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Niedersachsen Immer öfter greifen Jugendämter in Familien ein
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11:40 12.12.2009
Von Klaus Wallbaum
Anlaufstelle: Immer häufiger müssen Jugendämter in Familien eingreifen.
Anlaufstelle: Immer häufiger müssen Jugendämter in Familien eingreifen. Quelle: Archiv
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Im neuesten statistischen Datenatlas des Landes sticht eine Zahl besonders hervor: Immer öfter greifen Jugendämter ein, weil sie Kinder vor drohenden Gewalttaten oder Sexualverbrechen in ihren Familien schützen wollen. Im Jahr 2003 gab es landesweit noch 2151 Fälle auf 10 000 Kinder und Jugendliche, im vergangenen Jahr waren es schon knapp 3000 – das entspricht einer Steigerung um rund ein Drittel. „Dies hängt damit zusammen, dass die Behörden genauer hinsehen, wenn sie etwas Verdächtiges bemerken“, sagt Lothar Eichhorn vom Landesbetrieb für Statistik. Auch mehr Hinweise von Nachbarn und Bekannten habe es gegeben. Die Steigerung könnte aber auch bedeuten, dass mehr Kinder benachteiligt worden sind.

Die Abläufe nach der Alarmierung sind ähnlich: Die Jugendämter der Städte und Landkreise werden aktiv, nehmen Kontakt zu den Familiengerichten auf und erreichen dann oft, dass die betroffenen Kinder zunächst zur Obhut in ein Heim gebracht werden. Das Sozialministerium sieht die gestiegenen Fallzahlen zunächst positiv: „Das ist ein Beleg dafür, dass es eine Kultur des Hinschauens gibt“, sagte Sprecher Thomas Spieker. Die Zahlen belegten eine „gestiegene Wachsamkeit“. Auch der Landesbetrieb für Statistik führt die Entwicklung auf das „veränderte Bewusstsein“ zurück. Spektakuläre Berichte über Einzelschicksale von Kindern, die vernachlässigt wurden, hätten eine Veränderung bewirkt. Probleme mit einem womöglich knapp werdenden Angebot an Heimplätzen sieht das Ministerium nicht: „Wir haben keine Informationen über irgendwelche Engpässe.“

Allerdings ist die Entwicklung in Niedersachsen offenbar drastischer als in den meisten anderen Ländern. Während hierzulande im Vergleich von 2007 zu 2008 die Zahl der Eingriffe von Jugendämtern um 31,2 Prozent gewachsen ist, betrug die Zunahme bundesweit nur 14,4 Prozent. Das Saarland liegt mit einem Plus von 52,6 Prozent an der Spitze, in Baden-Württemberg und Hessen gibt es wesentlich mehr Fälle, doch die Steigerung liegt unter der in Niedersachsen.

Die gestiegene Zahl der in Obhut genommenen Jugendlichen ist das auffälligste Ergebnis im neuen Datenatlas des Landes, der vom Landesbetrieb für Statistik „Niedersachsen-Monitor“ genannt wird. Es gibt daneben ein paar negative Trends, die sich verstärken: Die Geburten gehen überdurchschnittlich stark zurück, die Zahl der Pflegebedürftigen wächst, es gibt immer mehr Alleinerziehende und Alleinstehende, die Zahl der Scheidungen steigt.

Im Wirtschaftsleben hinkt Niedersachsen weiter bei der Zahl der Patentanmeldungen hinter dem Süden her, und bei den Existenzgründungen ragt das Land auch nicht positiv heraus. Christoph Lahmann, Direktor des Landesbetriebs, sieht aber einen anderen erfreulichen Trend, der sich 2008 gezeigt habe und auch 2009 noch gelte: Der Wasserverbrauch geht zurück, die Kohlendioxid-Emissionen werden weniger. Die Bevölkerung zeige inzwischen „ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein“, lobt Lahmann.

Gericht entscheidet über Inobhutnahme
Das Jugendamt darf zunächst ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut nehmen, wenn das Kind selbst darum bittet. So regelt der Paragraf 42 des Sozialgesetzbuches (SGB) VIII die Inobhutnahme. Im SGB VIII sind die Vorschriften der Kinder- und Jugendhilfe zusammengefasst. Die Unterbringung in einer Notsituation soll immer nur vorläufig sein. Es geht um eine schnelle und unbürokratische Hilfe in einer Krise. Erfährt das Jugendamt von Dritten – etwa der Polizei oder einem Betreuer – von der Notsituation, kann es das Kind an sich nehmen, wenn die Eltern nicht widersprechen. Die Mitarbeiter des Jugendamtes können und müssen gegen den Willen der Eltern handeln, wenn sie die Sorge haben, dass das Wohl des Kindes akut gefährdet ist. Dann muss ein Familiengericht spätestens am Tag nach der Inobhutnahme darüber entscheiden. Das Jugendamt ist dann für das Wohl des Kindes, seine Unterbringung und für medizinische Hilfe verantwortlich. Die Eltern sind unverzüglich über die Inobhutnahme zu informieren.

von Saskia Döhner