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Niedersachsen Ämter wussten von Versuchen an Heimkindern in Niedersachsen
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00:17 17.03.2019
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf, die damals zum neu gegründeten Landeskrankenhaus gehörte, sollen in den Sechzigerjahren mindestens 286 Kinder zweifelhaften Versuchen unterzogen worden sein. Quelle: Holger Hollemann/dpa (Archivfoto von 2007)
Hannover

Medizinische Versuche an Heimkindern fanden in Niedersachsen in den Sechzigerjahren keineswegs im Verborgenen statt. Auch die Erprobung von noch nicht am Markt befindlichen Medikamenten an Heimkindern wurde von den Behörden gutgeheißen, da die Aufsicht oft in Personalunion mit agierenden Medizinern verknüpft war. Manchmal wurden auch höchst problematische Arzneimittelstudien durchgeführt, etwa an der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf. Das ist das Ergebnis einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung, die sich mit „Medikamentenversuchen im Rahmen der Heimerziehung zwischen 1945 und 1978“ befasst und die Sozialministerin Carola Reimann (SPD) am Donnerstag in Form eines Symposiums in Hannover vorstellte.

In einer rechtlichen Grauzone

Das niedersächsische Sozialministerium hatte die Studie in Auftrag gegeben, nachdem die Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner im Jahr 2016 über umfangreiche Medikamentenversuche an Heimkindern berichtet hatte. Allein in Wunstorf waren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die seinerzeit zum neu gegründeten Landeskrankenhaus gehörte, bis Ende der Sechzigerjahre 286 Kinder von Versuchen mit Schlafmitteln und Psychopharmaka betroffen, hatte Wagner festgestellt. Wie viele Kinder und Jugendliche insgesamt von den fragwürdigen Experimenten berührt waren, konnten jetzt aber auch die Forscher der Robert-Bosch-Stiftung nicht sagen.

Jedoch sei mehr als ein Drittel der verabreichten Medikamente nicht auf dem Markt gewesen und oft ohne Billigung der Eltern verabreicht worden, konstatieren die Forscher um Christine Hartwig, die die Studie in Hannover vorstellte. Dabei sei nicht selten gegen ethische und fachliche Standards verstoßen worden. Die Arzneimittelversuche vor allem in den Sechzigerjahren, in denen etwa Neuroleptika oder Antidepressiva an Kindern und Jugendlichen getestet wurden, hätten allerdings in einer rechtlichen Grauzone stattfinden können, da erst ab Mitte 1978 ein strengeres Arzneimittelgesetz in Kraft getreten sei.

Arzneiversuche in Wunstorf

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sagte zur Eröffnung des Kongresses, dass in den Sechzigerjahren Patientenrechte noch überhaupt keine Rolle gespielt hätten. Deshalb sei eine Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse wichtig und soll auch in einer zweiten Studie fortgesetzt werden. Christine Hartwig berichtete, dass die Arzneimittelversuche, die meisten von ihnen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf, aber auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Göttingen, zumeist ohne Einwilligung der Eltern geschehen seien. Sie beschreibt in der Studie auch, dass den damaligen Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf, Hans Heinze junior, vermutlich auch kommerzielle Interessen geleitet haben.

So erhielt er zwischen 1962 und 1963 monatlich 250 Deutsche Mark von dem Pharmaproduzenten Merck, der ihn als „wohlwollenden“ Arzt einstufte. Die Firma Merck reichte der Psychia­trie auch Placebos für sogenannte „verblindete“ Studien, um im Versuch-und-Irrtum-Verfahren die Wirksamkeit der Arzneien zu testen. Heinz junior wechselte 1975 als Ministerialrat ins hannoversche Sozialministerium. Sein Vater Hans Heinze senior hatte von 1954 bis 1960 die Wunstorfer Kinderpsychiatrie geleitet – in der NS-Zeit war er auch an Euthanasieprogrammen beteiligt gewesen.

Hirnoperationen in Göttingen

Die Studie beschreibt auch fragwürdige Therapieformen wie etwa hirnorganische Eingriffe, die von dem Göttinger Professor Fritz Douglas Röder in den Sechzigerjahren im Göttinger Krankenhaus Neu-Mariahilf oder in Röders Privatpraxis vorgenommen worden seien. Röder operierte „Patienten mit abweichendem Sexualverhalten“ minimalinvasiv am Hirn. Aber auch Parkinson-Patienten oder Menschen mit Suchtkrankheiten kamen auf den Operationstisch. Die homosexuellen Patienten, die das „Göttinger stereotaktische Team“ behandelt habe, seien allesamt volljährig gewesen, schreiben die Forscher. Allerdings wisse man aus den Recherchen Sylvia Wagners, dass Anfang der Siebzigerjahre mindestens fünf, eventuell sogar sieben Minderjährige den fragwürdigen Eingriffen ausgesetzt gewesen seien. „Rein vom rechtlichen Standpunkt aus fielen diese Operationen nicht unter Versuche, obwohl sie zumindest den Charakter von Heilversuchen hatten“, schreiben die Forscher.

Fragwürdige Diagnostik

Als Standardprogramm der Diagnostik sei bei Heimkindern auch die sogenannte Pneumenzephalographie zum Einsatz gekommen, ein Verfahren, bei dem Hirnwasser abgesogen und durch Luft ersetzt wird – in jedem Fall ein Verfahren mit üblen Nebenwirkungen. „Mehr als die Hälfte aller Kinder wurden diesem schmerzhaften Verfahren unterzogen, weil die Ärzte hinter sozial andersartigem Verhalten Hirnschädigungen vermuteten“, sagte Hartwig. Mediziner hätten in jenen Jahren von einer „harmlosen Standardmethode“ gesprochen, während Juristen einen solchen Eingriff bereits als Ausnahme bewerteten.

Von Michael B. Berger

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