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Niedersachsen Northeimer Rollstuhl-Fahrerin bleibt mitten auf Gleis in Hannover stehen
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00:16 01.03.2019
Monika Nölting in ihrem Rollstuhl. Quelle: Privat
Hannover

 „Sagen Sie bloß nicht, ich sei an den Rollstuhl gefesselt“, sagt Monika Nölting und lacht. Sie ist eine selbstbewusste Frau, die gern ihrer Arbeit beim Sozialverband Deutschland nachgeht, obwohl die Northeimerin seit dem 17. Lebensjahr auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Ein Narkosefehler, sagt sie nur knapp. Doch in diesem Monat hat die 59-Jährige, die Bekannte als ungemein „tough“ beschreiben, Dinge erlebt, die zeigen, wie weit entfernt Niedersachsen vom Ziel der Barrierefreiheit und Menschenfreundlichkeit gegenüber Behinderten noch ist.

Ein Passant befreite sie – und ging

In Hannover hat die Rollstuhlfahrerin vergangene Woche an einer Sitzung des Landesbehindertenbeirates teilnehmen wollen. Doch die Reise von Northeim ins Sozialministerium endete knapp hinter dem hannoverschen Hauptbahnhof. Auf dem Vorplatz gab ihr Hightech-Rollstuhl, den sie vergangenen Oktober nach einem vierjährigen Kampf mit Behörden und Krankenkassen endlich erhalten hatte, plötzlich den Geist auf. Ausgerechnet auf einem in den Vorplatz eingelassenen Straßenbahngleis.

Nölting, die nicht wusste, dass dort keine Straßenbahnen mehr verkehren, bekam eine Höllenangst. Ein Passant befreite sie aus den Schienen, stellte sie aber dann einfach auf dem Bürgersteig ab. Da saß sie nun mit zunehmender Verzweiflung. Und rief Niedersachsens Landesbehindertenbeauftragte Petra Wontorra an, die selber Rollstuhlfahrerin ist. Die brach kurzentschlossen eine Sitzung ab und kam mit Gerold Abrahamczik, der auch im Beirat sitzt, der Northeimerin zur Hilfe. „Die war inzwischen ziemlich verstört.“ Doch damit war das Drama keineswegs beendet.

Denn keines der vielen angerufenen Sanitätshäuser in der Landeshauptstadt wollte oder konnte helfen. Das heimatliche Sanitätshaus in Northeim überschüttete seine Kundin sogar mit Vorwürfen, warum sie denn überhaupt das Harzstädtchen verlassen habe. „Eine bodenlose Frechheit“, sagt Nölting. Das findet die Landesbehindertenbeauftragte Wontorra auch: „Dass das Sanitätshaus zu Frau Nölting sagte, was ihr denn einfiele, überhaupt Northeim zu verlassen, ist diskriminierend und menschenverachtend.“

Gut 20 Minuten bemühten sich Wontorra und Abrahamczik, den mehr als 200 Kilogramm schweren Rollstuhl und seine auch nicht ganz so leichte Fahrerin („Wir sind alle keine Elfen“) von der Stelle zu bewegen, bis zwei äußerst hilfsbereite Polizisten zur Stelle waren. Schließlich gelang es, einen Kleinbus mit Hebebühne zu organisieren, der die entkräftete und durchgekühlte Frau ins Sozialministerium transportierte.

Der Beirat übt sich in Krisenmanagement

Doch auch dort drohte sie nach der Beiratssitzung hängen zu bleiben, weil keine Hilfe in Sicht war, obwohl die Krankenversicherung schon eine Kostenübernahme zugesichert hatte. Das Sanitätshaus John und Bamberg wollte helfen und schickte zwei Monteure, die zwar den defekten Rollstuhl mitnehmen wollten, aber keinen Ersatz für Monika Nölting hatten. Rollstühle wie der Nöltings seien so hochkompliziert, dass man sie in der Werkstatt begutachten müsste. „Die müssen eingelesen werden“, hieß es bei John und Bamberg. Für einen so speziellen Rollstuhl habe man auch keinen Ersatz.

Mittlerweile war der gesamte Behindertenrat „in Schwarmintelligenz“ (Wontorra) mit diesem Notfall beschäftigt. „Das Ganze ist ein ungeheuerliches Lehrstück zu den Themen Inklusion, Teilhabe und Umgang mit Menschen“, sagt Birgit Eckhardt, Landesvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, die schließlich über eine Mitgliedsorganisation eine Rückfahrt nach Northeim organisierte – kostenlos, denn sonst fordern Rettungsdienste für einen solchen Transport etwa 900 Euro Vorkasse. „Früher gab es für solche Situationen wenigstens eine einheitliche Notfallnummer, doch heute steht man alleine da“, sagt Nölting. „Man bräuchte unbedingt, ähnlich wie der ADAC, eine Notrufnummer“, sagt die Landesbehindertenbeauftragte.

Monika Nölting will sich trotz dieser Erlebnisse nicht von ihrem Mobilitätsdrang und -recht abbringen lassen, trotz mehrerer Reifenpannen oder nächtlichen Übernachtungen auf dem Northeimer Bahnhof, weil der Aufzug nicht ging. Auf dem Holzmindener Bahnhof steckte sie kürzlich stundenlang auf dem Mittelbahnsteig fest, weil nur Treppen von ihm wegführten. So musste der Holzmindener Ausschuss, der sie als Expertin geladen hatte, auf dem Mittelbahnsteig tagen. Wegen fehlender anderer Möglichkeiten.

Von Michael B. Berger

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