Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Niedersachsen Landtagsumbau: Hermann Dinklas unmögliche Mission
Nachrichten Politik Niedersachsen Landtagsumbau: Hermann Dinklas unmögliche Mission
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:12 01.03.2010
Von Klaus Wallbaum
Von Wärmedämmung keine Spur: Landtagspräsident Hermann Dinkla auf dem Dach des alten, von Oesterlen geschaffenen Plenarsaals.
Von Wärmedämmung keine Spur: Landtagspräsident Hermann Dinkla auf dem Dach des alten, von Oesterlen geschaffenen Plenarsaals. Quelle: Ralf Decker (Archivbild)
Anzeige

Dinkla war über eine Leiter auf das Dach der Tagungshalle geklettert und hatte sich dort vom Fehlen einer wirksamen Wärmedämmung überzeugt. Er war in den Keller gestiegen und hatte sich die maroden Rohre angesehen. Der CDU-Mann, von Haus aus Tischlermeister, kennt jeden Winkel, jedes undichte Fenster. Sein Urteil ist seit Monaten klar: Hier muss ganz viel ganz gründlich saniert werden, und das ganz schnell.

Doch die politische Rückendeckung für diesen Plan hat der Landtagspräsident offenbar verloren. Am Dienstag ist der Tag der Wahrheit, am Dienstag entscheiden die Landtagsfraktionen. Am Abend dürfte klar werden, dass die von Dinkla seit seinem Amtsbeginn vor zwei Jahren verfolgten Neubaupläne gescheitert sind. Der alte Plenarsaal von Dieter Oesterlen, den Dinkla gern abgerissen hätte, wird wohl weitgehend unverändert stehen bleiben – obwohl viele Abgeordnete und Besucher die Arbeitsverhältnisse in der muffigen, abgeschotteten und tageslichtfreien Halle für unzumutbar halten. Noch vor gut zwei Wochen fühlte sich Dinkla ganz nah am Ziel, beim Architektenwettbewerb kürte die Jury einen mutigen Entwurf zum Sieger: Abriss des alten Plenarsaals, Neubau eines gläsernen Tempels und damit ein Bekenntnis zu einer architektonischen Akzentsetzung in Hannovers Innenstadt. Doch während die Jury noch jubelte, lag das Projekt schon im Sterben. In Hannover ist ein solches Vorhaben wohl nicht durchsetzbar.

Warum nicht? Ist die Stadt zu provinziell für ein architektonisches Wagnis? Oder ist das Verhältnis der Bürger zur eigenen Volksvertretung gestört? „Für die Eisbärlandschaft im Zoo ist Geld da, für das Sprengel Museum gibt man gern 25 Millionen Euro aus. Aber sobald es um das Parlament geht, das wichtigste Gebäude der Demokratie, kommen gleich die Einwände – das Geld könne für Straßen- und Schulsanierung sinnvoller eingesetzt werden“, klagt ein Abgeordneter. In einer anderen Landeshauptstadt sei Vergleichbares kaum vorstellbar. Allerdings gab es in Erfurt, Dresden oder Kiel auch kein Baudenkmal aus den frühen sechziger Jahren wie den Oesterlen-Plenarsaal, der zwar klotzig und wenig einladend wirkt, aber trotzdem in Hannover eine leidenschaftliche Anhängerschaft hat, gerade bei Älteren.

Dinkla ist nicht der erste Landtagspräsident, der an dieser Mischung aus Unverständnis für die Wünsche der Abgeordneten und Verehrung für den Oesterlen-Bau scheitert. Seinen beiden Vorgängern ging es ähnlich. Als vor acht Jahren Rolf Wernstedt stolz die Entwürfe des damaligen Wettbewerbs vorstellte, verzichteten sowohl die amtierende SPD-Alleinregierung als auch die wenig später folgende CDU/FDP-Koalition darauf, den Umbau im Haushaltsplan abzusichern. Dann wurde Jürgen Gansäuer (CDU) Landtagspräsident, der erkannte, wie wenig durchsetzbar ein solches Vorhaben in Hannover ist, und entschlossen die Sache vertagte. Als ihm 2008 Hermann Dinkla folgte, sollte der Umbau des Parlaments die große und tragende Aufgabe seiner Amtszeit werden.

