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Niedersachsen Britische Soldaten verlassen Garnisonen in Niedersachsen
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16:53 22.10.2010
Von Klaus von der Brelie
Als Zeichen der Verbundenheit haben viele Garnisonen, zum Beispiel Celle, den britischen Soldaten das Recht „Freedom of the City“ eingeräumt. Es erlaubt ihnen, mit Waffen durch die Stadt zu marschieren.
Als Zeichen der Verbundenheit haben viele Garnisonen, zum Beispiel Celle, den britischen Soldaten das Recht „Freedom of the City“ eingeräumt. Es erlaubt ihnen, mit Waffen durch die Stadt zu marschieren. Quelle: Archivbild
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Allein aus den Orten rings um den Nato-Truppenübungsplatz Bergen werden 10.400 Armeeangehörige wegziehen und leere Wohnungen und Unterkünfte zurücklassen. Hameln wird um 1500 britische Mitbürger schrumpfen.
Von einem „schweren Schlag“ spricht der Celler Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende, Die Entscheidung der britischen Regierung hat „wie eine Bombe bei uns eingeschlagen“, sagt Andreas Ege, Vorsteher des gemeindefreien Bezirks Osterheide, zu dem fünf britische Kasernen am Westrand des Übungsplatzes Bergen gehören. „Das ist schockierend, wir müssen das erst einmal sacken lassen“, heißt es im Rathaus in Hameln. Und in Bergen stimmt Bürgermeister Rainer Prokop die Bürger darauf ein, dass sich „das Leben in unserer Stadt verändert“.

Die Reaktionen der britischen Soldaten fallen eher zurückhaltend aus. Sie wissen seit Ende Jahres, dass ihre Kasernen in Deutschland auf der Streichliste stehen. „Was ursprünglich erst bis 2035 vollzogen werden sollte, wird jetzt vorgezogen und beschleunigt“, sagt Michael Whitehurst von der 1. britischen Panzerdivision in Herford. Viele Soldatenfamilien wollten nicht wahrhaben, was die britischen Konservativen im Wahlkampf angekündigt haben und jetzt nach ihrem Wahlsieg in die Tat umsetzen. Dabei stützten sich insbesondere die Offiziere auf das riesige Wohnungsbauprogramm, das 2006 aufgelegt wurde und zu einem kleinen Boom für die Handwerker in der Heide führte. Mindestens 150 Millionen Euro bewilligte die Regierung in London, um die Lebensqualität der Soldaten in der Heide zu verbessern.

Das Programm ist noch längst nicht abgewickelt. „Bei uns in der Mozartstraße“, berichtet Prokop, „werden gerade solide Einfamilienhäuser für britische Familien gebaut, genau dort, wo früher alte Wohnblocks standen.“ Auch in den Dörfern Wohlde, Offen und Dorfmark gibt es nagelneue Wohnsiedlungen mit mehreren Hundert Gebäuden, die erst vor wenigen Monaten bezogen wurden. Deutsche Investoren haben die schmucken Häuschen errichtet, sie mit modernster Technik ausgestattet und für jeweils 15 Jahre an die britischen Streitkräfte vermietet. In Hameln ist nach demselben Muster ein neues Wohngebiet entstanden. Etwa 60 Doppelhaushälften seien noch im Bau“, berichtet Stadtsprecher Thomas Warnes.

Jetzt befürchten die Kommunalpolitiker in den strukturschwachen Landkreisen Celle und Soltau-Fallingbostel, dass die Wohnungen bald leer stehen werden und sich keine neuen Mieter finden lassen. „Denn mit dem Wegzug der Briten ist ein enormer Verlust von zivilen Arbeitsplätzen verbunden“, sagt Prokop, und sein Kollege Ege ergänzt: „Die Arbeitsplätze bei den Briten sind sehr begehrt. Bei uns in Oerbke arbeitet mindestens jeder zehnte Einwohner in den Kasernen nebenan.“ Dort ist fast nichts mehr so, wie es in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für den Bedarf der Wehrmacht errichtet wurde. Die Briten haben moderne Werkstätten, Einkaufszentren, Kinos, Kindergärten und Schulen bauen lassen und deuten hinter vorgehaltener Hand an, dass die Garnison Bergen-Hohne mittlerweile eine der attraktivsten der gesamten britischen Armee sei. Ein Schmuckstück ist die nagelneue Schule, die 17 Millionen Euro gekostet hat und Platz für 450 Kinder bietet.

Der jetzt eingeleitete Rückzug der Briten aus Deutschland ist nicht der erste. 2006 beschloss das Verteidigungsministerium in London, bis 2009 4400 Soldaten aus Osnabrück und Münster abzuziehen. Nach 1945 hatten die britischen Streitkräfte mehr als 70.000 Soldaten in Nordwestdeutschland stationiert. Diese Zahl blieb bis zum Ende des kalten Krieges konstant. Dann wurde allerdings ein Truppenabbau eingeleitet, dem die meisten britischen Garnisonen in Niedersachsen zum Opfer fielen. So wurden Hildesheim, Hannover, Nienburg, Soltau und Verden komplett aufgegeben.