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US-Präsidentschaftswahl 2012 Barack Obama: Ein Präsident im Sturm
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19:41 30.10.2012
Von Stefan Koch
US-Präsident Barack Obama hat durch Hurrikan Sandy“ die einmalige Gelegenheit, sich der Nation als entschlossener Krisenmanager an der Heimatfront zu präsentieren. Quelle: dpa
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Washington

Die Kampagne von US-Präsident Barack Obama ist an so einem „Make or break“-Punkt angekommen: Eine Woche vor dem Wahltermin bietet der Hurrikan ihm die einmalige Gelegenheit, sich der Nation als entschlossener Krisenmanager an der Heimatfront zu präsentieren. Aber nur ein Fehler – und eine Woche vor dem Wahltag bleibt nicht das kleinste bisschen Zeit, um einen schlechten Eindruck wettzumachen.

Obamas Vorgänger George W. Bush hat es ja nicht einmal in drei Jahren geschafft, sein miserables Krisenmanagement während des Hurrikans „Katrina“ 2005 vergessen zu machen. Obama dürfte sich noch erinnern, was er Bush während des Wahlkampfes 2008 vorgeworfen hat: Er geißelte den „Verlust an ziviler Kultur im öffentlichen Dienst“, der zu mangelhafter Katastrophenhilfe an der Golfküste geführt habe. In dieser Woche dürfte er Gelegenheit haben, sich in Notstandsgebieten tatkräftiger zu zeigen. Zumal sie direkt vor seiner Haustür liegen.

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Wo sich an normalen Tagen endlose Blechlawinen durch die Hauptstadt wälzen, huschen an diesem Montagabend ein paar Passanten durch den Regen, um noch schnell die letzten Einkäufe zu erledigen. Brot, Wasser, Batterien, Kerzen, Taschenlampen – in vielen Supermärkten sind sie seit Sonntag ausverkauft. Die meisten Geschäfte sind sowieso geschlossen. Vor dem beliebten „Apple“-Store im Stadtteil Georgetown stapeln sich die Sandsäcke, ebenso in allen Straßen, die leicht abschüssig sind. Niemand weiß, was in dieser Nacht über Washington hereinbrechen wird. Die Hauptstädter ahnen aber: Wenn der Hurrikan Bäume entwurzelt, fällt sicher wieder für Tage der Strom aus. Und das antiquierte Kanalsystem dürfte kaum die Regenmassen fassen, die der Wetterdienst ankündigt.

Ruhe vor dem Sturm

Und doch liegt, wenige Stunden vor „Sandys“ Ankunft, mehr Ruhe denn Panik über Washington. Man kennt sich hier aus mit Hurrikans. Man nimmt die Gefahr ernst, bereitet sich so gut wie möglich vor, bleibt aber relativ gelassen. Ein paar Singles, die im Szeneviertel Georgetown in kleinen Appartements wohnen, verabreden sich zu Kellerpartys, wollen die stürmische Nacht durchfeiern. Andere, vor allem Familien, aber fürchten, dass in der Nacht so mancher Hilferuf ungehört bleiben könnte.

Busse und Bahnen haben den Betrieb längst eingestellt. In den unzähligen Behörden der Hauptstadt ist nur noch eine Notmannschaft im Einsatz. Wie viele andere diplomatische Vertretungen hält auch die deutsche Botschaft ihre Türen geschlossen. Wer kann, bleibt zu Hause. Oder besser: Wer kann, fährt zu Verwandten ins Hinterland – oder gönnt sich einen Kurzurlaub am Golf von Mexiko. So wie Alexander Smith. Dem Lehrer an der privaten „St. Albans School“ wurde bereits am Wochenende mitgeteilt, dass die Schulen in Washington für mehrere Tage schließen. Am Sonntag erwischte der 45-Jährige noch einen Platz in einer Maschine nach New Orleans: „Es ist vielleicht ein bisschen seltsam, dass ich ausgerechnet den Ort besuche, der im August 2005 von einem Hurrikan heimgesucht wurde. Aber andererseits: Warum nicht? New Orleans ist heute doch wieder eine wunderbare Stadt.“

So gelassen sind andere „Washingtonians“ dann doch nicht. Schon gar nicht die Regierungsmitglieder. Wie verhält man sich richtig als Staatsoberhaupt, das sich wenige Tage vor der Wahl bewähren muss? David Axelrod, Obamas Topberater, ist sichtlich nervös: „Sandy kommt uns in die Quere“, sagt Axelrod im Nationalen Pressezentrum. In den entscheidenden Tagen vor der Wahl habe der Präsident jetzt nicht mehr so viele Gelegenheiten, die Wähler von seinem Politikkurs zu überzeugen.

