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Deutschland / Weltweit „Dieses Wahlergebnis hat Bayern jetzt schon verändert“
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08:51 15.10.2018
Lächeln, herzen, Mut zusprechen - Katharina Schulze (M.) und Ludwig Hartmann (l.) erinnerten bei ihren Wahlkampfauftritten mitunter eher an Motivationscoachs als an Politiker. Hier bekommen sie Unterstützung von Grünen-Chef Robert Habeck. Quelle: Tobias Hase/dpa
München

Der grüne Balken steigt und steigt, und als er jenseits der Marke von 18 Prozent halt macht, erfüllt triumphaler Jubel Saal eins im Bayerischen Landtag. Es knallt, und glitzernd-grüner Konfettiregen flattert umher. Wenige Minuten später spricht die Grünen-Spitzenkandidatin Katharina Schulze einen Satz, der so oder so ähnlich allen an diesem Abend im Maximilianeum Versammelten durch den Kopf gehen dürfte: „Dieses Wahlergebnis hat Bayern jetzt schon verändert.“

Drei Ziele hatten sich die bayerischen Grünen gesetzt: Sie wollten endlich einmal zweistellig abschneiden. Sie wollten zweitstärkste Kraft im Land werden. Und sie wollten die absolute Mehrheit der CSU brechen. Alle drei Ziele haben sie am Sonntagabend erreicht. „Liebe ist stärker als Hass“, das sei ihr Fazit des Abends, sagt Schulze.

Da war aber auch noch ein viertes, sozusagen inoffizielles Wahlziel: die Regierungsbeteiligung. Ach dieses scheint am Sonntagabend in greifbarer Nähe. Er werde sein Handy jetzt erst mal abschalten und feiern, sagt Ko-Spitzenkandidat Ludwig Hartmann. Ab Montagmorgen aber sei er wieder erreichbar. Und die Handballerin Schulze wiederholt einen etwas sonderbaren Satz, den sie in den zurückliegenden Wochen oft geäußert hat: „Ich bin nicht in die Politik gegangen, um in aller Schönheit am Spielfeldrand zu sterben.“

Die Wahlkampfstrategie der Grünen ist aufgegangen. Eine Strategie, die sich vor allem aus einem Lebensgefühl gespeist hat. „Leidenschaft, Mut und Zuversicht“ habe sie den Bürgern vermitteln wollen, erzählt eine strahlende Schulze am Sonntagabend. Man habe sich nicht am politischen Versagen der Mitbewerber abarbeiten, sondern den Nutzen der Politik für die Bürger in den Mittelpunkt rücken wollen, ergänzt Hartmann.

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Auch die Grünen verkörpern jetzt „Bayern-Gefühl“

Lange Zeit war es allein der CSU vorbehalten, das „Bayern-Gefühl“ zu verkörpern - diese besondere Mischung aus Tradition und Fortschrittsgeist, gebündelt in dem Motto „Laptop und Lederhose“. Die Grünen haben den Christsozialen dieses Alleinstellungsmerkmal streitig gemacht. Hartmann, 40, gab den Verteidiger der hübschen bayerischen Landschaft, als er vor „Flächenfraß“ und „Betonflut“ warnte. Schulze, 33, forderte im Dirndl mehr Stellen für die Polizei. In Bayern ist über den Hitzesommer ein Wettbewerb um Heimatverbundenheit und Staatstreue entbrannt. Und ausgerechnet die Grünen – von CSU-Urgestein Franz Josef Strauß einst als „trojanische Sowjet-Kavallerie“ beschimpft – sind daraus als Sieger hervorgegangen.

Ihr Feel-Good-Wahlkampf traf einen Nerv bei vielen Wählern - besonders unter jenen in den Großstädten. Dort sind die Grünen die stärkste Kraft. Fast jeder dritte bayerische Städter wählte grün. Die Beliebtheit der bayerischen Ökos hat Höhen erreicht, die diese nie zuvor erklommen haben. Ihr bisher bestes Wahlergebnis - 9,4 Prozent im Jahr 2008 - war gerade einmal halb so stark wie das vom Sonntagabend.

Einen Anteil daran hat auch die Bundespartei. In den Jamaika-Verhandlungen haben sich die Grünen Respekt erarbeitet. Annalena Baerbock und Robert Habeck, die Parteichefs, haben zuletzt viel Zeit in bayerischen Bierzelten und Marktplätzen verbracht. Beide sind auch für Bürger wählbar, die nicht auf Demonstrationen in Wackersdorf oder im Wendland politisch sozialisiert würden. Sie sind Vertreter einer neuen Generation von Grünen-Politikern, die weit über das umweltbewegte Kernmilieu hinaus überzeugen können. In Berlin rühmt Baerbock, dass die Grünen ihr Ergebnis mehr als verdoppelt hätten und findet das „einfach nur Wow“. Baerbock ist so euphorisch, dass sie den bayerischen Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann als Ludwig Erhard tituliert – was für allgemeine Heiterkeit sorgte.

Bayerns Grüne streben die Macht an

Die neuen Grünen fremdeln nicht mit der Macht, sie streben sie an – zur Not auch an der Seite der CSU. Die Bayern sind da besonders pragmatisch. Flügelkämpfe zwischen Parteilinken und Realos sind ihnen ohnehin fremd. Die Vorstellung, Aufpasser der CSU zu sein, ein liberales Korrektiv zu nationalkonservativer Politik, behagt erstaunlich vielen Grünen im Süden. 

Im Ganzen aber brächte eine bayerische Regierungsoption die Grünen in eine schwierige Lage. Einerseits würde die Ökopartei, die ja längst an der Mehrzahl der 16 Landesregierungen beteiligt ist, noch einmal an Bedeutung gewinnen. Die Aussicht mitzugestalten, lockt. Andererseits ist die Spreizung zwischen rot-rot-grünen Regierungen wie in Berlin und Thüringen und einer schwarz-rot-grünen Koalition wie in Sachsen-Anhalt mit einer CDU, die in Teilen der AfD zuneigt, schon heute enorm. Im Übrigen gilt die CSU als schwierigster Partner.

Eine schwarz-grüne Koalition, so heißt es in grünen Führungskreisen, könne es deshalb nur im Fall eines harten Politikwechsels geben. So müssten die erst vor Monaten errichteten Ankerzentren für Flüchtlinge ebenso weg wie das Polizeiaufgabengesetz und die bayerische Grenzpolizei. Bei der Europapolitik seien die Gegensätze hingegen nicht so wild, heißt es weiter. „Denn Bayern macht ja gar keine Europapolitik.“

Von Marina Kormbaki und Markus Decker/RND

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