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Niedersachsen Opfer berichten von schweren Misshandlungen
Nachrichten Politik Niedersachsen Opfer berichten von schweren Misshandlungen
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22:23 05.10.2010
Von Heinrich Thies
Hells-Angels-Mitglied Uwe B. (l. neben den Anwälten Jürgen Meyer und Raban Funk) ist wegen des Überfalls auf die Bandidos angeklagt.
Hells-Angels-Mitglied Uwe B. (l. neben den Anwälten Jürgen Meyer und Raban Funk) ist wegen des Überfalls auf die Bandidos angeklagt. Quelle: dpa
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„Das war ‘n hartes Ding.“ Holger S. spricht über den Überfall einer Motorradgang. Als am 22. März 2006 gegen 19 Uhr eine Gruppe von „Hells Angels“, schwarzgewandet und mit Sturmhauben vermummt, in Brinkum bei Bremen das Klubheim der „Bandidos“ überfiel, war der 45-jährige Bäcker aus Bremervörde einer der Leidtragenden. „Auf einmal standen die hinter mir mit ihren Latten und Baseballschlägern“, sagt der stämmige Mann mit der Kurzhaarfrisur. „Dann haben sie auch schon zugehauen, meist gegen den Kopf – so doll, dass ich das Bewusstsein verloren habe.“

Holger S. ist einer der vier Zeugen, die am Dienstag vor dem Landgericht Verden zu einem brutalen Überfall der „Hells Angels“ ausgesagt haben, der bereits im Dezember 2008 in Hannover verhandelt wurde. Damals waren gleich 14 „Höllenengel“ angeklagt. Weil sich alle Beschuldigten geständig zeigten, kamen sie mit Strafen zwischen 24 und 34 Monaten davon, die zumeist zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Uwe B., der jetzt in Verden auf der Anklagebank sitzt, war damals noch flüchtig. Gleich nach dem milden Urteil von Hannover stellte sich der Zwei-Meter-Mann mit dem schulterlangen Haar der Polizei. Anders als seine einstigen Rockerbrüder beteuert Uwe B. jedoch bis heute seine Unschuld und lässt seine Anwälte für sich sprechen. Ein kurzer Prozess wie in Hannover ist daher in Verden nicht drin. Es muss verhandelt werden. Das größte Gewicht dabei fällt dem Kronzeugen Thomas P. zu, der in Hannover noch angeklagt war, aber die Namen der Mittäter preisgab und dafür Strafrabatt erhielt. Seither steht der Ex-Rocker unter Polizeischutz, seine früheren Kumpels sollen 500 .000 Euro auf seinen Kopf ausgesetzt haben. Wegen des hohen Sicherheitsrisikos sollte P., der seine Rocker-Erfahrungen in dem Buch „Racheengel“ festgehalten hat, ursprünglich per Videokonferenz als Kronzeuge befragt werden. Nun aber muss er wohl am 27. Oktober doch leibhaftig in Verden erscheinen.

Am Dienstag konnte sich das Gericht erst einmal ein Bild von den Grausamkeiten machen, die die „Höllenengel“ ihren Rivalen zufügten. Kaum sei er in einer angrenzenden Autowerkstatt aus der Bewusstlosigkeit erwacht, sei es mit den Schlägen weitergegangen, berichtet Holger S.: „Die hatten mich an Händen und Beinen gefesselt und haben weiter mit ihren Latten auf mich eingehauen.“ Schwere Kopfverletzungen und Rippenbrüche waren die Folge.

Besonders schlimm erging es Marco G. Der heute 35-jährige Elektriker erlitt eine Gehirnerschütterung, einen Nasenbeinbruch, Schädel- und Gesichtsverletzungen. Seine Beine waren lange Zeit wie gelähmt. Erst nach zehn Monaten konnte er wieder arbeiten.

Ob er sich den brutalen Angriff erklären kann? Der bullig wirkende Zeuge zuckt die Schultern. „Weiß nicht.“ Staatsanwalt Hansjürgen Schulz vermutet einen Revierkampf unter den Bremer Rockerbanden. „Es ging wohl um die Lufthoheit.“ Marco B. indessen spricht von seinem früheren Motorradklub wie von einem Kegelverein. Die Verteidiger dagegen führen ins Feld, dass sich bei den „Bandidos“ etliche Waffen fanden – und Marco B. als „Sergeant-at-Arms“ (Waffenoffizier) vermutlich kein Unschuldsengel war.

Eines der sechs Opfer von Brinkum fehlt in Verden. Heino B. sitzt wegen Mordes im Gefängnis. Der frühere „Bandido“ soll 2007 in Ibbenbühren einen „Höllenengel“ erschossen haben. Aus Rache.