Wahlveranstaltungen abgesagt

Tatsächlich sagte Obama am Montag reihenweise Termine ab. Mehrere tausend Anhänger haben sich vergebens um Tickets für seine Wahlveranstaltungen in Colorado, Florida, Virginia und Ohio bemüht.Wenige Stunden später kann sich die Nation davon überzeugen, dass ihr „Commander in Chief“ das drohende Chaos als Bühne nutzt: Mehrere Fernsehsender filmen Obama in der Schaltzentrale der Notstandsbehörde. Zahlreiche Militärs und Katastrophenschutzhelfer erstatten dem Präsidenten Bericht, auf diversen Bildschirmen lässt er sich den Verlauf des Hurrikans erläutern. Die Botschaft ist eindeutig: Der Präsident hält Kurs und bleibt im Weißen Haus, auch wenn „Sandy“ seine unmittelbare Umgebung zertrümmern sollte.

Am Sonntag waren die Hurrikan-Beobachter noch davon ausgegangen, dass New York City am härtesten getroffen werden würde. Am Montag ändern sich dann die Prognosen: Nun heißt es, der Hurrikan suche sich seinen Weg ins Landesinnere unweit von Baltimore und Washington.
In der Metropole am Hudson mag man sich nicht darauf verlassen. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg beschwört die Gefahr einer Sturmflut mit meterhohen Wellen in Brooklyn und Hochwasser zwischen den Wolkenkratzern von Manhattan. Knapp eine halbe Million New Yorker sind evakuiert worden – ob sie wollten oder nicht. Im Bundesstaat New York rücken mehrere tausend Angehörige der Nationalgarde ein, um im Katastrophenschutz zu helfen. 

Supersturm befürchtet

Das nationale Hurrikanzentrum befürchtet einen „Supersturm“, da sich arktische Luft um den aus der warmen Karibik kommenden Wirbelsturm herumwickeln würde. Nach Ansicht von Meteorologen ist dieses Phänomen höchst selten und führt zu extremen Windgeschwindigkeiten, sintflutartigem Regen und heftigen Schneefällen.  Doch bis ins Detail berechenbar ist der Sturm ohnehin nicht: Am Abend erreicht er schließlich zwei Stunden früher als erwartet die Küste und kündigt sich im Süden von New Jersey mit schweren Verwüstungen entlang der Uferpromenaden und an den Ferienhäusern an. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits mehr als eine Million Menschen ohne Strom, zahlreiche küstennahe Straßen sind überflutet und die Behörden wiederholen ihre Appelle an die Bevölkerung, in dieser Nacht die Häuser nicht zu verlassen.

Verunsichert sind da am Montag auch all die Umfrageinstitute, die sich ein Wettrennen um die neuesten Erhebungen zur Präsidentschaftswahl am 6. November leisten. Die Anhänger der Demokratischen Partei hatten in den vergangenen Tagen kräftig dafür getrommelt, möglichst frühzeitig zur Wahl zu gehen. Da viele Niedriglöhner, die mehrheitlich für Obama stimmen, am Wahltag lange arbeiten müssen, sollten sie schon vorzeitig ihr Kreuz machen. Nun aber könnten sie mit der Beseitigung der Sturmschäden so beschäftigt sein, dass sie für den Urnengang keine Zeit finden. Zudem vermag niemand zu sagen, wann die Wahlbüros überhaupt wieder öffnen.

Krisenstimmung herrscht aber auch bei den konkurrierenden Republikanern: Ältere Wähler, die häufig für die „Grand Old Party“ votieren, könnten angesichts der Sturmfolgen ebenfalls zu Hause bleiben statt wählen zu gehen. Und Herausforderer Mitt Romney, der nicht in den Ruf eines Krisengewinnlers geraten will, lässt wie Obama  sämtliche Auftritte absagen – unter anderem in Wisconsin. „Wir schließen die Menschen an der Ostküste in unsere Gebete mit ein“, sagt ein Romney-Berater mit Pathos in der Stimme.

Alle Wahlkalkulationen sind jetzt mit besonderer Vorsicht zu bewerten, da „Sandy“ offenbar ausgerechnet durch den politisch besonders stark umkämpften „Swing State“ Virginia wirbeln dürfte. Gouverneur Bob McDonnell stellt bereits diverse Notunterkünfte bereit – insbesondere in der Nähe von Washington. Der stramm konservative Republikaner gilt gemeinhin nicht als Freund der Hauptstadtpolitiker. Doch seine Berater zeigen sich am Montag ausgesprochen versöhnlich: „In den kommenden Stunden und Tagen darf die Parteipolitik keine große Rolle spielen. Es gibt ein übergeordnetes nationales Interesse.“