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Deutschland / Weltweit Wie Greenpeace der Anti-Atom-Bewegung neuen Schwung verleihen will
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Wie Greenpeace der Anti-Atom-Bewegung neuen Schwung verleihen will
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12:36 15.04.2010
Greenpeace stellt jetzt täglich neue Gorleben-Akten ins Internet.
Greenpeace stellt jetzt täglich neue Gorleben-Akten ins Internet. Quelle: dpa
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Viel Originalität, eine gehörige Portion Mut, die notwendige Entschlossenheit – welche sonstigen Zutaten braucht man für eine erfolgreiche Umweltkampagne? Wer diese Frage an die Macher bei Greenpeace richtet, bekommt als Antwort ein ziemlich detailliertes Rezept. Es hat sich immer wieder bewährt und ist in dieser Woche ein weiteres Mal angewendet worden, als Greenpeace in Berlin eine Show mit dem Titel „Die Akte Gorleben“ präsentierte.

Zu Beginn ist ein großer Trommelwirbel unverzichtbar. Er muss so laut sein, dass selbst die Tagesschau darauf aufmerksam wird und das Anliegen in die deutschen Wohnzimmer transportiert. Greenpeace will die Show noch einige Monate auf dem Spielplan lassen, sie aber immer wieder mit neuen Höhepunkten anreichern, damit der Widerstand gegen das geplante Atommüllendlager im Wendland wächst.

Gegeben wird das Stück auf einer virtuellen Bühne, genauer gesagt im Internet. Dort sollen mehr als 12.000 Dokumente eingestellt werden, damit jedermann nachvollziehen kann, warum Gorleben als Standort für ein Atommüllendlager ausgewählt wurde und welche Argumente gegen eine Deponie im dortigen Salzstock sprechen. Jedes noch so kleine Indiz, dass die Eignungshöffigkeit in Zweifel ziehen könnte, wird der Öffentlichkeit als neue Erkenntnis vorgelegt – auch wenn es schon viele Male widerlegt worden ist.

Greenpeace hat sich das seit Februar 2005 gültige Umweltinformationsgesetz zunutze gemacht und bisher zwölf Ministerien und Behörden um Akteneinsicht und Zugang zu den Archiven gebeten. Juristen aus der Hamburger Anwaltskanzlei Wollenteit haben den Anfragen den nötigen Nachdruck verliehen. Greenpeace erhielt von den meisten Aktendepots und Archiven die Titellisten und machte sich an die Arbeit. „Nur das Bundeskanzleramt hat uns eine Abfuhr erteilt“, sagt Markus Edler, der als freiberuflicher Greenpeace-Mitarbeiter die Kampagne leitet. Das Bundesumweltministerium (BMU) habe sich bis zum Regierungswechsel im vergangenen Jahr kooperativ gezeigt, Aber nach dem Ausscheiden von Sigmar Gabriel (SPD) „war es aus“, sagt Edler, schon seit September warte er auf die Erlaubnis im BMU 64 Aktenbände lesen und gegebenenfalls kopieren zu dürfen. „Aber wir lassen da nicht locker, auch wenn die behaupten, sie hätten kein Personal, das uns helfen könne.“ Greenpeace sieht eine Bringschuld beim neuen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

Besonders angenehm sei die Zusammenarbeit mit dem niedersächsischen Umweltministerium (NMU) gewesen, sagt der Kampagnenchef, zwei bis drei Leute habe das NMU fünf bis sechs Wochen lang damit beschäftigt, die von Greenpeace ausgewählten Akten zu sichten, bereitzustellen und zu kopieren. Selbstverständlich habe Greenpeace die nach der Gebührenordnung fälligen Kosten bezahlt. „500 Euro könnten das wohl gewesen sein“, schätzt Edler. Auch die Staatskanzlei in Hannover habe bereitwillig mitgearbeitet. Weitere Akten erhielt Greenpeace von den Bundesministerien für Wirtschaft, Forschung und Finanzen sowie von Bundesarchiven in Koblenz und Berlin, aber auch vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter sowie von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover.

Edler weiß genau, wonach er sucht, welche Dokumente ihm besonders willkommen sind. Der 41-jährige Politikwissenschaftler, der in Hannover studiert hat, lebt im Wendland und war von 1995 bis 2001 einer der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, die seit mehr als 30 Jahren an vorderster Front gegen die atomaren Anlagen in Gorleben kämpft. Zwei Jahre lang hat Edler hauptberuflich bei Greenpeace gearbeitet, seit 2004 dient er der Organisation als Freiberufler. Wie nur wenige andere in der Anti-Atom-Bewegung versteht es Edler, die Medien für sich und seine Anliegen einzunehmen. Als Pressesprecher hat er gelernt, worauf Journalisten abfahren.

