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Niedersachsen 250 Retter und Polizisten üben den Rettungseinsatz bei Amoklauf
Nachrichten Politik Niedersachsen 250 Retter und Polizisten üben den Rettungseinsatz bei Amoklauf
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19:53 01.09.2009
Von Gabriele Schulte
Was aussieht wie echt, war nur ein erfundenes Szenario mit ernstem Hintergrund: Polizisten stürmen das ehemalige Krankenhaus in Nienburg, das in der Übung zur Bewältigung eines Amoklaufs eine Berufsschule darstellt. Quelle: Hildebrandt
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Was ist wirklich, was ist erfunden? Signalhörner heulen, Stromaggregate knattern, über Funk wird ein Notarzt gerufen. Nach einem Drehbuch der Polizeiakademie in Nienburg der Umgang mit einem Amoklauf samt Geiselnahme an einer Schule geübt – erstmals in dieser Form. Das Ziel: erkennen, was es zu verbessern gilt.

Ihr Name und ihr Alter sind echt. Janine Becker, 22 Jahre, nennt die Daten dem Polizisten, der sie im gerade erst mit Druckluft aufgeblasenen Sanitätszelt befragt. Die schon verbundene Schusswunde am Bein jedoch und das Blut am Arm sind so erfunden wie die Geschichte, die die Schülerin erzählt: Zwei maskierte Amokläufer haben eine Berufsschule überfallen und wild um sich geschossen. „Eine Stimme war männlich, eine hörte sich weiblich an“, erzählt Janine Becker. Der Polizist im Zelt macht sich eifrig Notizen. Das Spiel vor neugierigen Passanten, das um 11 Uhr mit dem Notruf aus der vermeintlichen Schule – in Wirklichkeit ein stillgelegtes Krankenhaus – begonnen hat und erst gegen 15 Uhr endet, ist durchaus ernst zu nehmen. Wie die Versorgung der Verletzten funktioniert, wie die Akteure von Feuerwehr bis Sondereinsatzkommando zusammenarbeiten, soll für den Ernstfall geprüft werden.

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Zwar sind Geiselübungen bei der Polizei keine Seltenheit. Eine Ausnahme ist aber, dass hier auch der für den Rettungsdienst zuständige Landkreis mitspielt. „Modelle wie unseres für den sogenannten Massenanfall an Verletzten erweisen sich immer erst in der praktischen Erprobung als tauglich“, sagt der Erste Kreisrat Thomas Klein. Erstmals haben Studierende der Polizeiakademie für eine solche Großübung das Szenario entworfen.

Janine Becker ist in Wirklichkeit nicht Berufs-, sondern Polizeischülerin in Nienburg. Ihr Puls ist seit der tatsächlich aufregenden Flucht aus dem nahen Übungsgebäude wieder gesunken. „90“, zählt ein Sanitäter. Seine Kollegin, die sich um die Armwunde kümmern will, wird etwas nervös. „Es ist kein Kasten mit Handschuhen da“, ruft sie. Aber zum Glück findet sie ein Paar in der eigenen Tasche. Kleine Schwachstellen treten auch andernorts zu Tage: Wieso ist das Zelt nicht beschildert, durch das alle Verletzten vor der Verteilung auf Krankenhäuser geschleust werden? Warum wird Janine Becker auf ihrer Trage nach Anweisung der Einsatzleitung in einen Rettungswagen verfrachtet, der zugeparkt ist?

Solche Probleme stehen der zügigen Versorgung indes kaum im Wege. Und im Notfall, versichert ein Helfer, hätte der zugeparkte Wagen den Weg über ein Blumenbeet genommen. An der Absperrung zum Tatort Schule ist es über Stunden unheimlich still. Drinnen hat eine der Verletzten gesehen, wie ein Polizist die Amokläuferin erschossen hat: „Sie lag blutend im Flur.“ Der Freund der Getöteten hat sich, wie später deutlich wird, in der Cafeteria mit 17 Mitschülern als Geiseln verschanzt. Sondereinsatzkräfte aus Hannover und Bremen kommen ins Spiel. Der Täter wird überwältigt, doch vorher stirbt noch ein Schüler.

Polizei, Landkreis, Polizeiakademie und Rettungsdienste zeigen sich mit der Übung zufrieden. Die Abstimmung mit so vielen Beteiligten sei eine ungewohnte Herausforderung gewesen, sagt Frank Kreykenbohm, Leiter der Polizeiinspektion Nienburg. Bei der Weitergabe von Informationen und mit der Technik habe es kleinere Probleme gegeben. Das Drehbuch jedenfalls habe voll überzeugt. „Zwischendurch war es richtig aufwühlend“, sagt der Polizeiführer. In der Hektik seien Erfindung und Realität nicht leicht zu unterscheiden gewesen. Alle hätten die Sache wichtig genommen. „Genauso sollte es sein.“