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Deutschland / Weltweit "Haben Sie irgendeine Erinnerung?"
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00:15 01.12.2013
Von Michael B. Berger
Ex-Bundespräsident Christian Wulff mit seinen Anwälten Bernd Müssig (r) und Michael Nagel (l) am vierten Verhandlungstag. Quelle: dpa
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Hannover

Als langjähriger Personenschützer von Christian Wulff dürfte der Polizeibeamte Thomas R. ziemlich viel vom Leben des früheren Ministerpräsidenten mitbekommen haben. Doch bei seiner Vernehmung vor dem Landgericht Hannover weiß der Polizeibeamte nichts. Rein gar nichts, da kann Richter Frank Rosenow noch so nachbohren. Nichts Gerichtsrelevantes hat der Beamte vom Besuch Christian Wulffs auf dem Münchener Oktoberfest mitbekommen, nichts vom Logis im „Bayerischen Hof“, das der Filmproduzent David Groenewold mitfinanziert haben soll.

Richter Rosenow wird ungeduldig: „Sie wissen, das ist hier ein Verfahren, das die Republik erregt. Da darf man von einem Polizeibeamten erwarten, dass er weiß, was er gemacht hat, und dass er sich auf seine Vernehmung vorbereitet hat. Haben Sie nicht irgendeine Erinnerung an dieses Wochenende?“ Nein, hat er nicht. Personenschützer R. bleibt unbeeindruckt von des Richters Ermahnung. Keine Ahnung, was die „Schutzperson“ gemacht habe. Man habe die Privatsphäre gewahrt.

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So wird am vierten Verhandlungstag der Strafprozess gegen den Bundespräsidenten a. D. Christian Wulff zur Farce. Oder zur Komödie. Denn das Erinnerungsvermögen des Zeugen, der als Polizist sehr wohl wissen müsste, worauf es bei Gericht ankommt, ist erheblich beschränkt: „Es waren so viele, viele Termine ...“. Im „Bayerischen Hof“ hatte der Personenschützer im Zimmer neben den Wulffs übernachtet. Das sei ganz unspektakulär. Wulffs Bodyguard gibt auf konkrete Fragen stets nur höchst allgemeine Auskünfte. So habe er etwa erst durch die eigene Vernehmung durch Kollegen von der Polizei erfahren, dass der Filmfinanzier Groenewold für die Übernachtung auch des Polizisten im „Bayerischen Hof“ aufkam – ein seltsamer Vorgang, denn normalerweise zahlt das Landeskriminalamt für seine Beamten. „War das Restaurant am Strand?“, will der Richter über einen Sylt-Besuch Wulffs mit Groenewold wissen. „Strand ist relativ“, sagt der Zeuge. Oder auch: „Zeit ist relativ, das spielt doch keine Rolle.“

Der Beamte gibt durch seine Lässigkeit zu erkennen, dass er wenig von diesem Verfahren hält. Er ist geübt im Personenschutz. Immerhin bezeichnet er den Mitangeklagten Groenewold, der Wulff Vorteile gewährt haben soll, als „überfreundlich“. Was er denn damit meine, will Richter Rosenow wissen. „Na, überfreundlich“. Da reicht es dem Richter: „Es ist für mich unerklärlich, wenn Sie überfreundlich mit überfreundlich erklären.“ Zumindest Rosenows Freundlichkeit stößt heute deutlich an ihre Grenzen: „So eine Vernehmung eines Polizeibeamten habe ich noch nicht erlebt.“ Und bevor er eine Verhandlungspause verkündet, sagt er noch, er müsse sich erst einmal beruhigen.

Beruhigt schauen sich Christian Wulff und seine Verteidiger das Geschehen im Gericht an, das zu einer Bühne über das Leben in der besseren Gesellschaft geworden ist. Nichts Belastendes gegen Wulff wird heute hier vorgetragen. Sein früherer Chauffeur sagt aus, dass Wulff von einem dienstlichen Termin in Nordrhein-Westfalen nach München gefahren sei. Stressig sei die Fahrt gewesen – „mit vielen Staus und weil der Linus schrie“. Aber zum umstrittenen Oktoberfestbesuch fällt ihm nichts ein. Auch die wesentlich detaillierteren Aussagen einer früheren Babysitterin, die sich im „Bayerischen Hof“ um Wulffs Spross Linus kümmerte, während das Ehepaar Wulff auf der Wies’n weilte, führen in der Frage, ob Wulff wirklich korrupt war, nicht richtig weiter.

Immerhin erfahren die Zuhörer des Prozesses, dass die Babysitterin für den siebenstündigen Dienst sowohl von Groenewold ein Trinkgeld bekommen hat als auch von Wulff.

Groenewold soll 40 Euro gegeben haben, Wulff etwa die Hälfte. Neben dem Stundenlohn noch mal ein üppiges Trinkgeld – das sei so üblich im „Bayerischen Hof“: „Da gibt’s, wenn einer ein Wasser hoch aufs Zimmer bringt, auch mal 50 Euro an die Flasche“, sagt die Zeugin.

Im Falle der Babysitterin von Wulff gab es dazu noch jene 110 Euro, die sie regulär an der Hotelkasse ausbezahlt bekam. In Rechnung gestellt wurde diese Summe indes Groenewold, dessen Unkosten später Wulff in Bar erstattet haben will. Aber müssen wir das im Detail wissen?

Das Landgericht will es wissen. Noch ist der Prozess gegen Wulff bis Mai terminiert.

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