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Niedersachsen Molotowcocktail auf Pfarrhaus geworfen
Nachrichten Politik Niedersachsen Molotowcocktail auf Pfarrhaus geworfen
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21:37 15.12.2011
Von Sebastian Harfst
Pastor Wilfried Manneke zeigt auf die Stelle an der Wand des Pfarrhauses, wo der Molotowcocktail abbrannte. Quelle: Genth
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Unterlüß

Die Täter, die eine mit brennbarer Flüssigkeit gefüllte Bierflasche gegen das Pfarrhaus und ein Haus in der Nachbargemeinde Faßberg warfen, sind zwar noch unbekannt, doch Gemeindepastor Wilfried Manneke befürchtet, dass es sich um die Tat von Rechtsextremisten handelt – um einen neuen Einschüchterungsversuch, dem viele andere Einschüchterungsversuche vorangegangen sind. „Sie sind nachts aufmarschiert, haben ‚Juden raus‘ gegrölt und mit ihren Stiefeln gegen die Pfarrhaustür getreten, sie haben den Laternenpfahl vor unserem Haus mit Hakenkreuzen beschmiert und ,Das Land ist unser‘ druntergeschrieben, sie haben die Kirchentür mit Hakenkreuz-Aufklebern zugekleistert.“

Dass sich die Neonazi-Attacken gegen ihn richten, ist für Manneke, seit 16 Jahren Gemeindepastor der evangelischen Friedenskirchengemeinde in Unterlüß, kein Zufall. „Wir kämpfen seit vielen Jahren gegen die Rechtsextremisten“, sagt der 58 Jahre alte Theologe und schließt auch seine Frau Sabine ein. Ein Schlüsselerlebnis fällt in das Jahr 1998, als im nahe gelegenen Hetendorf nach langen Querelen das Schulungszentrum des mittlerweile verstorbenen Neonazi-Anwalts Jürgen Rieger geschlossen wurde. „Damals haben die Rechten bei uns mehr als zehn Jungs für ihre Kameradschaft rekrutiert und mit Bomberjacken und Springerstiefeln eingekleidet“, sagt Manneke. „Viele von denen hatte ich erst im Jahr zuvor konfirmiert.“ Danach habe er in der 3600-Einwohner-Gemeinde einen runden Tisch gegründet und gemeinsam mit der Schule eine Kampagne gegen Rechtsextremismus gestartet. „Das hat denen natürlich nicht gefallen.“ Verschärfend hinzu kam später der – fehlgeschlagene – Versuch Riegers, das Hotel „Geerhus“ bei Unterlüß zu kaufen.  Auch in diesem Fall trat ihm der Pastor entgegen – gemeinsam mit Anna Jander und Klaus Jordan, deren Haus nun ebenfalls in der Nacht zu Donnerstag mit einem Molotowcocktail beworfen wurde.

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Auch bei ihnen ist es nicht der erste Anschlag. Einmal hätten Unbekannte einen Pflasterstein mit der Aufschrift „letzte Warnung“ auf dem Grundstück hinterlassen, erinnert sich Jordan. Die Polizei hat für die Ermittlungen in beiden Fällen den Staatsschutz hinzugezogen. „Wir können einen politischen Hintergrund nicht ausschließen“, sagte der Celler Polizeisprecher Guido Koch. Ermittelt werde aber in alle Richtungen. Zunächst werde nun nach Zeugen gesucht. Die Opfer der Anschläge schliefen, als die brennenden Flaschen auf ihren Grundstücken zerschellten.
Die braune Szene ist in der dünn besiedelten Heidegegend rund um Unterlüß sehr ausgeprägt. Von der Kreisstadt aus agieren die „Freien Kräfte Celle“ (vormals „Kameradschaft 73“), in Schneverdingen machen die „Snevern Jungs“  von sich reden, und in der Nachbargemeinde Eschede stellt der NPD-Aktivist Joachim Nahtz seinen Bauernhof regelmäßig für große Neonazi-Treffen zur Verfügung. „Im Juni feiern sie Sommersonnenwende, im Dezember Wintersonnenwende und im September Erntefest“, sagt der Pastor. „Alles Feste, die Hitler zu Feiertagen erhoben hat.“ Außerdem hätten 2010 sieben Bands zu einem „Neonazi-Konzert“ aufgespielt – vor 600 Besuchern aus ganz Norddeutschland.

Besonders schlimm ist für Manneke, dass es nicht beim Feiern bleibt. Erst kürzlich seien in Herrmannsburg sogenannte Stolpersteine zum Gedenken an ein NS-Opfer beschmiert worden, erzählt der Pastor. In Eschede forderte die rechte Gewalt 1999 sogar schon ein Menschenleben. Junge Neonazis erschlugen den Obdachlosen Peter Deutschmann.

Das „Netzwerk gegen Rechtsextremismus Südheide“ hat eine Tafel aufgestellt, auf der 186 Opfer des deutschen Rechtsterrorismus aufgeführt sind. Lange Zeit stießen Manneke und seine Mitstreiter damit in der Gemeinde auf Skepsis. Nach Bekanntwerden der Zwickauer Mordserie hat sich dies geändert.

Am Sonnabend könnte es erneut brenzlig werden: In Eschede ist eine Sonnenwendfeier geplant. Manneke, Jordan und Jander haben ihren Protest dagegen angekündigt. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt der Pastor.