussion. „Formal“ wolle er keine Koalition ausschließen, aber „politisch“ sei die Linke nicht „regierungsfähig“. Notfalls bleibe die jetzige Regierung geschäftsführend im Amt. Seitdem werfen ihm CDU und FDP vor, er plane wieder einen Wortbruch wie damals Ypsilanti. Zuletzt griff ihn Bouffier im TV-Duell frontal an: „Wie Ypsilanti waren Sie damals ein entschiedener Befürworter von Rot-Rot-Grün. Daran hat sich doch nichts geändert.“ Schäfer-Gümbel war überrumpelt. Nun beschwört er im Endspurt die Wähler geradezu. „Das Land braucht keine Abenteuer. Mit denen mache ich es nicht. Das hinterlege ich dir beim Notar“, sagt er einem Gewerkschaftler in Karpen.

An einem der letzten Abende vor der Wahl macht Thorsten Schäfer-Gümbel im Pfungstädter E-Werk Station. Auf Bierbänken sitzen Jung und Alt, mit einheimischem Bier, Brezeln, Hartwurst. Mitte August wählte die Kommune im Landkreis Darmstadt-Dieburg ein neues Stadtoberhaupt. Knapp 58 Prozent erhielt der SPD-Kandidat. Pfungstadt ist ein Heimspiel für Schäfer-Gümbel. Wieder spricht er über Mindestlohn, Steuern für die Vermögenden – die Leute wollen das hören. Das Publikum klatscht rhythmisch. Schäfer-Gümbel nickt kurz. Dann spricht Torsten Albig, der den Parteifreund heute im Wahlkampf begleitet. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gibt sich wenig norddeutsch. Er peitscht das Publikum nach vorne. Noch sei nichts verloren: „Mit euch gewinnt man Wahlen“, brüllt er. „Wir werden ihnen zeigen: Ihr könnt euch eure Umfragen sonst wohin schieben!“ Der Saal tobt. Am Ende bedankt sich die örtliche SPD-Kandidatin bei Albig: „Jetzt weiß ich, warum du Ministerpräsident bist.“ Schäfer-Gümbel steht daneben und lächelt scheu.

Die Spitzenkandidaten von CDU, Grünen, FDP und Linkein Hessen

Der Landesvater

Seit Mitte 2010 führt Volker Bouffier Regierung und CDU in Hessen, nun muss er deren Macht verteidigen. Vorher amtierte der 61-jährige Jurist aus Gießen elf Jahre lang als Innenminister unter Roland Koch (CDU). Bouffier gehörte zum Freundeskreis von Politikern der Jungen Union um Roland Koch, die gemeinsam Parteikarriere machten. Doch während Koch als hessischer Regierungschef mit Vorliebe bundespolitische Debatten provozierte, hält Bouffier sich zurück. Lieber gibt der Vater von drei erwachsenen Kindern den jovialen Landesvater und nutzt sein Talent, auf Menschen zuzugehen.

Der Wählerliebling

Hessens Grünen-Chef Tarek Al-Wazir ist nicht nur der dienstälteste Fraktionschef im Landtag. Der 42-Jährige wird auch oft in Umfragen zum beliebtesten Politiker des Landes gewählt. Der Sohn eines Jemeniten und einer Deutschen gilt als eines der großen politischen Talente seiner Partei. Für den Offenbacher stellt die Wahl die wohl letzte Chance dar, in Hessen Minister zu werden. Ansonsten dürfte er sich ein anderes Feld suchen – zum Beispiel in der Bundespolitik. Mit seiner Frau, die er in der Internationalen Schule in Sanaa kennenlernte, hat er zwei Söhne.

Der Sprücheklopfer

Der hessische FDP-Vorsitzende und ­Justizminister Jörg-Uwe Hahn ist immer für einen Spruch gut – bringt sich damit aber auch gelegentlich in Bedrängnis. So ließ sich ein Zitat zur vietnamesischen Herkunft von FDP-Chef Philipp Rösler als ausländerfeindlich lesen. Dabei ist Integration für den 56-jährigen Juristen aus Bad ­Vilbel ein großes Thema: Er sorgte dafür, dass es in Hessen islamischen Religionsunterricht gibt. Hahn führt die Landes-FDP seit 2005 und hält sie fest an der Seite der Union. Der Sohn eines Bundeswehroffiziers ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die recht Linke

Die Spitzenkandidatin der hessischen Linkspartei, Janine Wissler, musste schon vor dem 22. September wählen: Landes- oder Bundespolitik. Sie entschied sich, erneut für den Landtag in Wiesbaden zu kandidieren, wo sie seit 2009 die Linksfraktion führt. Die 32-jährige Politologin aus Langen ist eine der scharfzüngigsten Rednerinnen im Parlament. Ihre poli­tische Heimat sind ultralinke Strömungen in der Partei wie das Netzwerk Marx 21. Wissler kandidierte bei der Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt 2012, allerdings wenig erfolgreich. Sie kam auf 3,8 Prozent der Stimmen.

Von Kai Kollenberg

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