Dinkla ist kein glänzender Rhetoriker, kein Freund großer Worte. Seine Sitzungsleitung im Parlament wirkt manchmal mühsam, und als Repräsentant fällt er nicht groß auf. Umso mehr Ehrgeiz steckte der 67-Jährige in die Umbauplanung. Dies sollte sein Meisterwerk als Präsident werden. In der Sache, so wird ihm bescheinigt, hat er danach fast alles richtig gemacht: Eine Baukommission wurde eingesetzt, Landtage in anderen Ländern wurden besichtigt, eine Bestandsaufnahme wurde veranlasst, und sogar das Geld wurde diesmal in den Etatentwurf geschrieben. Der Grünen-Abgeordnete Enno Hagenah, selbst Architekt, sieht allerdings einige entscheidende Versäumnisse: Das Raumprogramm, das der neuen Architektenausschreibung zugrunde lag, sei viel zu üppig gewesen. Der Wille von Dinkla, den alten Plenarsaal abzureißen, habe den Wettbewerb zu stark vorbestimmt. Deshalb hätten sich einige Architekten gar nicht beteiligt, die womöglich kleinere und kostengünstigere Varianten hätten liefern können oder wollen.

Dinkla hätte die Situation womöglich noch retten können, wenn er die Werbetrommel für den Neubau des Plenarsaals gerührt hätte. Zwar traf er sich mit den Kritikern, die etwa auf den Denkmalcharakter des Oesterlen-Baus hinwiesen – allerdings nur hinter verschlossenen Türen. Der zurückhaltenden Art des Präsidenten entsprach es nicht, flammende Reden in öffentlichen Veranstaltungen zu halten. So spielte das Thema über Monate öffentlich nur am Rande eine Rolle, und viele hatten die Umbaupläne fast schon vergessen, bis schließlich nach dem Ergebnis des Architektenwettbewerbs die Oesterlen-Befürworter wieder alarmiert waren. Wutentbrannte Leserbriefe füllten diese Zeitung. Wieder wirkte die Landtagsverwaltung in Dinklas Umgebung von der Leidenschaft des Oesterlen-Fanklubs überrascht. Dabei hätten sie es ahnen können, denn es wiederholte sich nur etwas Altbekanntes.

Die Beteiligten organisierten Schritt für Schritt ihren Rückzug. Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil, der den mit dem ersten Preis ausgezeichneten Glastempel zunächst gelobt hatte, spürte Gegenwind aus der rot-grünen Ratsmehrheit. Er sei ja „nicht der bessere Architekt“, deutete Weil kürzlich an und signalisierte so sein Einlenken. In der SPD-Landtagsfraktion sind die Befürworter des Siegerentwurfs mittlerweile in der Minderheit. Eine Mehrheit will den zweiten Preisträger, der die äußere Hülle des Plenarsaals weitgehend erhalten möchte und deshalb vom Oesterlen-Fanklub weniger scharf angegriffen wird. Grüne und Linke sind sowieso skeptisch gegenüber den Neubauplänen, und die Diskussionslage bei CDU und FDP ist inzwischen völlig diffus.

Die Vertreter von Christ- und Freidemokraten in der Jury waren zunächst vom ersten Preisträger angetan und verteidigten diesen. Aber als man spürte, dass die angepeilte breite Mehrheit gemeinsam mit der SPD scheitern würde, gingen die ersten Vertreter auf Distanz. Dass Ministerpräsident Christian Wulff kürzlich für eine „bescheidene Lösung“ warb, gilt als wegweisend: Die Koalition will den unpopulären Beschluss zum Abriss des Oesterlen-Baus nicht allein verantworten und sich nicht hinterher von der SPD angreifen lassen – zumal der Bau bis zur Landtagswahl 2013 nicht beendet sein wird. „Ein unfertiger Bau mit Kostensteigerungen wäre dann eine Steilvorlage für die Opposition im Wahlkampf“, heißt es aus der CDU.

Dass der zweite Preisträger zum Zuge kommt, wie es die SPD wohl bevorzugt, ist wenig wahrscheinlich. Viel spricht dafür, dass CDU und FDP heute die Sache ganz zu den Akten legen. Von einer „Sparvariante“ ist die Rede: Ein neues Glasdach auf den Plenarsaal, ein heller Anstrich für die Bretterwand, ein paar neue Stühle und Tische – und vielleicht eine neue Klimaanlage als der maximale Luxus. Der Preis wäre vielleicht nur zehn Millionen anstelle der bisher geplanten 45 Millionen Euro – und ein Landtagspräsident, der beschädigter denn je ist.