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Niedersachsen 250.000 Anfragen wegen Corona-Hilfen: Server der Förderbank Niedersachsen bricht zusammen
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19:30 26.03.2020
antrag an die n-bank Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Leicht verzweifelt sitzt Chen Tan vor seinem Laptop. Der Restaurantbesitzer aus Hannover ist ein Opfer der Corona-Krise. Er musste wegen der allgemeinen Schließung der Lokale seinen Koch und eine Hilfskraft entlassen. Alleine kann er den noch möglichen Außer-Haus-Verkauf von Speisen nicht bewältigen. Chen Tan könnte 3000 Euro Soforthilfe von der landeseigenen NBank bekommen. Doch deren Server sind schon in der ersten Stunde nach Freischaltung am Mittwoch unter der Last von bis zu 250.000 Anfragen zusammengebrochen. „Ich komme nicht rein. Ich kann keinen Antrag stellen“, sagt Chen Tan. Seine E-Mail beantwortet die NBank mit dem Verweis auf den Online-Antrag.

Zahl der Anfragen völlig unterschätzt

Der Landtag hat am Mittwoch ein 4,4 Milliarden Euro schweres Hilfspaket beschlossen, vor allem um die dramatischen Folgen für die Wirtschaft durch die Corona-Krise abzufedern. Doch die Kapazitäten der Server der NBank reichen nicht aus. Die Landesregierung hat die Not der Wirtschaft offenbar genauso unterschätzt wie sie die Möglichkeiten der Technik ihrer Förderbank überschätzt hat. Auch am Donnerstagabend ist die Auszahlung von Zuschüssen und Krediten wegen der anhaltenden Serverprobleme nicht möglich.

Die NBank bittet um Geduld. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass die Probleme beendet werden“, sagt Sprecher Bernd Pütz. Man hoffe auf eine schnelle Lösung. Die musste auch dringend her. Schließlich hat Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) am Mittwoch angekündigt, dass die Anträge auf Zuschüsse und Kredite bei der Förderbank des Landes unverzüglich freigeschaltet werden. Firmen sollten binnen weniger Tage eine Antwort erhalten. Am Donnerstag schickt Althusmann seinen Staatssekretär Berend Lindner persönlich zur NBank, um die Sache voranzubringen.

Wirtschaft macht Druck

Da ist die notleidende Wirtschaft in Niedersachsen aber schon auf Zinne. In Bayern sei das ganz einfach, schreibt ein Unternehmer der HAZ: Antrag runterladen, ausfüllen, einscannen oder abfotografieren und per E-Mail oder Post einsenden, fertig. „Das ist Champions-League-Niveau und nicht Bezirksklasse wie in Niedersachsen.“ Eine Freiberuflerin beschwert sich darüber, dass man sich registrieren müsse, um überhaupt ein Formular für den Antrag ausfüllen zu können. „Natürlich funktioniert die Registrierung auch nicht.“

Am Mittag fasst der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, Volker Müller, den Unmut zusammen, der sich da offenbar schon aufgestaut hat. „Guter Wille allein reicht nicht. Es muss eine schnelle technische Lösung her, damit Unternehmen in finanzieller Not ihre Anträge stellen können“, sagt Müller. „Es ist Monatsende: Gehälter und Sozialabgaben sind fällig. Dadurch sitzen alle auf heißen Kohlen.“

Scharfe Kritik der Opposition

Auch aus der Landtagsopposition hagelt es Kritik. „Ich bin entsetzt, dass das Wirtschaftsministerium trotz tagelanger Vorbereitungszeit und des Wissens um die hohe Nachfrage ein nicht funktionsfähiges System eingesetzt hat“, kritisiert FDP-Fraktionsvize Jörg Bode. „Dies ist in der aktuellen Situation inakzeptabel.“ Bode fordert, das Volumen des Hilfspaketes zu erhöhen. Anträge müssten jetzt auf allen Wegen angenommen werden: schriftlich, per Fax oder auch per E-Mail.

Die Grünen rufen dazu auf, „alle personellen und technischen Kapazitäten“ für die Auszahlung der Soforthilfen zu bündeln. Es sei den Unternehmern und ihren Beschäftigten „nicht zuzumuten, dass sie in Ungewissheit auf die notwendigen Soforthilfen weiter warten müssen“, erklärt der Grünen-Abgeordnete Detlev Schulz-Hendel. Die AfD spricht von einem „Regierungschaos“. Die NBank sei völlig überfordert.

Thümler: „Alles unschön“

Nicht Althusmann, sondern Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) verbreitet am Nachmittag etwas Zuversicht in Sachen Finanzhilfe. „Die NBank ist vorsichtig optimistisch für heute Abend“, sagt Thümler auf Nachfrage in der täglichen Corona-Pressekonferenz der Landesregierung. Plan B seien Anträge zum Herunterladen. „Alles unschön“, sagt Thümler. Aber die Zahl der Aufrufe von 220.000 in der ersten Dreiviertelstunde seien sonst Jahreswerte bei der Förderbank.

Ob die NBank das Problem mit eigenen Kapazitäten lösen kann oder Serverkapazitäten zukaufen muss, darüber gibt es am Donnerstag unterschiedliche Aussagen. Das Wirtschaftsministerium verweist darauf, dass es auch in anderen Bundesländern wegen des Ansturms Probleme mit den Servern gegeben habe. Jetzt zeige sich, dass die IT in Niedersachsen Mist sei, kritisiert ein Regierungsmitglied. Zur Bearbeitung aller Anträge brauche man doch 100 Jahre. Wenn alles nichts hilft, sollen die Landkreise ganz klassisch ausgedruckte Formulare an die Unternehmen verteilen.

Ministerien sollen helfen

Am Abend heißt es dann tatsächlich bei der NBank, das Kundenportal sei verfügbar, der Zugang aber eingeschränkt. Man arbeite parallel an Alternativen. Eine davon könnte sein, dass die Landkreise ganz klassisch ausgedruckte Formulare an die Unternehmen verteilen. Die NBank hat zudem personelle Hilfe bei der Regierung angefordert. Das Wirtschaftsministerium will immerhin 16 Sachbearbeiter abstellen. Da kann auch Restaurantbesitzer Chen Tan noch hoffen.

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Von Marco Seng

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