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Niedersachsen Leonies Kampf um Mutterliebe
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21:32 11.12.2009
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Das Gericht verurteilte den Mann wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Er war im vergangenen Jahr bereits in einem ersten Prozess zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof hatte die Entscheidung im März aufgehoben. Mit dem Urteil folgten die Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Verteidiger hatte Freispruch gefordert. Er will auch dieses Urteil anfechten. Bis es rechtskräftig ist, bleibt B. auf freiem Fuß.

„Leonie durfte nur vier Jahre alt werden. Wir konnten für sie nur noch eins tun: herausfinden, wer schuld an ihrem Tod ist.“ So leitet die Vorsitzende Richterin Karin Brönstrup nach elf Prozesstagen ihre Urteilsbegründung ein, und Andreas B., dem die Kammer Sekunden zuvor diese Schuld zugesprochen hat, blickt wie versteinert geradeaus. Es ist einen Augenblick lang still im voll besetzten Hildesheimer Schwurgerichtssaal, nur das Schluchzen von Leonies Großmutter ist zu hören. Sie hat einen Freispruch befürchtet, nun lässt sie ihren Tränen der Erleichterung freien Lauf.

Sie hört, wie Richterin Brönstrup die drei Menschen beschreibt, die aus Sicht der Kammer vor zwei Jahren im Zentrum des Bad Salzdetfurther Familiendramas standen. Zum einen Leonie, das fröhliche und liebenswerte Mädchen. Intelligent und sprachlich ihrem Alter voraus, aber mehr und mehr beherrscht von der Angst, die Liebe ihrer Mutter mit deren neuem Freund teilen zu müssen oder ganz an ihn zu verlieren. Ein Kind, das deshalb tobt, schreit, sich hinwirft und sich in seiner Not schließlich sogar in die Hosen macht. Dann Leonies Mutter, frisch verliebt und unfähig, sich in die Psyche ihres Kindes zu versetzen. Und schließlich der Angeklagte: ein Polizist, der sich im Dienst als kontrolliert und seinen leiblichen Kindern gegenüber als guter Vater empfindet. Auch er wertete Leonies Verhalten nicht als Hilferufe, sondern als kindliche Renitenz. Das, sagt Brönstrup, sind die Rahmenbedingungen, die die Spirale der Gewalt in Gang setzten.

Denn auch in diesem Punkt ist sich die Kammer sicher: Andreas B. hat Leonie schon in den Monaten vor ihrem Tod immer wieder Leid angetan. Wohl nicht alle, aber doch viele der blauen Flecke seien so zu erklären und ebenso die Angst, die Leonie vor dem neuen Freund ihrer Mutter hatte. Der Angeklagte blickt ihr dabei ins Gesicht. Wie stets zuvor hat er einen Block vor sich liegen und einen Kugelschreiber in der Hand. Diesmal aber fallen seine Notizen spärlich aus. Er hört zu, schüttelt mehrmals den Kopf.

So quittiert er auch Brönstrups Worte zu den eigentlichen Taten. Zu jener am 21. November 2007, als B. Leonie aus Wut über ihr erneutes Einkoten so heftig ohrfeigte, dass ihr Schläfenmuskel riss und ihr Gehirn blutete. Und zu jener am 26. November, als er das Kind so heftig schüttelte, dass die schon abheilende Hirnwunde erneut aufriss und letztlich zum Tod des Kindes führte.

Die zeitlichen Widersprüche in der Wundalterbestimmung, die den Bundesgerichtshof zur Aufhebung des ersten Urteils veranlassten, seien diesmal nicht aufgetaucht, sagt Brönstrup. Im Gegenteil: Rechtsmediziner Detlef Günther von der Medizinischen Hochschule Hannover habe schlüssig erklärt, dass die Gewalt, die Leonie ins Koma fallen ließ, höchstens Minuten vor ihrem Zusammenbruch erfolgt sein könne. Andreas B. war zuletzt stundenlang mit dem Kind allein, das hat er nie bestritten.

Unbeantwortet bleiben wird wohl die Frage, die Richterin Brönstrup in ihrem emotionalen Schlusswort an den Angeklagten richtet. „Sie haben den Tod eines kleinen Mädchens verursacht, das nichts anderes wollte als die ungeteilte Liebe seiner Mutter“, sagt die Richterin und hakt nach: „Wie konnte es nur so weit kommen?“ Dass der Polizist Leonie nicht zum Arzt brachte, dass er bei allen Problemen nie Hilfe holte, sei unbegreiflich.

von Christian Wolters, Hildesheim

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