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Niedersachsen Kritik an niedersächsischem Schulkonzept
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00:24 28.11.2014
Von Saskia Döhner
Horst Audritz vom niedersächsischen Philologenverband kritisiert die Schulpolitik der Landesregierung. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Goslar

Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes, sagte, das neue Schulgesetz lege Axt an die Wurzeln des Gymnasium: Es sei ein Gesamtschulförderungsgesetz. Es sei ein Griff in die Mottenkiste der siebziger Jahre und eine Absage an den Schulfrieden in NiedersachsenRot-Grün wolle Gymnasien zurückdrängen "bei gleichzeitiger Demontage von innen", es gehe um allgemeinen Leistungsabbau in der niedersächsischen Schule, insbesondere an den Gymnasien. Zugleich verteile die Regierung "mit treuem Augenaufschag" Beruhigungspillen. So habe der Ministerpräsident Stephan Weil im Wahlkampf in einem TV-Duell mit dem damaligen Amtsinhaber David McAllister (CDU) versichert "Die niedersächsischen Gymnasien haben von mir nun wirklich nichts zu befürchten." Auch Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) habe wiederholt betont: "Wir werden die beliebteste Schulform des Landes nicht antasten."

Doch in Wirklichkeit werde das Gymnasium von zwei Seiten in die Zange genommen, von innen und von außen. Integrierte Gesamtschulen sollen ab nächstem Schuljahr andere Schulformen ersetzen können, zwar solle ein Gymnasium in zumutbarer Entfernung erreichbar bleiben, aber als zumutbar gelte eine Fahrtweg von jeweils einer Stunde, sagte Audritz. Das bedeute zwei Stunden täglich, und im Winter auch noch mehr. Es sei fraglich, ob Eltern zehnjährigen Kindern dies zumuten wollten. Durch die geplante engere Verzahnung von Grund- und Gesamtschulen würden die Gymnasien von innen ausgetrocknet. "Man kann sich ja richtig vorstellen, wie Grundschulen, die ja wissen, was man vom entsprechend gepolten Schulträger und noch weiter oben von von ihnen erwartet, den Eltern einreden werden, dass man den armen Kindern doch nicht so lange Schulwege zumuten solle, wo doch das Abitur nebenan zu haben sei", warnte Audritz

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Gymnasien werden zu Gesamtschulen

Durch die geplante Abschaffung der Laufbahnempfehlung am Ende der 4. Klasse und das erklärte Ziel von Rot-Grün, das Sitzenbleiben überflüssig zu machen, würden Gymnasien allmählich durch hre Schülerzusammensetzung zu einer Gesamtschule. "Das wollen vielleicht Sie", sagte Audritz in Richtung Regierungspartei, "wir wollen das nicht!". Er warnte vor einem Leistungsverfall an den Schulen.
 
Gefährdet seien nicht nur Gymnasien auf dem Land, sondern auch in vielen Städten, sagte Audritz. Das Schulgesetz spiele am Ende nur den Privatschulen in die Hände, dort allerdings sei die Bildung vom Geldbeutel der Eltern abhänig.
 
Scharfe Kritik übte er an der Reform der Lehrerausbildung. Die gesonderte Gymnasiallehrerausbildung dürfte nicht abgeschafft werden. "Vor der Einheitsschule kommt der Einheitslehrer, ohne Gymnasialleher gibt es kein Gymnasium", sagte Audritz. Die Regierung habe sich gründlich verrechnet, wenn sie glaube, die Proteste gegen die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung werde abebben. Erneut forderte er eine empirisch-wissenschaftliche Untersuchung der Lehrerarbeitszeit. Die von Ministerin Heiligenstadt immer hervorgehobenen "Entlastungen" der Lehrer seien gar keine. "Das ist eine Luftnummer, und nichts anderes." 

Klassenfahrten werden gestrichen

Der Philologenverbandschef äußerte Verständnis dafür, dass an zwei Dritteln der Gymnasien Klassenfahrten und andere freiwillige Leistungen der Lehrer wie Konzert- und Museumsbesuche gestrichen worden sind. Dies sei auch ein Protest gegen die Selbstausbeutung, die Klassenfahrten für Pädagogen bedeuteten. Für eine fünftägige Klassenfahrten mit Arbeitstagen von 16 bis 18 Stunden gebe es nur maximal vier Unterrichtstunden insgesamt Entlastung, als Übernachtungsgeld gebe es nur elf Euro, als Essensgeld zwischen sechs und zwölf Euro pro Tag, und oft bekämen sie nicht mal dies und würden unter Druck gesetzt, auf diesen Reisekostenanspruch zu verzichten.

Audritz bekam für seine kämpferische Rede langanhaltenden Applaus von den rund 350 Zuschauern.

Der Goslarer Oberbügermeister Oliver Junk lobte einerseits den Kompromiss der Regierung mit den Kommunen bei den Kosten für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen. Er warnte allerdings vor zuviel Reformen in der Bildungspoliti: "Schulen brauchen eine klare Richtung und ruhiges Fahrwasser, nicht einen permanenten Kurswechsel." Lehrer, Eltern und Schüler wie Politiker dürften sich nicht in Reformen und Gegenreformen verkämpfen.Das gelte für rot-grün genauso wie für schwarz-gelb.

