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Deutschland / Weltweit Tränen und Tod im wirren Venezuela
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11:00 29.01.2019
venezuela machtkampf Quelle: RND
San Cristobal

Schon die Einreise über den Landweg ist ein kleines Abenteuer: Von den insgesamt acht Schaltern im kleinen Raum der venezolanischen Migrationsbehörde in San Antonio ist gerade einmal einer besetzt. Dort wartet ein grimmig dreinschauender Beamter, der erst einmal mit dem Reisepass verschwindet. Ein Deutscher, der einreisen will? Das muss der Vorgesetzte entscheiden. Nach ein paar Minuten kommt der Grenzbeamte mit dem Pass zurück. Er gibt grünes Licht.

Es sind nicht viele Menschen, die in diesen Tagen nach Venezuela einreisen wollen. Ins Chaos, in das Land der Wirtschaftskrise und Hyperinflation, und, neuerdings, ins Land der zwei Präsidenten, die erbittert um die Macht kämpfen. Auf der Gegenspur in der Migrationsbehörde ist deutlich mehr Betrieb. Tausende Venezolaner verlassen über den Grenzübergang an diesem Tag ihr Heimatland, um nach Kolumbien einzureisen. Raus aus dem Chaos, raus aus der Armut. Jene, die große Koffer haben, für immer, andere, um in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta zu arbeiten.

Das nächste Problem für Einreisende ist komplizierter: Wie nach San Cristóbal kommen? Die Oppositionshochburg, eingeschlossen von grünen Berghügeln, ist eine Autostunde von der kolumbianischen Grenze entfernt. Aber das Transportsystem ist fast vollständig zusammengebrochen. Im ölreichsten Land der Welt gibt es keinen Sprit. Dafür aber unzählige Autos mit Riesentanks, die offenbar das Benzin über die Grenze nach Kolumbien schmuggeln, um es dort zu verkaufen.

Interimspräsident Juan Guaidó stellt die Machtfrage. Quelle: Getty Images

Öl ist die einzige nennenswerte Einnahmequelle Venezuelas. Traditionell hängt alles am schwarzen Gold. Eigentlich dürfte es dem Ölstaat gar nicht schlecht gehen. Doch das Land hat sich bei Russland und China verschuldet und muss nun Milliardenkredite mit Öl begleichen – für Geld, das schon längst ausgegeben ist. Die Amerikaner, die mit harten Dollars zahlen, wollen künftig ihre Rechnungen nicht mehr mit dem Regime von Nicolás Maduro begleichen, sondern mit dem von seinen Anhängern ausgerufenen Interimspräsidenten Juan Guaidó. Die Konten der venezolanischen Zentralbank in den USA sind laut US-Senator Marco Rubio bereits in die Kontrolle Guaidós übergangen. Es ist eine unvollendete Revolution, in der das Land steckt. Niemand weiß, wer den Machtkampf für sich entscheidet.

Ein Fahrer erklärt sich bereit, den Transport in Richtung San Cristóbal zu übernehmen. Für kolumbianische Pesos allerdings, nicht für venezolanische Bolivar. Die Venezolaner haben das Vertrauen in die Landeswährung angesichts von einer Hyperinflation von mehr als 10 000 Prozent allein im Jahr 2018 komplett verloren. Das Maduro-Regime versucht es immer wieder mal mit neuen Währungen, der Kryptowährung Petro, einem neuen Bolivar, der alle Jahre seinen Namen ändert. Fast alles wird hier unweit der Grenze in Pesos abgerechnet. Es ist die inoffiziell akzeptierte Parallelwährung, deswegen ist die Versorgungslage im Städtchen San Antonio nahe der Grenze zu Kolumbien besser als im Landesinneren.

