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Deutschland / Weltweit „Zermürbte Soldaten“ am Hindukusch
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15:20 24.09.2009
Für die gegenwärtig 4365 Soldaten in Afghanistan steht nur ein Psychiater zur Verfügung. Quelle: ddp (Archiv)
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Durch die sprunghaft angestiegenen Kampfhandlungen mit den radikal-islamischen Taliban verbunden mit traumatisierenden Erlebnissen wie den Tod von Kameraden entwickelten sich bei den Soldaten schneller stressbedingte seelische Erkrankungen. Sie litten immer mehr unter „Posttraumatischen Belastungsstörungen“ (PTBS).

Als ein „Unding“ wird es von den Militärpsychologen bezeichnet, dass wegen des Mangels von Fachärzten bei der Bundeswehr für die gegenwärtig 4365 Soldaten in Afghanistan nur ein einziger Psychiater zur Verfügung stehe. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums kommen zwei Truppenpsychologen dazu. Bereits in der ersten Hälfte dieses Jahres wurden in Afghanistan 152 PTBS-Fälle registriert. Im gesamten letzten Jahr waren es 226 Fälle. 2006 mussten nur 55 Soldaten wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt werden. Nur 22 von 38 geplanten Dienstposten für Fachärzte für Psychiatrie im Sanitätsdienst sind besetzt, teilte das Verteidigungsministerium am Donnerstag mit.

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Die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Elke Hoff, kritisierte die fehlenden Psychologen bei der Bundeswehr. Die Bundesregierung müsse endlich ihren Fürsorgeauftrag gegenüber den Soldaten umsetzen, sagte sie der ddp. Obwohl sich die „dynamische Zunahme“ der PTBS-Fälle seit Jahren abgezeichnet habe, seien die offenen Psychiaterstellen nicht besetzt worden. An einem der Bundeswehrkrankenhäuser müsse ein „Kompetenzzentrum“ eingerichtet werden, das sich auf die Versorgung der betroffenen Soldaten konzentriert.

Der Psychiater Mario Horst Lanczik, ein Oberstarzt der Reserve, hatte im Sommer Soldaten mit PTBS im Hauptlager der Bundeswehr im nordafghanischen Mazar-i-Sharif untersucht. In seinem ddp vorliegenden umfassenden Bericht über die Untersuchungen stellt Lanczik fest, dass die Raten psychischer Erkrankungen unmittelbar nach Kampfhandlungen sprunghaft angestiegen seien. Das habe erhebliche Auswirkungen auf die „weitere qualitative und quantitative Einsatzfähigkeit eines Verbandes“.

Die Erfahrung, dass Waffen und Fahrzeuge mit hoher Feuerkraft sich zwar im Einsatzland befinden, aber aus politischen Gründen nicht im Gefecht eingesetzt werden dürfen, wirke sich bei den Soldaten unter der starken Belastung durch die Kampftätigkeit verbunden mit dem Risiko verwundet oder getötet zu werden, „demoralisierend“ aus, berichtete Lanczik.

Zu den weiteren Faktoren, die abgesehen von den unmittelbaren traumatischen Erlebnissen und Dauerstress das Auftreten von posttraumatischen Belastungsstörungen begünstigen, gehört nach den Untersuchungen von Lanczik auch die mangelnde Akzeptanz des Einsatzes in der Heimat. Das sei sehr belastend für die Soldaten. Sie wüssten, dass sie mit ihren Berichten über ihre traumatisierenden Erlebnisse in Deutschland sehr oft auf Unverständnis bis hin zu Entsetzen und Ablehnung stoßen würden.

Die „Verharmlosung“ der Kampfeinsätze in der Öffentlichkeit und Politik durch eine Wortwahl, die die tatsächlichen Einsatzbedingungen nicht wiedergebe, würden die Soldaten an der Front als „Verhöhnung ihres Einsatzes unter lebensgefährlichen Bedingungen empfinden“. So stößt es nach ddp-Informationen bei den Soldaten am Hindukusch geradezu auf „Erschütterung“, dass immer noch im Zusammenhang mit ihren gefährlichen Einsätzen unter kriegsmäßigen Bedingungen lediglich von „Stabilisierungseinsätzen“ gesprochen wird. „Die Dinge sollten endlich beim Namen genannt werden dürfen“, meint Lanczik.

Um die kurzfristige, aber auch langfristige Einsatzfähigkeit eines Verbandes sicherzustellen, sind nach Ansicht von Lanczik weitere vorbeugende Maßnahmen notwendig, um das physische und psychische Ausbrennen - burn out - ganzer Züge und Kompanien zu vermeiden. Die Truppenführer müssten „vorbeugende Maßnahmen“ vor den Einsätzen treffen.

Die Vorgesetzten müssten besser zur Früherkennung eines Erschöpfungszustandes in den Kampfverbänden ausgebildet werden. Die psychiatrische Behandlung der Soldaten müsse unmittelbar nach traumatischen Erlebnissen vor Ort beginnen. Ein Behandlungsbeginn nach drei bis vier Tagen nach dem Traumata-Erlebnis könne schon zu spät sein, um eine mögliche Krankheitsentwicklung zu verhindern, betont Lanczik.

ddp

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