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Niedersachsen Initiative „Kinder von Lügde“ fordert Missbrauchsbeauftragten
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17:50 15.05.2019
Die Sprecherin der Initiative „Kinder von Lügde“, Ina Tolksdorf, verteilt vor dem Landtag in Hannover Kinderschuhe. Quelle: Peter Steffen/dpa
Hannover

Gummistiefel. Turnschuhe. Sandalen. 51 Paar Kinderschuhe stehen am Mittwoch auf dem Hannah-Arendt-Platz gegenüber dem niedersächsischen Landtag. Jedes Paar steht symbolisch für ein mutmaßliches Opfer der Missbräuche in Lügde. „Mit der Aktion wollen wir die Herzen der Politiker anrühren, dass sie den Kinderschutz wieder ganz oben anstellen“, sagt Ina Tolksdorf, die Sprecherin der Initiative „Kinder von Lügde“, die die Schuhe vor dem Landtag platziert hat.

Der massenhafte Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Ein 56-jähriger Dauercamper soll gemeinsam mit Komplizen jahrelang mehr als 40 Mädchen und Jungen sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben – insgesamt geht es um mehr als 1000 Einzeltaten. In Hameln haben sich nach Bekanntwerden der Vorfälle sechs Freunde zu der Initiative „Kinder von Lügde“ zusammengeschlossen“. Ihre Familien gehören nicht zu den Opfern, aber der Fall hat sie nicht kalt gelassen.

„Wir mussten etwas tun“

Lügde ist keine 30 Kilometer entfernt. Wir hatte einfach das Gefühl, wir müssen irgendwas tun“, sagt Tolksdorf. Die 50-Jährige ist Mutter einer Patchwork-Familie mit sieben Kindern, vier von ihnen sind Pflegekinder. Seit Gründung der Initiative vor acht Wochen organisiert sie Woche für Woche eine Schweigeaktion in Hameln für die Missbrauchsopfer; mittlerweile kommen auch Erwachsene zu den Treffen, die selbst einst als Kinder missbraucht wurden. „Das hätte nicht passieren dürfen, und das darf nie wieder passieren“, sagt sie.

Der Fall Lügde ist längst kein reiner Kriminalfall mehr. Die Missbrauchsserie in Nordrhein-Westfalen entwickelte sich auch in Niedersachsen zum Verwaltungsskandal, weil das Jugendamt Hameln trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie den Tatverdächtigen vor zwei Jahren als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt hatte.

Nachdem sich Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) zunächst schützend vor sein Jugendamt gestellt hatte, wird die von Bartels geführte Kreisverwaltung Hameln-Pyrmonts nun doch die Kommunalaufsicht um eine freiwillige Überprüfung bitten, um die verwaltungsinternen Umstände des Missbrauchsfalls aufzuklären. Das hat der Hamelner Kreisausschuss am Dienstag entschieden, wie eine Kreissprecherin bestätigt. Außerdem will der Landkreis am Freitag sein neues Präventionskonzept vorstellen.

Aufarbeitung versprechen auch die Abgeordneten, die Tolksdorf und ihre Mitstreiter am Mittwoch vor dem Landtag besuchen. Bereits in der vergangenen Woche hatte die Große Koalition angekündigt, diese Aufgabe einer Kommission des Landespräventionsrates zu übertragen, die sich bereits mit dem Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche beschäftigt. Der Gruppe um Tolksdorf reicht dieser Schritt nicht, sie fordert eine unabhängige Kinderschutz-Kommission und einen unabhängigen Missbrauchsbeauftragten auf Landesebene. „Das unterstützen wir auf jeden Fall“, sagt die sozialpolitische Sprecherin der FDP, Sylvia Bruns. Die Einsetzung eines solchen Beauftragten, den es bisher nur auf Bundesebene gibt, hätte in Niedersachsen längst erfolgen müssen, findet sie.

41 Missbrauchsanzeigen pro Tag

Der sozialpolitische Sprecher der SPD, Uwe Schwarz, bezeichnet das hingegen als Symbolpolitik. „Wir müssen nichts neu erfinden, sondern das reaktivieren, was da ist“, sagt er. Sowohl die Kommission des Landespräventionsrates als auch der Landesjugendhilfeausschuss müssten sich nun mit der Frage befassen, ob die Missbrauchsserie durch systematische Fehler begünstigt wurde. „Ich glaube, es ist ein Systemversagen – neben aller krimineller Energie“, sagt Schwarz.

Weitere Gruppen haben die Initiative bei ihrer Aktion vor dem Landtag unterstützt, darunter auch der Verein Tour41 von Markus Diegmann. Der 53-Jährige fährt mit einem Wohnmobil durch Deutschland und sammelt Unterschriften für die Abschaffung der Verjährungsfrist bei sexuellem Kindesmissbrauch, rund 250.000 Menschen haben seine Petition schon unterzeichnet. Diegmann ist als Kind selbst jahrelang von zwei Männern missbraucht worden, brach sein Schweigen allerdings erst im Jahr 2013. Die Zahl 41 im Vereinsnamen stehe für durchschnittlich 41 angezeigte Fälle von Kindesmissbrauch pro Tag in Deutschland. „Lügde ist überall“, sagt der 53-Jährige.

Hauptanliegen der Initiative „Kinder von Lügde“ und ihrer Unterstützer ist es, für das Thema zu sensibilisieren. „Wir müssen begreifen, dass Missbrauch direkt vor unserer Haustür passieren kann“, sagt Tolksdorf. Nur so könnten Erwachsene die Anzeichen dafür auch erkennen. In ihrem Dank für dieses Engagement sind sich dann auch alle politischen Vertreter einig. „Sie erheben die Stimme für die Schwächsten der Schwachen“, sagt etwa Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD).

Beschuldigter informierte Schule selbst über Ermittlungen

Im Fall Lügde kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht. So informierten Behörden die Schulen nicht frühzeitig über die Verdachtsfälle. Vielmehr habe der beschuldigte Dauercamper die Grundschule seines Pflegekindes selbst über die Ermittlungen wegen sexueller Übergriffe gegen ihn informiert. Das geht aus einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des NRW-Schulministeriums an den Landtag hervor.

Demnach rief der Mann die Klassenlehrerin des Kindes im November 2018 an und sagte ihr auch, dass das Kind in einer anderen Familie untergebracht sei. Gerüchte darüber waren der Grundschulleitung zwar schon Tage zuvor zu Ohren gekommen. „Aus datenschutzrechtlichen Gründen konnte die Schulleitung durch das Kreisjugendamt darüber keine offizielle Bestätigung erhalten.“

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