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Niedersachsen Besuch auf Flüchtlingsinsel Lesbos: Das Elend lässt den Innenminister verstummen
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21:53 01.11.2019
Unterrichtung beim Kommandeur der Küstenwache auf Lesbos: Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD, rechts im Bild) sucht das Gespräch. Quelle: Michael B. Berger
Lesbos

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) ist sichtlich bewegt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier auch Seuchen ausbrechen“, murmelt Pistorius mit Blick auf den Olivenhain, in dem überall Sommerzelte stehen, Plastiktüten herumfliegen, Abfälle in Tüten an den Olivenbaumzweigen hängen.

Der Minister blickt auf das Lager Moria, in das die griechischen Behörden ihn nicht lassen wollten. Besser gesagt: auf den inoffiziellen Teil des Camps, das manche schon als Trauma-Lager beschrieben haben. Denn von den 14.640 Menschen, die in dem mittlerweile berüchtigten Registrierungslager auf der Insel Lesbos leben, vegetiert der wesentlich größere Teil wild unter den Olivenbäumen – und nicht in dem Containerdorf, das hinter riesigen Stacheldrahtzäunen zu sehen ist. Willkommen in Europa? Hier soll wohl abgeschreckt werden.

Zwischen Mülltüten und Zelten: Ein Frau geht mit ihren Kindern auf einem Weg im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Quelle: Angelos Tzortzinis/dpa

Vor dem Lager Moria verschlägt es Pistorius ein wenig die Sprache. Nein, hier keine Fotos. Völlig unangemessen. Und auch das, was ihm die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in ihren kleinen Behandlungsräumen gegenüber dem hoffnungslos überfülltem Camp schildern, berührt den Mann aus Osnabrück, der als Innenminister auch den sprichwörtlichen harten Hund geben kann.

Shakehands mit dem Gouverneur der Nordägäis, Konstantinos Moutzouris: Innenminister Boris Pistorius (SPD) will auch politische Gespräche in Athen führen. Quelle: Michael B. Berger

Allein mehr als 4000 Kinder und Jugendliche haben sich ohne Eltern auf die gefährliche Route aus Afghanistan oder Syrien gemacht. Nun leben, nun ja, sind sie hier. Seit Monaten. Einige hätten hier schon selbst Kinder geboren, berichtet Axelle Franchomme von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. „Da müssen wir etwas machen“, sagt Pistorius, der über die Kinder von Moria sowohl mit seinen Kollegen von der Innenministerkonferenz als auch mit dem Koalitionspartner von der CDU in Hannover reden will.

Flüchtlingszahlen steigen wieder

Nach Lesbos war der niedersächsische Innenminister schon einmal vor drei Jahren gereist, um sich über die Lage an der europäischen Außengrenze zu informieren. Das war während der großen Flüchtlingszüge im Februar 2016, als sich Zigtausende über den kurzen Seeweg von der Türkei zur Insel Lesbos aufgemacht hatten.

Zwischenzeitlich war die Zahl der Menschen, die auf oft viel zu kleinen Schlauchbooten auf der Insel landeten, zurückgegangen. Auch weil die Europäische Union einen umstrittenen Deal mit der Türkei gemacht hat – Milliarden-Unterstützung gegen die Zusicherung des türkischen Präsidenten Erdogan, die Flüchtlinge und Migranten im Land zu behalten. Doch jetzt schnellen die Zahlen wieder eklatant hoch, wie Pistorius aus zahlreichen Gesprächen mit der Küstenwache, dem Gouverneur der Nordägäis und dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) erfährt.

Mehr als 4000 Kinder und Jugendliche haben sich ohne ihre Eltern auf die gefährliche Route aus Afghanistan oder Syrien gemacht – und leben jetzt auf unbestimmte Zeit auf Lesbos. Quelle: Petros Giannakouris/AP

17.000 Flüchtlinge kommen auf 87.000 Einwohner

So leben auf der Urlaubsinsel Lesbos neben den 87.000 Einwohnern mittlerweile 17.000 Flüchtlinge, manche sogar schon jahrelang in Lagern wie Moria. „Die Situation ist außer Kontrolle“, schimpft der Bürgermeister der Hauptstadt Mytilini, „wegen der Massen, die jetzt aus der Türkei kommen.“ Für ihn seien die Menschen übrigens „Migranten“ und keine Flüchtlinge. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt er dem Gast aus Niedersachsen. „Wir sind keine Rassisten, aber es sind hier einfach zu viele.“ Auch der Gouverneur der Nordägäis, Konstantinos Moutzouris, ist auf die Zugereisten und Gestrandeten nicht gut zu sprechen. „Die Leute haben mich sogar am Sonntag in der Kirche beschimpft, warum wir nichts tun.“

Pistorius: Keine Reue nach Niederlage im SPD-Casting

Knapp eine Woche ist es her, dass Boris Pistorius beim internen SPD-Casting alle Hoffnung fahren lassen musste, mit der Sächsin Petra Köpping zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählt zu werden.

Die beiden haben unter sechs Paaren nur den fünften Platz gemacht, allerdings nur knapp hinter dem Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und Nina Scheer. Die Schlappe hat der 59-Jährige, der sonst noch nie eine Wahl verloren hat, weggesteckt wie den Schnupfen, der ihn nun in Griechenland erwischt hat.

„Ich habe keinen Schaden genommen“, versichert Pistorius, fast ein wenig trotzig, zur Niederlage beim Casting.

Aber viel habe er gelernt über seine Partei, die im Grunde nicht eine einzige sei, sondern aus vielen bestehe. „Ich wollte was riskieren“, sagt Pistorius.

Es gibt auch Vorzeigelager

So trifft Pistorius in diesen Tagen auf eine angespannte Lage auf Lesbos, wo die Einheimischen sich von der eigenen Regierung alleingelassen fühlen, von der Türkei provoziert und von den vielen Flüchtlingen belästigt. Der Gouverneur ist auch auf die vielen Nichtregierungsorganisationen nicht gut zu sprechen, die ein „Geschäft“ machen wollten mit den Flüchtlingen – ein Eindruck, den die meisten aus Pistorius’ Delegation gar nicht teilen.

Sie besuchen mit dem von der Kommune Mytilini betriebenen Lager Kara Tepe sogar eine Vorzeigeeinrichtung, in der derzeit 1344 Menschen leben und wo Pistorius kurz mit ein paar jungen Afghanen kickt. „Hier ist keine Zeit für einfache Botschaften“, sagt der Niedersachse.

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Von Michael B. Berger

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