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Niedersachsen Landesstiftung bereut teuren Ausflug ins Gastrogewerbe
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07:00 13.11.2019
Defizitärer Betrieb: Besucher essen und trinken im Innenhof des Klosters Wöltingerode. Quelle: Peter Steffen/dpa
Hannover

Seit einigen Jahren engagiert sich eine der finanzstärksten Stiftungen des Landes, die Klosterkammer, über eine Tochtergesellschaft auch in Gastronomiebetrieben – und produziert damit Millionendefizite. Die Verluste lagen bei knapp 2,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr und bei knapp 1,7 Millionen Euro im Jahr 2017. Auch das von Kammerpräsident Hans-Christian Biallas befürwortete Geschäft mit der Bierbrauerei im Kloster Wöltingerode produziert derzeit noch ein Minus. Das alles wird jetzt den niedersächsischen Landtag beschäftigen.

Umtriebigen Geschäftsführer droht Anklage

Denn ein Preistreiber residiert direkt im Parlamentsgebäude. Die Tochtergesellschaft Cellerar betrieb dort das Restaurant Zeitfür, das 2017 im neuen Landtag eröffnet wurde. Das Lokal hat die defizitäre Lage der Klosterkammer-Tochter erheblich gesteigert. Daneben engagierte sich die Cellerar auch in einem Restaurant im Hildesheimer Knochenhaueramtshaus, in einem Casino im Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar sowie im Restaurant Harzkristall in Derenburg.

Motor der Unternehmungen war der umtriebige Kai S. Der frühere Geschäftsführer und Leiter des Klosterhotels Wöltingerode wurde Mitte 2017 abgesetzt. Da wurde ruchbar, dass S. neben seiner Tätigkeit für die Cellerar auch ein neues Hotel in Goslar betrieb, angeblich gehört es seiner Frau. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt seit zwei Jahren gegen den ehemaligen Geschäftsführer. Ihm droht eine Anklage wegen Untreue.

Das ist die Klosterkammer

Die Klosterkammer verwaltet ehemaligen kirchlichen Besitz und unterhält Kirchen und Klöster. Ihre Anfänge reichen in die Reformationszeit zurück. Sie ist eine der größten Grund- und Forstbesitzerin in Niedersachsen und soll als Stiftung soziale und kulturelle Projekte im Land fördern. Aus ihren Überschüssen vergibt sie jährlich etwa drei Millionen Euro an bestimmte Projekte. Sie untersteht dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst, agiert aber als Stiftung relativ unabhängig. Seit 2011 steht ihr als Präsident der ehemalige Landtagsabgeordnete und Pastor Hans-Christian Biallas (CDU) vor.

Kai S. war nach Auskunft der Klosterkammer noch vor der Amtszeit Biallas eingestellt worden – bereits 2008 – und sollte sich um den Spirituosenbetrieb auf dem Klostergelände Wöltingerode bei Goslar kümmern. Dabei hatte das ehemalige CDU-Mitglied, das in Heidelberg evangelische Theologie studiert hat, in Rheinland-Pfalz schon einiges Aufsehen erregt. So hatte S. sich in der Stadt Landau um das Amt des Oberbürgermeisters beworben, jedoch zurückgezogen, als aufflog, dass er einen falschen Doktortitel trug. Ein Freund aus einer Studentenverbindung soll ihn nach Informationen der HAZ dann im Kloster untergebracht haben.

Die Klosterkammer hat unterdessen die Notbremse gezogen und will sich nach Worten von Kammerdirektor Andreas Hesse von den Engagements in Hildesheim, Goslar und Derenburg trennen. Spätestens bis zum 31. Dezember 2020 liefen die Pachtverträge aus. Neu verhandeln wolle man mit dem Landtag über die Konditionen für das edle Parlamentsrestaurant Zeitfür. Rückwirkend zum 1. Januar sei eine eigene Gesellschaft für das Restaurant gegründet worden, „um eine größere Transparenz“ zu bekommen.

Parlamentarisches Nachspiel steht bevor

Doch der für die Klosterkammer ungünstige Pachtvertrag mit dem Landtag läuft noch bis 2027. Vertraglich vereinbart wurde, dass das Restaurant für die Versorgung der in Ausschüssen sitzenden Abgeordneten zuständig ist. Dafür müsse recht viel Personal bereitgehalten werden, heißt es. Die Cellerar soll sich künftig auf ihre Keimzelle konzentrieren, den Betrieb rund um das Klosterhotel Wöltingerode. Für die Brauerei- und Brennereigesellschaft ist Kammerdirektor Hesse optimistisch. Sie hatte im Jahr 2017 knapp 522 000 Euro Verlust gemacht und 2018 noch 187 000 Euro Defizit. „Für 2020 erwarten wir einen ausgeglichenen Abschluss“, sagt Hesse.

Doch wird der Ausflug in die Gastronomie ein parlamentarisches Nachspiel haben. Der AfD-Abgeordnete Peer Lilienthal hat in einer Anfrage die Probleme der Kammer aufgelistet und fragt, warum das Aufsicht führende Wissenschaftsministerium nichts mitbekommen hat. „Die Frage stellt sich auch, wie so ein windiger Typ wie Kai S. in die Geschäftsführerposition gekommen ist.“

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