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Niedersachsen „In der Gedankenwelt des Kalten Krieges“
Nachrichten Politik Niedersachsen „In der Gedankenwelt des Kalten Krieges“
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19:23 23.06.2013
Von Klaus Wallbaum
„Wir machen einseitig Versöhnung, das bringt auf Dauer nichts“: Schlesier-Chef Rudi Pawelka. Quelle: dpa
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Hannover

Am Stand von „Rübezahl“, einem Tanzkreis aus Görlitz, ist der große politische Streit auf einmal ganz weit weg. Die Gruppe erklärt hier, dass sie überall gern auftritt und die alten schlesischen Tänze präsentiert – auf Familienfeiern, Geburtstagen und Volksfesten. Viele der rund 3000 Gäste, die in diesem Jahr beim Schlesiertreffen in Hannover dabei sind, wollen mehr über die Gruppe „Rübezahl“ wissen. Der interne Streit in der Führung der Landsmannschaft, so scheint es, interessiert hingegen weniger. Er irritiert die meisten der Anwesenden eher.

Es ist diese Mischung aus zwei grundverschiedenen Dingen, die seit vielen Jahren das Schlesiertreffen in Hannover ausmacht. Auf der einen Seite kommen aus ganz Deutschland Menschen zusammen, die in Schlesien geboren sind oder dort Vorfahren hatten. Sie wollen Bekannte oder Verwandte aus alten Tagen wiedersehen – auf den Tischen in der Messehalle 2 stehen dann Schilder mit den alten deutschen Ortsnamen. Breslau, Oppeln oder Ratibor. Wenn man Glück hat, sitzen dort schon Leute, die eine ähnliche Lebensgeschichte im selben alten Heimatort haben. Für viele Teilnehmer ist der Ausflug zur Veranstaltung in Hannover dann so etwas wie ein Ausflug in die eigene Vergangenheit.

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Auf der anderen Seite aber ist das Schlesiertreffen immer auch ein großes Politikum. Die führenden Funktionäre nutzen die Kulisse für mahnende Worte an die Regierenden. Dafür stand früher vor allem der langjährige Vorsitzende Herbert Hupka, der 2006 gestorben ist. Sein Nachfolger Rudi Pawelka, ehemalige Polizeibeamter aus Leverkusen, versucht es ihm gleich zu tun – sorgt aber mit kruden Thesen zu geschichtlichen Vorgängen immer wieder für Unmut.

Manches, was Pawelka von sich gibt, klingt revanchistisch. Als er beim Schlesiertreffen 2011 den Polen eine Mitschuld am Holocaust zuschrieb, stand der damalige Ministerpräsident David McAllister auf und verließ den Saal. Seither hört man aus McAllisters Mund nichts Freundliches mehr über den Vertriebenenfunktionär. Der 73-jährige Pawelka gilt in großen Teilen der Politik längst als rotes Tuch, als unverbesserlicher und rückwärtsgewandter Funktionär.

In diesem Jahr kam der Eklat schon zwei Tage vor dem großen Treffen. Als Pawelka seinem Vorstand das Redemanuskript vorab übermittelte, fielen einige der Empfänger aus allen Wolken. Entgegen seinem Versprechen, diesmal die provokanten Töne zu vermeiden, standen in seinem Entwurf offenbar wieder viele kleine Spitzen und Angriffe an die Adresse der Polen.

Mehreren moderaten Vertretern der Schlesier platzte der Kragen. Der Mainzer Medizinprofessor Michael Pietsch trat aus Protest als Vorsitzender der „Schlesischen Landesvertretung“ zurück – fiel also plötzlich als Tagungspräsident und Moderator des Treffens aus. Der niedersächsische Landesvorsitzende Helmut Sauer soll sich vehement bei Pawelka beschwert haben. Und Peter Großpietsch, Stellvertreter Pawelkas, trat ebenfalls zurück. Daraufhin sagten die beiden Ehrengäste ihre Teilnahme ab und distanzierten sich ebenfalls von Pawelka: Innenminister Boris Pistorius (SPD) und Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) aus Niedersachsen.

Als einsamer Mann stand Pawelka am Sonntag auf der Bühne, ließ sich das aber äußerlich nicht anmerken. Er lobte die Harmonie des Treffens und dankte für den Zuspruch, „nachdem einige Gewitterwolken aufgezogen waren“. Konkreter ging Pawelka auf die internen Vorgänge, von denen viele der anwesenden Schlesier nur aus den Medien erfahren hatten, nicht ein. Was dann folgte, war eine in vielen Passagen gegenüber dem ersten Entwurf offenbar geglättete Version. Pawelka lobte positive Ansätze bei den polnischen Behörden, richtete seinen Vortrag aber an einer Grundthese aus: „Eine einseitige Versöhnung bringt auf Dauer nichts.“

Damit meinte er, dass die Polen die Vertreibung der Deutschen noch nicht als Verbrechen bezeichnet und sich nicht entschuldigt hätten. Ein „tragfähiges Fundament für die Versöhnung“ fehle. Die Rechte der deutschen Minderheit in Polen würden nicht angemessen gewürdigt, es sei ein Fehler in Deutschland, dass man beim Thema Versöhnung „immer nur an die anderen und nicht an die eigenen Landsleute“ denke.

Pawelka drückte dann noch seinen Ärger über verschiedene Vorgänge aus: dass Bundesaußenminister Guido Westerwelle in Königsberg gefallene sowjetische Rotarmisten geehrt habe („er tat es für die Täter, nicht für die Opfer“), dass Geburtsorte von Schlesiern in polnisch und nicht in deutsch angegeben würden, dass mehrere Medien schlesische Städte irrtümlich so bezeichneten, als seien sie immer schon polnisch gewesen. Für seine Rede, die zum Ende wieder kleinlich wirkte, bekam der Vorsitzende dann braven Applaus.

Der intere Streit in der Schlesierführung dürfte nun heute, nach dem großen Treffen, weitergehen. Der zurückgetretene Michael Pietsch sagte, Pawelka verharre trotz seiner entschärften Rede „in der Gedankenwelt des Kalten Krieges“, im fehle das Einfühlungsvermögen und die Kraft, mit einer versöhnlichen Geste aufzutreten. Damit irritiere er polnische Politiker und erschwere den Dialog. Der niedersächsische CDU-Landtagsabgeordnete Rudolf Götz sagte: „Die Landsmannschaft muss deutlich machen, dass es um die Zukunft geht und um gute Kontakte zu Polen. Mit Pawelka aber gibt es keine Zukunft.“

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