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Deutschland / Weltweit Null zu Null nach 90 Minuten
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Null zu Null nach 90 Minuten
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12:54 04.09.2013
Während Frauen eher von Angela Merkel überzeugt waren, fanden Männer Peer Steinbrück überzeugender im TV-Duell. Quelle: dpa
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Ein paar kleine Patzer – und ein Volltreffer

Angela Merkel liegt so etwas eigentlich nicht. Klare Ansagen, draufhauen, den schnellen Punkt machen. Im Wahlkampf der vergangenen Wochen hat die Kanzlerin den Namen ihrer Herausforderers nicht einmal in den Mund genommen. Und so steht Merkel nach zehn Minuten TV-Duell so kompakt vor ihrem Pult, als erwarte sie eine unangenehm kalte Dusche. Sie soll erklären, ob ihr Herausforderer mit seinem unglücklichen Wahlkampfstart ihr leid tue. Draufhauen also? Merkel antwortet mit einem Gesichtausdruck, der zwischen gutmütig und gnädig flirrt. Sie sagt: „Das hat Peer Steinbrück auch nicht nötig.“

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Merkel will keinen Krawall. Sie trägt einen dunklen Hosenanzug, für ein bisschen Farbe sorgt eine schwarz-rot-goldene (! )Kette. So im wörtlichen Sinne staatstragend ausgestattet, verweist die CDU-Vorsitzende so ausführlich auf ihre Bilanz, dass sie mehrfach ermahnt werden muss, auf die Fragen einzugehen: Lieber spricht sie in vergleichsweise klaren Sätzen über den Rückgang der Arbeitslosigkeit, die wirtschaftliche Stärke, die steigenden Steuereinnahmen. Ihre zentrale Botschaft bringt sie ganz zu Beginn an: „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende. Aber wir haben gezeigt, dass wir es können.“ Die Kanzlerin gibt sich präsidial – und das gelingt.

Beim Mindestlohn, Steinbrücks Wahlkampfschlager, hingegen bemüht sie sich um Diffuses. „Wir sind uns einig, dass jeder mit einer Vollzeitstelle so viel verdienen muss, dass er davon leben kann“, sagt sie. Nur wolle sie eben keinen gesetzlichen Mindestlohn wie die SPD, sondern weitere Lohnuntergrenzen, die die Tarifpartner aushandeln. Beim Streitthema Euro-Krise bleibt sie ebenfalls im Ungefähren. „Niemand weiß genau, wie sich Griechenland entwickelt.“

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Ausgerechnet PRO7-Entertainer Stefan Raab ist es, der die Kanzlerin erstmals zu einer zugespitzteren Antwort bringt. Er will wissen, ob sie die von Horst Seehofer (CSU) vorgeschlagene Pkw-Maut für Ausländer einführen werde. Merkel versucht es zunächst mit ein paar allgemeinen Sätzen, doch Steinbrück hakt nach, bis sie etwas genervt erklärt: „Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben.“ Auch bei den Fragen zur NSA-Affäre reagiert sie zunächst mau. „Auf deutschem Boden haben wir momentan keinen Anlass, von Rechtsverletzungen auszugehen.“ Das wird nicht jeden überzeugen.

Es bleibt aber bei kleinen Schwächen, große Patzer gibt es nicht. Merkel verteidigt routiniert umstrittene Entscheidungen wie den Atomausstieg („Diese Entscheidung war richtig.“) und das Betreuungsgeld („Jeder soll so leben, wie er möchte.“). Auch beim Thema Syrien bietet sie keine Angriffsfläche. Deutschland werde sich „in keinem Fall“ an einem Militärschlag ohne UN-Mandat beteiligen.

Einen deutlichen Treffer landet die Kanzlerin erst nach mehr als einer Stunde. Als Steinbrück überraschend eine Koppelung von Beamten-Pensionen an die Entwicklung der gesetzlichen Renten fordert, wird Merkel munter. „Ich finde, da müssen die Polizisten, die Justizvollzugsbeamten, die Lehrer und alle mal ganz genau hinhören.“ Beschäftigte im öffentlichen Dienst hätten oft ein sehr geringes Gehalt. Volltreffer.

