Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Video bringt Romney in Bedrängnis
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Video bringt Romney in Bedrängnis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:23 18.09.2012
Von Stefan Koch
Mitt Eomney: „Natürlich will ich allen Amerikanern helfen.“ Quelle: dpa
Anzeige
Washington

Mitt Romney ist ein unglaublich erfolgreicher Mann. Der Republikaner besitzt eindrucksvolle Studienabschlüsse, er baute mehrere Firmen auf und sammelte ein geradezu sagenhaftes Vermögen an. Politisch trat er in die Fußstapfen seines Vaters und brachte es bis zum Gouverneur. Man möchte ihm fast zurufen: Sei stolz darauf - und belass es dabei! Denn die scheinbar endlose Erfolgsgeschichte des 65-Jährigen droht in dieser Woche ein abruptes Ende zu nehmen. Romneys Wahlkampagne steht vor dem Scheitern.

Ein heimlich aufgezeichnetes Video von einer Spendengala hinter verschlossenen Türen sorgt im Wahlkampflager der Demokratischen Partei für Jubel. Ihrer Meinung nach hat sich der politische Gegner selbst ins Abseits geschossen: Herausforderer Romney präsentiert sich dort vor einem gutbetuchten Publikum genau so, wie es Amtsinhaber Barack Obama vermutet. Der Republikaner wirft quasi der Hälfte seiner Landsleute vor, sich nicht genügend ins Zeug zu legen, um für sich selbst zu sorgen: "47 Prozent der Menschen werden für den Präsidenten stimmen, egal was geschieht. 47 Prozent zahlen keine Einkommenssteuer. Sie sind abhängig von der Regierung, glauben, dass sie die Opfer sind und dass die Regierung verpflichtet ist, sich um sie zu kümmern. Sie glauben, dass sie Anspruch haben auf eine Gesundheitsversorgung, auf Lebensmittel, eine Wohnung, auf was auch immer." Über diese Menschen könne er sich keine Gedanken machen: "Sie werde ich nie überzeugen, dass sie Verantwortung übernehmen und sich um ihr eigenes Leben kümmern müssen." Ihm, Romney, gehe es um die fünf bis zehn Prozent aus der Mitte der Gesellschaft, die ins Nachdenken kommen. Und gemeinsam mit den anderen 50 Prozent werde er die Wahlen am 6. November gewinnen.

Anzeige

Formal betrachtet treffen Romneys Äußerungen zur Einkommenssteuer durchaus zu. Nach Auskunft des "Tax Policy Centers" zahlen 46 Prozent der Amerikaner diese Abgaben tatsächlich nicht. Der Politiker lässt allerdings unerwähnt, dass ein Großteil der öffentlichen Einnahmen durch die Grundsteuer zustande kommt, die in den USA ungleich höher ist als in Deutschland. Außerdem ist das Einkommen vieler Amerikaner so niedrig, dass sie unterhalb des Steuerfreibetrags liegen. Entscheidender als diese Fakten ist jedoch die Tonlage von Romneys Aussagen - und das Umfeld.

Das Video, an dessen Echtheit keine Zweifel bestehen, war dem Magazin "Mother Jones" zugespielt worden. Es wurde am 17. Mai bei einer privaten Spendengala in Florida aufgenommen. Das Online-Magazin "Politico" hat mittlerweile eine Teilnehmerliste des Abends veröffentlicht, wonach es sich zuallererst um die Millionärsriege der Stadt Boca Raton im schönen Palm Beach County in Florida handelt. Chic gekleidet mit schwarzem Anzug und schwarzer Krawatte erklärt Romney den Großspendern seine Sicht der Dinge: Es sei nicht seine Aufgabe, sich um die politischen Gegner zu kümmern: "Ich werde sie niemals überzeugen, dass sie endlich persönliche Verantwortung übernehmen und für ihr eigenes Leben sorgen."

Dass dieses Video womöglich die entscheidende Wende im Rennen um das Weiße Haus bringen könnte, zeigt Romneys eigene Reaktion. Eilig lud er während seiner Wahlkampftour in Los Angeles zu einer Pressekonferenz ein und äußerte sich sichtlich nervös. "Diese Fetzen des Videos wurden aus dem Zusammenhang gerissen." Eine Entschuldigung gibt er nicht ab, aber eine Art Eingeständnis: "Na klar, es war nicht elegant und effektiv. Es war ja nur aus dem Stegreif formuliert."

Vor den Journalisten deutet Romney damit auf sein größtes - eigenes - Problem hin: Er spricht schnell, manchmal zu schnell und zu unüberlegt. Als er zum Beispiel seinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten vorstellte, sagte er: "Hier kommt Paul Ryan, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika." Einige Momente später eilte Romney auf die Bühne zurück und scherzte: "Ich bin ja bekannt dafür, manchmal Fehler zu machen. Aber mit diesem Mann habe ich keine Fehler gemacht. Der neue Vizepräsident!"

Politisch bedeutsamer waren seine pannenreichen Auftritte während seiner jüngsten Europatour. In London zweifelte er an den Fähigkeiten der Briten, die Olympischen Spiele gut auszurichten. Und in Jerusalem spottete er ganz unverblümt über die Einkommensunterschiede zwischen Israelis und Palästinensern: "Das hängt sicherlich mit der jüdischen Kultur und einigen anderen Dingen zusammen". Und an eine kurzfristige Lösung des Konflikts mit den Palästinensern glaube er ohnehin nicht.

Als wäre der jüngste Fauxpas für die Republikaner nicht schwerwiegend genug, deutet sich bereits weiteres Ungemach für die Oppositionellen an: In Romneys Wahlkampfteam soll es zurzeit lautstark zugehen. Seine vielbeachtete Rede während des Parteitags in Tampa soll noch wenige Stunden zuvor vollständig umgeschrieben worden sein. Das Online-Magazin "Politico" berichtet, dass "dort alles durcheinander läuft". Erwartungsgemäß dementiert Romney diese Berichterstattung: "Mein Team arbeitet außergewöhnlich gut zusammen", sagt der Wahlkämpfer am Dienstag. Die Frage bleibt aber, ob Romneys Entschuldigungen, Korrekturen und Ergänzungen beim Wahlvolk noch gehört werden.

Mehr zum Thema

Die Amerikaner sind mit Abstand die Weltmeister im Ölverbrauch. Massenhafte Importe ruinieren immer noch die US-Handelsbilanz. Obama und Romney sind völlig uneins über den richtigen Wege aus dem Dilemma. Wer hat die besseren Ideen?

11.09.2012

Barack Obama gibt sich beim Parteitag kämpferisch. Doch die Begeisterung von 2008 kann er nicht entfachen. Der erste schwarze Präsident der USA braucht mehr Zeit. Doch sein Herausforderer Romney bleibt gefährlich - und das Rennen völlig offen.

07.09.2012
Deutschland / Weltweit Ex-Präsident Clinton kämpft mit - US-Demokraten nominieren Obama

Die US-Demokraten sorgen auch am zweiten Abend ihres Parteitags für einen Gänsehautmoment. Ex-Präsident Bill Clinton hält eine umjubelte Nominierungsrede für Barack Obama. Hilft der Rückenwind im Wahlkampf?

06.09.2012