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Niedersachsen Hunderte Lehrer und Pädagogen streiken in der Innenstadt
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00:21 20.02.2013
Von Juliane Kaune
Foto: Die Beschäftigten fordern eine Gehaltserhöhung um 6,5 Prozent und eine gesonderte Eingruppierung für angestellte Lehrer in den Tarifvertrag.
Die Beschäftigten fordern eine Gehaltserhöhung um 6,5 Prozent und eine gesonderte Eingruppierung für angestellte Lehrer in den Tarifvertrag. Quelle: dpa
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Hannover

Mit seiner leuchtend roten Lockenperücke ist Sebastian Freudenberger nicht zu übersehen. „Ich bin Lehrer aus Leidenschaft“ steht auf dem Schild, das er trägt. Und an diesem Tag ist er einer der wenigen verbeamteten Pädagogen, die sich in den Demonstrationszug der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eingereiht haben. Er streike nicht, betont er.

Schließlich dürfen Lehrer im Beamtenverhältnis nicht in den Ausstand treten. Freudenberger macht in seiner unterrichtsfreien Zeit mit bei dem Protestmarsch durch Hannovers City, den die GEW organisiert hat. „Aus Solidarität mit den Kollegen“, sagt er. Gemeint sind Lehrkräfte im Angestelltenverhältnis, pädagogische Mitarbeiter, Schulassistenten und Schulsozialarbeiter. Sie alle streiten im Zuge der Tarifverhandlungen für Landesmitarbeiter im öffentlichen Dienst für eine bessere Entlohnung.

Der gestrige ganztägige Warnstreik war der Auftakt der Protestaktionen in der Region Hannover. Die GEW fordert für alle im Schuldienst Beschäftigten eine Gehaltserhöhung um 6,5 Prozent und eine gesonderten Eingruppierung für angestellte Lehrer in den Tarifvertrag. Auch eine Eindämmung befristeter Arbeitsverhältnisse, insbesondere bei den pädagogischen Mitarbeitern, steht im Forderungskatalog; beim Urlaubsgeld soll es keine Kürzungen geben. Nach Gewerkschaftsangaben beteiligten sich rund 650 Angestellte an der landesweiten Demonstration, darunter etwa 270 aus der Region Hannover – die Polizei sprach von insgesamt bis zu 400 Demonstranten. Betroffen waren vor allem Förderschulen: An zehn dieser Schulen in Stadt und Umland war laut GEW am Dienstag kein regulärer Unterricht möglich. Auch neun Integrierte und Kooperative Gesamtschulen aus der Region nahmen am Warnstreik teil. Den Großteil der Demonstranten stellten die pädagogischen Mitarbeiter, die in den Förderschulen gemeinsam mit den Lehrkräften den Unterricht gestalten. Nach Gewerkschaftsangaben trifft eine solche Konstellation auf 29 der 56 Förderschulen in der Region Hannover zu.

„Diese Kollegen leisten eine unverzichtbare Arbeit im Schulalltag, werden aber beschämend gering bezahlt“, ruft Olaf Korek bei der zentralen Kundgebung am Kröpcke ins Mikrofon. Er ist seit 22 Jahren als pädagogischer Mitarbeiter an Förderschulen tätig, aktuell arbeitet er an der Ilmasi-Förderschule in Garbsen-Berenbostel. Etliche pädagogische Mitarbeiter hätten nur befristete Verträge über 80 Prozent der regulären Arbeitszeit, obwohl sie gern die volle Stundenzahl ausschöpfen würden. „Das ist Zwangsteilzeit“, wettert Korek. Manche müssten einen Zweitjob annehmen, um finanziell über die Runden zu kommen. Von den Betroffenen, die sich vor der Rednerbühne versammelt haben, gibt es Applaus. Auch bei ihr sei es knapp im Portemonnaie, sagt Christine Sommer, die ebenfalls an der Ilmasi-Schule beschäftigt ist. „Ich verdiene netto 1300 Euro“, sagt die 47-Jährige. Gleichwohl mache ihr die Arbeit mit Kindern, die in der geistigen Entwicklung zurückgeblieben sind, viel Spaß. Im Schuldienst schaue sie nicht auf die Uhr, viele Überstunden hätten sich angehäuft. „Das wird von unserem Arbeitgeber, dem Land Niedersachsen, ausgenutzt.“

Hilkje Kühl ist eine der angestellten Lehrkräfte, die sich mit GEW-Leibchen unter die Demonstranten gemischt haben. Auf dem Plakat, das sie mit einer Kollegin trägt, steht in bunten Buchstaben, für welche Schule beide Flagge zeigen – die Selma-Lagerlöf-Schule in Ronnenberg. „Ich erledige dieselben Aufgaben wie meine verbeamteten Kollegen, bekomme aber deutlich weniger Geld“, erklärt die 40-Jährige. An ihrer Schule herrsche eine große Solidarität unter allen Berufsgruppen, betont die Pädagogin. „Auch viele Kollegen, die nicht streiken dürfen, unterstützen den Streik.“ Von einer erfolgreichen Verhandlung der GEW mit den Vertretern des Landes werden am Ende auch die Beamten etwas haben: Die beim Gehalt erzielten Ergebnisse sollen auch für sie gelten.

Schulausfall

An mehreren Förderschulen war am Dienstag kein üblicher Unterricht möglich. „Wir konnten nicht in der gewohnten Form arbeiten“, sagt etwa Iris Makowka-Scharf, Konrektorin der Wilhelm-Schade-Schule in Stöcken. Die Kinder seien anderthalb Stunden früher nach Hause geschickt worden. Ein Großteil der Schüler der Selma-Lagerlöf Schule kam gar nicht erst zum Unterricht: Der Schulelternrat hatte den Tag so organisiert, dass viele Familien ihre Kinder zu Hause betreuen konnten.

So geht es beim Streik weiter

Der GEW-Warnstreik war der Auftakt für weitere Aktionen. Im Zuge der bundesweiten Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst hat die Gewerkschaft ver.di für den morgigen Donnerstag Warnstreiks in der Region Hannover angekündigt. Betroffen ist unter anderem die Medizinische Hochschule: An diesem Tag werden nur Notfälle behandelt. Auch die Tierärztliche Hochschule, die Leibniz Universität und die Hochschule Hannover stehen auf der Streikliste von ver.di. Mitarbeiter von Landesbehörden sowie die Straßenbauverwaltungen sind ebenfalls zu Warnstreiks aufgerufen. Am Donnerstag ist erneut eine Demonstration in Hannovers Innenstadt geplant, los geht es um 10.30 Uhr.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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