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Niedersachsen Chancengerechtigkeit ist für Frauke Heiligenstadt ein wichtiges Anliegen
Nachrichten Politik Niedersachsen Chancengerechtigkeit ist für Frauke Heiligenstadt ein wichtiges Anliegen
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14:35 02.03.2013
Von Saskia Döhner
Will zuhören und reden: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt bei ihrer Vereidigung.dpa
Will zuhören und reden: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt bei ihrer Vereidigung.dpa Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover/Northeim

Mit 16 tritt Frauke Heiligenstadt in die SPD ein. An dem Tag, als ihr das Schüler-Bafög gestrichen wird. Das war 1982. Helmut Kohl (CDU) war gerade Bundeskanzler geworden. Eine geistig-moralische Wende habe er einläuten wollen, sagt Frauke Heiligenstadt ein wenig spöttisch.

Für die Tochter eines Dachdeckermeisters und einer Fabrikarbeiterin bedeutete das, als Schülerin mit 300 Mark im Monat weniger auskommen zu müssen. Weil sie sich die Fahrkarte nicht leisten konnte, musste sie die 15 Kilometer von ihrem Dorf Gillersheim zum altsprachlichen Gymnasium nach Northeim wieder mit dem Fahrrad fahren. „Und ich musste wieder Latein-Nachhilfe geben.“

Das Thema Chancengerechtigkeit beschäftigt sie bis heute. Diese ist eines der Hauptziele, für die Frauke Heiligenstadt als neue Kultusministerin kämpft. Bildung dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein, sagt die 46-Jährige.

Immerhin ist sie die erste aus ihrer Familie, die das Abitur macht. Ihre ältere Schwester hatte der Vater nach der 10. Klasse trotz guter Leistungen von der Schule nehmen lassen. „Er fand, dass sie alt genug war, um eine Ausbildung zu machen und Geld zu verdienen.“ Ihren Traumberuf Ärztin konnte aber auch Frauke Heiligenstadt nicht ergreifen. Die Aussicht auf 20.000 oder 30.000 Mark Schulden habe ihr Angst gemacht, sagt sie. Deshalb entschied sie sich für eine Ausbildung an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Hannover. Später arbeitete sie im Rechtsamt der Stadt Northeim, von 1993 bis zu ihrer Wahl in den Landtag 2003 leitete sie das Amt für Wirtschaftsförderung.

In die Bildungspolitik ist Frauke Heiligenstadt erst über Umwege gekommen, im Landtag war sie zunächst für die Bereiche Wirtschaft, Haushalt und Finanzen zuständig. 2008 wurde sie Bildungsexpertin der SPD. Und jetzt also Kultusministerin. Ans neue Amt hat sie sich noch nicht so recht gewöhnt. „Ist alles noch ungewohnt, aber toll“, sagt sie. „Das heißt schon ein Stück weniger persönliche Freiheit, und ich habe jetzt drei Handys“, sagt sie und schmunzelt.

Vorrangig will sich Heiligenstadt, Mutter einer 18-jährigen Tochter, die gerade Abitur macht, in den nächsten Monaten um den Ausbau der Krippenplätze und die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren an den Gesamtschulen kümmern. Auch mit den Gymnasien will sie ins Gespräch kommen, um den Stress aus dem Schulalltag zu nehmen. Das verkürzte Abitur, Entschlackung des Lehrstoffs, weniger Klassenarbeiten und Klausuren, dafür andere Formen der Leistungsüberprüfung wie Referate oder Gruppenprojekte, weniger Prüfungsfächer im Abitur sind einige der Themen, die sie mit den Schulen diskutieren will. Von oben verordnet werden soll nichts.

Ein Koalitionsziel, das seit einigen Wochen die Wellen hoch schlagen lässt, wird die neue rot-grüne Regierung aber nicht so schnell umsetzen. Das Sitzenbleiben und Abschulen soll durch individuelle Förderung überflüssig gemacht werden, heißt es im Koalitionsvertrag. Das heißt aber nicht, dass die Ehrenrunde schon zum nächsten Schuljahr abgeschafft wird. Die geltenden Erlasse, wonach ein Schüler in der Regel nicht versetzt wird, wenn er in zwei Fächern auf Fünf oder in einem Fach auf Sechs steht, werden erst mal nicht geändert. Die schlechten Leistungen können schon jetzt durch bessere in anderen Fächern ausgeglichen werden. Für eine Fünf reicht eine Drei in einem anderen Fach, das in gleicher Stundenzahl unterrichtet wird. Eine Sechs kann durch eine Zwei ausgeglichen werden.

Andere Länder haben das Sitzenbleiben, das für viele Bildungsforscher als pädagogisch unsinnig und teuer gilt, schon abgeschafft - in Hamburg etwa und in Rheinland-Pfalz (nur an den Grundschulen). In Bremen gibt es erst ab der achten Klasse Ehrenrunden, in Berlin nur noch an Gymnasien. Heiligenstadt plant einen Bildungsgipfel zu dem Thema. „Wir können aus den Erfahrungen der anderen Länder lernen.“

Überhaupt will sie viel zuhören und reden in den nächsten Monaten. „Ich möchte möglichst viele Kitas, Schulen und Studienseminare im Land besuchen.“ Frauke Heiligenstadt liebt die Beständigkeit. Mit Tochter und Ehemann, einem Koch, lebt sie immer noch in Gillersheim, wo sie aufwuchs.

Klaus Wallbaum 02.03.2013
Klaus Wallbaum 26.02.2013