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) wies auf die jahrhundertealte Tradition der Gymnasien hin. Landesweit gibt es derzeit 220 öffentliche Gymnasien und 37 in privater Trägerschaft. Während 1985 rund 26 Prozent der Eltern ihre Kinder an einem Gymnasien angemeldet hätten, seien es jetzt rund 40 Prozent eines Jahrgangs. Heiligenstadt unterstrich des Leistungsfähigkeit des Gymnasiums: "Kein Schulgesetz der Welt kann diesen Elternwillen aushebeln oder unberücksichtigt lasen." Dies decke sich auch mit der Einschätzung der Landesregierung.
 
Die SPD-Ministerin sagte, Kernstück der Schulgesetznovelle sei die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren an den Gymnasien. "Wir nehmen den Druck, der durch G 8 an die Schulen gekommen ist, wieder heraus." Derzeit würden die Stundentafel und die Lehrpläne für das G 9 n Gymnasien entwickelt: "Kein Fach verliert eine Stunde, auch nicht die Fächer Kunst und Musik." 2021 soll der erste Jahrgang wieder das Abitur nach neun Jahren machen.

Bildungsetat wächst

Heiligenstadt sagte, der Bildungetat werde in den nächsten vier Jahren von derzeit 5,2 Milliarden Euro auf dann 5,5 Milliarden Euro wachsen. Wichtigstes Ziel sei der Ganztagsausbau. Mittlerweile seien 85 Prozent der Gymnasien Ganztagsschulen. 2011 waren es 161 Schulen, heute sind es 187.
 
Im Publikum gab es immer wieder höhnisches Gelächter, vor allem, als die Ministerin vom "neuen, modernen Abitur" oder von "Entlastungen" sprach. Auch ihr Lob für den Einsatz der Gymnasiallehrer in der Inklusion kam nicht an. Kleinere Klassen in der Sekundarstufe I, weniger Klausuren in der Oberstufe, eine Entlastungsstunde für Klassenlehrer im Jahrgang 6 oder ein neues Altersteilzeitmodell seien nicht etwas, über das man lachen sollte, sagte die Ministerin, sondern eine echte Entlastung. "Ich würde mich freuen, wenn Sie das Gesamtpaket anerkennen, Gymnasien erhalten daran einen beträchtlichen Anteil." Aus dem Zuschauersaal ertönten deutliche "Nein"-Rufe.
 
Kritik übte sie an dem Klassenfahrtenboykott. Klassenfahrten seien wichtig für die Persönlichkeitsbildung der Kinder und wirkten sich auch positiv auf das Lernklima aus. Die Lehrer im Saal quittierten diese Ausführungen mit höhnischem Gelächter.
 
Die Gymnasien müssten sich keine Sorgen um ihr Überleben machen. Die Unterrichtsversorgung  werde auch in diesem Schuljahr wieder bei 100 Prozent liegen und besser sein als an anderen Schulformen. "Wenn Schüler mehr Zeit zum Lernen haben, ist das auch für Lehrer positiv", sagte Heiligenstadt. Eine Pädagogin raunt: "Die hat wohl lange keine Schule mehr von innen gesehen."

Auch die anderen Argumente der Ministerin "Gymnasien haben mehr Förderstunden, mehr Verfügungstunden, mehr Ganztagszuschläge" fanden keinen Applaus.

„Die Politik hat den Schülern die Klassenfahrten gestohlen“

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, warb beim Philologentag in Goslar für ein "Gymnasium mit Leitung und Anspruch". Er wünsche sich generell eine Rückkehr zu G 9 an den Gymnasien, aber nicht zu einem Abitur light. Kraus warnte davor, Noten durch Lernentwicklungspläne zu ersetzen, die Kinder nur durch Simultandolmetscher  verstehen könnten. Auch die Diskussion um das Sitzenbleiben sei eine Scheindebatte, da von 11,4 Millionen Schüler gerade einmal 1,5 Prozent (also rund 170.000) eine Klasse wiederholten. Durch die Abschaffung der Laufbahnempfehlung am Ende der Grundschule würden schwächere Kinder überehrgeizigen Eltern ausgesetzt. "Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur, wenn alle zum Gymnasium gehen, geht keiner mehr zum Gymnasium", sagte Kraus. Generell gebe es keine Tendenz zur Verflachung, statt um Inhalte gehe es um Kompetenzen – die Abiturnoten würden immer besser, auch die Noten an den Hochschulen. "Das Gymnasium muss sich um seinen Eliteanspruch kümmern, bevor es an seiner Beliebtheit platzt."
Kraus erinnerte daran, dass Frauke Heiligenstadt (SPD) 2009, damals noch nur Landtagsabgeordnete und nicht Ministerin, gefordet habe, dass Lehrer nicht mehr als 40  Stunden in der Woche arbeiten sollten: "Da machen wir sofort mit." Und er fügte hnzu: "Es ist die Politik, die den Schülern die Klassenfahrten gestohlen hat." Er habe das neue Schulgesetz der Landesregierung gelesen, sagte Kraus: "Das war ein Trip durch die ideologische Abfallwirtschaft."

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