Venezuelas Machthaber Nicolas Maduro. Quelle: AP

Bei freier Strecke dauert die Fahrt in Richtung San Cristóbal etwa 60 Minuten. Aber die Strecke ist nicht frei. Alle paar Kilometer gibt es Kontrollen. Mal sind es die Drogenfahnder, mal die Nationalgarde, mal Sonderermittler, die Polizei – die Sicherheitsbehörden machen Besuchern den Weg in die Hochburg der Oppositionellen nicht leicht. Es heißt dann raus aus dem Auto, den Pass vorzeigen, den Kofferraum, den Rucksack vorzeigen. „Reine Schikane ist das, weil wir hier gegen die Regierung sind“, sagt Fahrer Arturo, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will.

Gegen die Regierung sind viele in diesem Teil des Landes. Es geht vorbei an verwaisten Tankstellen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, die mit Gittern versperrt sind. Preistafeln gibt es nicht, denn die venezolanische Regierung verschenkt den Sprit an ihre Bevölkerung. Eine Tankfüllung kostet umgerechnet nicht mal einen Euro. Ökonomischer Irrsinn, der ideologisch begründet wird: Das venezolanische Öl gehöre den Venezolanern, heißt es. Nur dass die den Sprit aus der wirtschaftlichen Not heraus unter der Hand gleich weiterverkaufen.

Ölknappheit im ölreichen Land: Viele Tankstellen sind mit Gittern versperrt Quelle: Tobias Käufer

An der einzigen Zapfsäule, an der es doch noch Sprit gibt, wartet eine Schlange von mehr als vier Kilometern Länge. Sie schlängelt sich durch San Cristóbal, einige ganz vorne übernachten sogar im Auto. Niemand will einen guten Platz aufgeben, denn es ist unsicher, wann der nächste Tankwagen mit Nachschub kommt.

San Cristóbal ist eine Hochburg der venezolanischen Opposition, die seit Wochen um die Vorherrschaft in dem Land und gegen den sozialistischen Machthaber Manduro kämpft. Sie hat sich organisiert, verfügt über ein Netzwerk, mit dem Proteste gegen das Regime gesteuert werden. Es gibt Whatsapp-Gruppen, die über die nächste Demo informieren, die vor Polizeisperren warnen oder Verhaltenstipps bei einer Festnahme geben.

Am 23. Januar, dem Tag, an dem der 35-jährige Parlamentspräsident Juan Guaidó in der vergangenen Woche zum Interimspräsidenten ausgerufen wurde, gingen in San Cristóbal Zehntausende auf die Straßen, um sich hinter den jungen Ingenieur zu stellen. Wie im ganzen Land. Guaidó macht den Menschen, die nicht mit dem Regime Maduro sympathisieren, Hoffnung. Er bündelt die Kräfte einer lange Zeit kopflosen und dann auch noch tief zerstrittenen Opposition. Die USA und einige andere Staaten erkannten den neuen Präsidenten sofort an, andere hielten an Maduro fest.

Zahlreiche Menschen nehmen an einer Kundgebung gegen die Regierung von Präsident Maduro und für die Opposition in Venezuela teil. Am 23.01.2019 erklärte sich der Präsident des entmachteten venezolanischen Parlaments, Guaido, zum venezolanischen Staatschef. Quelle: ZUMA Wire

Der sozialistische Machthaber hat in den vergangenen Jahren viele Rivalen ausgebootet. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles und die populäre Abgeordnete María Corina Machado: Berufsverbot. Der ehemalige Bürgermeister von Caracas, Antonio Ledezma: im Exil. Der populäre und potenzielle Präsidentschaftskandidat Leopoldo López: nach Haft unter Hausarrest. Ex-Parlamentspräsident Julio Borges: Exil.

Die im Juli 2017 gebildete verfassunggebende Versammlung hat dem Präsidenten noch mehr Macht verliehen. Oppositionelle kritisieren, dass er über die Institution der Versammlung die Rechte des Parlaments aushebelt und Venezuela diktatorisch regiert.