In ihrem Schluss-Statement setzt Merkel nach einem eher durchwachsenden, aber unaufgeregten Duell dann ganz auf sich selbst. „Sie kennen mich, und sie wissen, was ich anpacken will und wie ich das mache.“ Im Übrigen wünsche sie dem Publikum jetzt „einen schönen Abend“.

von Dirk Schmaler

Attacke – und bloß kein Oberlehrer

Kürzlich erzählte der Herausforderer in einem der vielen Sommerinterviews, dass es in seinen Wahlkampfveranstaltungen ganz schön „rocke“. Früher hieß das: Es geht die Post ab! Gestern Abend war davon nicht viel zu spüren. Jeder blieb brav hinter seinem Pult. Peer Steinbrück war mit einer biederen blau gestreiften Krawatte gekommen und gab den Angreifer, so wie es ihm die vielen Ratgeber vorab empfohlen hatten. Er attackierte, wenn ihm das Wort erteilt wurde. Er schwieg, wenn er nicht dran war – mit zusammengekniffenem Mund und gesenkten Mundwinkeln.

Vor allem dann, wenn das leidige Kapitel Pleiten, Pech und Pannen berührt wird. Auf die Frage, ob Politiker gut bezahlt werden, arbeitet es heftig in Steinbrück. Wochenlang wurde ihm im Frühsommer eine Intervieäußerung über geringe Kanzlergehälter nachgetragen. „Glauben Sie, dass ich auf diese Frage noch einmal antworte“, poltert er schließlich. Nach etwa 15 Minuten sorgt sich Peter Kloeppel um das Umfragetief der SPD und fragt Merkel, ob ihr Steinbrück leid tue. Eine Frage, die den Herausforderer sichtlich ärgerte. „Petitessen, Herr Klöppel!“ Die Bürger wollten lieber über Politik reden, mahnt Steinbrück. Es klingt nach Oberlehrer – mehr als es Steinbrück sein will an diesem Abend.

Apropos Politik. Kaum ist das Duell eröffnet, referiert er seine Themen. Mindestlohn, bezahlbare Mieten, Kampf gegen steigende Strompreise, Strassen, die nicht verfallen, Kommunen, die sich nicht weiter verschulden. Das Land, sagt er, werde schlecht regiert. Kreisverkehr statt Führung. Er wird dies am Ende wiederholen; ein Bild, das ihm anscheinend sehr gefällt. Dem Publikum empfiehlt er: Nicht einlullen lassen, auch nicht an diesem Abend!

Präzise will er antworten, sagt er. Es klingt nach Musterschüler. Aber auch nach einem, der klar stellen will, was da in den vergangenen Wochen angeblich falsch dargestellt werde. Zum Beispiel die Steuererhöhungen, die die SPD den oberen Einkommensklassen zumuten wolle. Da werde viel Propaganda verbreitet. Es gehe um einen Beitrag der starken Schultern, bei Bildung, Schuldenabbau.

Also Attacke! Pflegereform? Die Regierung habe ein Jahr der Pflege angekündigt. Nichts sei geschehen; außer der Einführung eines „Pflege-Bahr“, den sich kaum jemand leisten könne. Rentenreform? Nichts geschehen. Die Regierung hätte die Mütterrente umsetzen können; nun wird sie versprochen; ohne zu sagen, wie sie finanziert werden soll.

Rente mit 67? Steinbrück verteidigt die Erhöhung des Renteneintrittsalters, betont jedoch, dass bis 2029 geprüft werde, ob die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich positiv verlaufe. Und geht es fair bei Pensionen und Renten zu? Einen Moment lang scheint es, als verhaspele sich Steinbrück und drohe den Pensionären mit Einschmnitten. Zuwächse bei den Pensionen sollten nicht überproportionaler als bei Renten sein, stellt Steinbrück klar. Könne er das erklären, bittet Anne Will.Konkret könne er das jetzt nicht ausführen.

Munter wurde es dann doch noch, dank dem Neuling Stefan Raab. Es war so etwas wie gefühltes Rocken. Raab erwärmt sich für eine starke SPD,  wünscht sich eine Große Koalition mit Vizekanzler Steinbrück. Warum will der nicht? Tolle Nachricht, sagt Steinbrück – und „die Menschen sollen wissen, woran sie bei mir sind.“

von Gabi Stief

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