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Niedersachsen Deichgraf Günter Hahl und die Elbvertiefung
Nachrichten Politik Niedersachsen Deichgraf Günter Hahl und die Elbvertiefung
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18:18 10.05.2009
Von Karl Doeleke
Günter Hahl
Günter Hahl Quelle: haz
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Die Nordsee ist nicht mehr weit, und von dort drückt das Wasser mit immenser Kraft gegen den Strom in das Flussbett. Im Winter peitscht der Sturm manchmal so hart, dass die Elbe, Lebensader der gesamten Region, lebensbedrohlich werden kann.

Günter Hahl ist als Deichgraf des Hadelner Deich- und Uferbauverbandes für das Leben der Menschen hinter seinem Stück des neun Meter hohen Schutzwalls verantwortlich. Es sind etwa 20.000 bis 30.000 Menschen, so genau weiß Hahl das nicht. Solange der Deich hält, ist das auch gar nicht so wichtig. Der stämmige Landwirt wacht über genau 15,4 Kilometer Strecke. „Das ist relativ wenig, aber es ist eine gefährliche Ecke“, sagt er und blickt am Glameyer Stack hinaus auf das Wasser. Nirgends prallt es mit größerer Wucht gegen die Deiche, an keiner anderen Stelle hat der Fluss die Schutzwerke stärker angefressen, und nirgends stampfen die großen Containerschiffe näher am Ufer entlang.

Und dennoch: „Der Deich bricht nie. Da bin ich ziemlich hinterher“, versichert Hahl, der Deichgraf, der hier Schultheiß genannt wird. Die Herren, die seit Jahrhunderten darüber wachen, dass der Deich „nie“ bricht, heißen an der Elbe manchmal schlicht Verbandsvorsteher, hier und da Deichhauptmann, Deichrichter oder Deichgraf. In Cuxhaven und Umgebung heißen sie Schultheiß – und das geht auf Niedersachsens ersten Ministerpräsidenten zurück, der aus der Nähe Otterndorfs stammt.

„Dei moet hier ‚Schultheiß‘ heißen“, hat Hinrich Wilhelm Kopf irgendwann in seiner unnachahmlich direkten Art bestimmt, um die Bedeutung des Amtes herauszustreichen. Der Schultheiß sei halt früher „der Chef – Bürgermeister und alles“ gewesen, sucht Hahl nach einer Erklärung. Hahl hat selber schon fast alle Ämter inne gehabt, die man auf dem Land ausübend kann. Seit 2000 ist er Schultheiß und hat damit eine Aufgabe übernommen, die in ihrer Beschreibung etwas kriegerisches ha, nämlich die „Deichverteidigung“, so beschreibt es das Niedersächsische Deichgesetz.

Nicht alle in der Region teilen Hahls Zuversicht, wenn es um die Sicherheit der Deiche geht. Schon wieder will der Bund, angetrieben von Hamburg, die Elbe vertiefen, damit noch größere Containerschiffe mit noch größerem Tiefgang den Hafen knapp 130 Kilometer flussaufwärts noch erreichen können. Ende diesen Jahres schon sollen die Bagger anrücken, wenn es nach den Hamburgern geht.

Besonders die letzte „Fahrrinnenanpassung“, wie es leicht beschönigend heißt, hat dem Fluss und seinem Ufer seit 1990 arg zugesetzt. Eine weitere Vertiefung würde die Auswirkungen des Eingriffs in die Natur weiter verstärken, fürchten Bürger, Fischer, Obstbauern, Tourismusmanager und auch Deichgraf Hahl. Jüngst haben sie in Otterndorf ihre Bedenken noch einmal vortragen, auf dem sogenannten Erörterungstermin. Alle, die schriftlich ihre Einwände gegen die Elbvertiefung geltend gemacht haben, konnten diese noch einmal öffentlich vortragen. Es ist ausgesprochen sachlich zugegangen, trotz der Sorgen, zum Beispiel um das Watt vor Otterndorf.

Schultheiß Hahl blickt nun genau dort hinaus auf das Watt. Es ist enorm wichtig für den Deichschutz, weil die vorgelagerte Sandfläche den Wellen schon viel von ihrer immensen Kraft nimmt. In Otterndorf ragte das Watt einmal einen Kilometer weit in den Fluss hinein. Heute sind es nur noch 250 Meter. Den Rest hat sich die Elbe geholt. Für den Tourismus in Otterndorf ist das eine Katastrophe, für die Sicherheit des Deichs ist es bedrohlich. Hahl zeigt auf die Steinbrocken, die überall im Watt zerstreut liegen – das Wasser hat sie den Winter über aus dem Deckwerk gerissen, ein Beweis für die zerstörerische Kraft des Flusses.

Hahl wundert sich manchmal über die Hamburger, die die Niedersachsen am Deich nicht ganz ernst zu nehmen scheinen. In Hamburg ist die Ansicht weit verbreitet, Niedersachsen sperre sich nur deshalb gegen die Elbvertiefung, um möglichst viel Geld herauszuholen. Hahl sagt dazu nur: „Mit Geldscheinen kann ich den Deich nicht stopfen. Ich will Sicherheit, damit ich hier leben kann.“

Dahin ist er in den vergangenen Monaten schon ein ganzes Stück weiter gekommen. Der Bund hat sich – mit Blick auf die vergangene und die geplante Elbvertiefung – bereit erklärt, alle vertiefungsbedingten Schäden am Ufer zu beseitigen, dazu gehören auch Watt und Deckwerk. „Der Vertrag macht grundsätzlich Sinn“, sagt CDU-Chef David McAllister, der seinen Wahlkreis an der Elbe hat“, und er ist mit der Grund dafür, dass der Erörterungstermin Ende April so sachlich ablief. Hahl hat sich lange gewehrt. Er war der Letzte, der den Kontrakt unterschrieben hat. Seine Beharrlichkeit hat sich gelohnt: Der Bund wird, und das wird teuer, am Glameyer Stack umfangreiche Sicherungen gegen die Fluten bauen und auch Watt und Deckwerk vor Otterndorf reparieren.

Dass damit aber die Elbvertiefung „zu 99 Prozent sicher“ ist, wie Hamburgs Wirtschaftssenator Axel Gedaschko glaubt, weisen McAllister und Hahl zurück. Dennoch verliert Niedersachsens Haupteinwand an Schlagkraft. Denn die Deiche werden sicherer durch die umfangreichen Reparaturmaßnahmen am Elbufer. Der Politiker McAllister sagt das nicht, der Schultheiß Hahl schon.