Während die USA, Kanada, Australien und Teile Lateinamerikas Guaidó als Interimspräsident anerkennt, stellen sich etwa China, Russland und die Türkei an die Seite Maduros. Europa fordert Neuwahlen. Quelle: RND

Bei der Präsidentschaftswahl 2018 trat Maduro gegen den chancenlosen Kandidaten Henri Falcón an, der ohnehin als Marionette der Sozialisten galt. Deswegen erkennt die Opposition, die bei den letzten freien Wahlen Ende Dezember 2015 eine haushohe Mehrheit im Parlament einfuhr, die zweite Amtszeit Maduros, die am 10. Januar begann, nicht an. Seitdem herrscht in dem verarmten Land das Chaos.

Die Verfassung sehe in der aktuellen Situation einen Interimspräsidenten vor, der Neuwahlen organisiert, argumentiert die Opposition und berief den am 5. Januar zum Parlamentspräsidenten gewählten Guaidó zum Interimspräsidenten. Doch Maduro hält weiter an der Macht fest.

Der Kampf ist deshalb nun einer, der auf der Straße entschieden werden könnte. Und in den Kasernen. Guaidó hat für Mittwoch und Sonnabend zu landesweiten Protesten gegen Maduro aufgerufen, um den Druck zu erhöhen. Es werden Hunderttausende erwartet, ganz so wie in der vergangenen Woche, als Guaidó zum Interimspräsidenten ausgerufen wurde.

Doch demonstrieren ist in Venezuela lebensgefährlich. Wie gefährlich, das zeigt die Trauerfeier für den erschossenen Studenten Luigi Guerrero in der Universidad De Los Andes.

Hunderte Studenten sind in die Aula gekommen, um sich von ihrem Kommilitonen zu verabschieden. Abwechselnd nehmen sie Aufstellung am Sarg Guerreros. Es wird viel geweint an diesem Nachmittag. Auch Guerrero war am 23. Januar auf den Straßen, zum ersten Mal in seinem Leben hat er demonstriert, berichtet die Lokalzeitung. Dann kamen die gefürchteten „Colectivos“, die paramilitärischen Banden Maduros. Sie kommen oft aus dem Nichts, vermummt und auf Motorrädern. Dann schießen sie in die Menge und verschwinden wieder.

Die Studenten der Universität berichten, einige von ihnen hätten einen kubanischen Akzent gehabt. „Luigi ist dreimal von Schüssen der Colectivos getroffen worden und war sofort tot“, berichtet Kevin Ibarra, der an dem Tag mit Luigi Guerrero demonstrieren gegangen war. „Die Colectivos wollen Angst verbreiten, damit die Leute, besonders die Studenten, schweigen.“ Guerreros Onkel Alexander Ovalle ist am Boden zerstört: „Luigi war niemals gewalttätig, es war seine erste Demonstration. Er wollte nur das, was seine Kommilitonen auch wollten. Er wollte seinen Willen zur Freiheit ausdrücken.“

Unser Autor Tobias Käufer auf seiner Reise in Venezuela. Quelle: Tobias Käufer

Präsident Nicolás Maduro setzt bislang vor allem aufs Militär – als Oberbefehlshaber, als Kommandant mit Zugriff auf das ganze Waffenarsenal der venezolanischen Armee. Das Militär steht bisher zu dem sozialistischen Machthaber – wenn auch der Rückhalt langsam zu schwinden scheint. Doch auch Interimspräsident Guaidó buhlt um die Unterstützung der Streitkräfte. „Wir wollen, dass die Soldaten die Verfassung und den Bürgerwillen achten“, sagte Guaidó am Montag.

Papst Franziskus, eine wichtige Stimme in Venezuela, hat es bisher vermieden, sich auf eine Seite des Konflikts zu stellen. Allerdings befürchtet er offenbar Schlimmstes. Ihm graue vor einem Blutbad in Venezuela, sagt er.

Es steht zu befürchten, dass Student Guerrero nicht das letzte Opfer dieses Machtkampfes bleiben wird.

Von Tobias Käufer

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