Aber er ist kein Einzelkämpfer. Etwa fünf Greenpeace-Mitarbeiter unterstützen ihn. Darunter ist auch der Kieler Geologe Ulrich Schneider, der früher Assistent von Professor Klaus Duphorn war, des Geologen, der bisher die meisten Zweifel an der Eignung des Gorlebener Salzstocks vorgebracht hat. Schneider hat die Akten und Dokumente in der BGR in Hannover gesichtet und kopiert. Mehrere Wochen sei er damit beschäftigt gewesen, sagt Volkmar Bräuer, als Abteilungsleiter in der BGR für unterirdische Speicher zuständig. Bräuer lässt nicht gelten, dass Greenpeace behauptet, geheime Unterlagen ins Internet zu stellen. „Alles was Schneider von uns bekommen hat, stammt aus unserem Archiv, und das ist nicht geheim, sondern für jedermann einsehbar.“ Allerdings, und das bestätigt auch Edler, Personennamen und Betriebsdaten von Privatfirmen seien auf den Kopien geschwärzt worden, ganz so, wie es der Datenschutz halt vorschreibe.

Edler ist dennoch stolz darauf, dass er jetzt über digitale Kopien von 81 Aktenbänden und gebundenen Dokumenten der BGR verfügt. Die NMU-Akten, die jetzt als Kopie bei Greenpeace liegen, umfassen 8000 Blatt, weitere 4200 Blatt stammen aus der Staatskanzlei.

Ob er nicht befürchtet, in dieser Datenflut unterzugehen? Edler teilt diese Bedenken nicht. Alles werde jetzt ausgewertet. „Jede Woche werden wir auf neue Highlights auf unserer Internet-Seite aufmerksam machen.“ Als Wissenschaftler folge er nur dem Prinzip: „Die Wahrheit muss ans Licht.“ Deshalb sei es durchaus möglich, dass Greenpeace auch Akten veröffentliche, die dem Ziel der Kampagne entgegenstehen.

Am Anfang der Kampagne stand der Hinweis auf ein angeblich riesiges Laugenreservoir in der Nähe des Gorlebener Salzstocks im Zentrum der vermeintlichen Enthüllungen. In den nächsten Tagen wird Greenpeace nachlegen. So soll demnächst dokumentiert werden, dass ein schwerer Unfall im Erkundungsschacht im Jahre 1987 teilweise vertuscht worden sein könnte. Der Grund: Nicht Materialfehler, wie öffentlich behauptet, sondern der Druck geologischer Formationen auf das Schachtbauwerk könnte zum Platzen eines Stahlrings geführt haben. Außerdem wird Greenpeace demnächst nachweisen wollen, dass der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht 1977 nur auf Druck der Bundesregierung den Standort Gorleben als einzigen möglichen Endlagerstandort benannt hat, obwohl er in Wahrheit für die Erkundung mehrerer Alternativen gewesen sei.

Für den CDU-Obmann im Gorleben-Untersuchungsausschuss Reinhard Grindel ist das, was Greenpeace jetzt publik macht, bestenfalls kalter Kaffee und schlimmstenfalls der Versuch, unseriöse Katastrophenszenarien in die Welt zu setzen. Zum Beispiel umfasse der Laugeneinschluss höchstens 1500 Kubikmeter, liege Hunderte Meter von der möglichen Lagerstätte entfernt und habe 250 Millionen Jahre standgehalten, erklärte Grindel in einem Gespräch in Berlin.

Der CDU-Politiker lässt an Medienvertreter selbst einen Aktenvermerk für die Sitzung des Bundeskabinetts am 13. Juni 1983 verteilen. An diesem Termin hatte sich die Bundesregierung für die ausschließliche Untersuchung des Salzlagers in Gorleben entschieden. „Eine endgültige Aussage über die Eignung des Salzstocks ist erst nach Abschluss des untertägigen Erkundungsprogrammes möglich“, zitiert Grindel aus dem 27 Jahre alten Dokument. Und er räumt ein, dass er selbst verwundert wäre, wenn nur drei Monaten zwischen der ersten aktenkundigen Erwähnung Gorlebens bis zur Festlegung gelegen hätten, wie es den Anschein hat. Doch er zeigt sich gewiss: „Es werden sich weitere Akten finden.“

Darauf setzt auch Edler. Die Kampagne Gorleben sei „sehr ambitioniert“, sie sei auch für eine Organisation wie Greenpeace „ein ganz besonderes Projekt“. Ganz auszulasten scheint sie den Kernkraftgegner aus dem Wendland allerdings nicht. Edler ist weiterhin als Bio-Bierbrauer aktiv.

Klaus von der Brelie und Michael M. Grüter

Link zur Greenpeace-Datenbank mit den Regierungsakten: www.gorleben-akten.de

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