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Niedersachsen Richter: „Herr Högel, sagen Sie uns die ganze Wahrheit!“
Nachrichten Politik Niedersachsen Richter: „Herr Högel, sagen Sie uns die ganze Wahrheit!“
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00:16 24.02.2019
Der wegen Mordes an 100 Patienten angeklagte Niels Högel kommt an einem Prozesstag in den Gerichtssaal. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Oldenburg

Am zwölften Verhandlungstag passiert etwas Ungewöhnliches: Im Gerichtssaal wird gelacht. Ungewöhnlich in einem Prozess um 100-fachen Mord, in dem die Zuschauer in der Regel mit versteinerter Miene lauschen, wenn die Tötung von Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst detailliert geschildert wird. Und diesmal sind viele Zuschauer gekommen: rund 150.

„Wir haben uns im Dezember bei einer Hochzeitsfeier persönlich kennen gelernt“, sagt der erste Zeuge, kaum dass er sich gesetzt hat, zu Richter Sebastian Bührmann. Der schaut völlig ungläubig, kramt offenbar vergeblich in seinen Erinnerungen. Ob man sich unterhalten habe, will Bührmann wissen. Der Zeuge bejaht. „Wir hatten einen netten Abend“, sagt er – und sorgt damit für einen kurzen Moment der Heiterkeit, der schnell verfliegt.

„Es ist nur die Wahrheit, die uns hilft.“

Vier Monate dauert der insgesamt vierte Prozess gegen den Klinikmörder Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg jetzt schon. Die Zeugenliste ist fast abgearbeitet, im März kommen die ersten Gutachter. Für Richter Bührmann ist es offensichtlich der richtige Zeitpunkt, um noch einmal eindringlich an den Ex-Krankenpfleger zu appellieren, die „ganze Wahrheit“ über seine Taten in den beiden Kliniken zu erzählen. Bührmann macht dabei erneut deutlich, dass er große Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Angeklagten hegt.

„Es ist bis zum Ende der Hauptverhandlung nicht zu spät“, sagt Bührmann. „Denken sie darüber nach und seien sie sich ihrer Verantwortung bewusst.“ Wenn er noch etwas Gutes tun wolle, müsse er die Wahrheit sagen, fordert der Richter an den Ex-Pfleger auf. „Es ist nur die Wahrheit, die uns hilft.“ Ob das bei Högel eine Regung auslöst, kann man leider nicht erkennen, weil die großen Bildschirme im Saal ihn in diesem Moment nicht zeigen.

„Sie haben das Tor geöffnet, durch das wir herein gehen können“

Bührmann bezweifelt vor allem, dass Högel, wie von ihm selbst behauptet, im Jahr 2002 im Klinikum Oldenburg keine Patienten getötet hat. Der Ex-Pfleger ist wegen 100-fachen Mordes in den Jahren 2000 bis 2005 angeklagt. Zwischen Januar und November 2002 haben die Ermittler allerdings keine Verdachtsfälle gefunden. In Oldenburg habe Högel in zunehmendem Maßen getötet, erklärte Bührmann. In Delmenhorst sei es schon kurz nach dem Wechsel Ende 2002 wieder losgegangen und habe „suchtartige Züge“ angenommen. Die Vorstellung, dass Högel 2002 in Oldenburg still gehalten habe, falle schwer.

Bührmann verweist auf den Prozess 2014/2015, in dem Högel wegen fünf Taten in Delmenhorst zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war. Damals hatte der Ex-Pfleger noch bestritten, in Oldenburg Patienten manipuliert zu haben. „Sie haben das Tor geöffnet, durch das wir herein gehen können“, sagt der Richter. Das Gefühl, dass Högel sich nicht ganz geöffnet habe, trage aber durch diese ganze Verhandlung durch.

Das Gericht hatte für Donnerstag ursprünglich sieben Zeugen geladen. Vier ehemalige Mitarbeiter der beiden Kliniken müssen allerdings nicht erscheinen, weil sie nicht Aussagen wollen. Die früheren Führungskräfte sind entweder wegen Tötung durch Unterlassen angeklagt oder es wird gegen sie noch ermittelt. Am Ende bleibt nur Zeit für zwei Zeugen, einen Pfleger und eine Krankenschwester, ehemalige Högel-Kollegen im Klinikum Oldenburg.

Die Zahl der Reanimation auf der Intensivstation stieg dramatisch, ohne dass es eine Erklärung gibt

Was sie sagen, macht noch einmal die Tragödie deutlich, die sich zwischen 2000 und 2002 in Oldenburg abgespielt hat: ein Serienmörder, dem trotz aller Verdachtsmomente und Hinweise nicht das Handwerk gelegt wird, chaotische Zustände in den betroffenen Stationen, Mitarbeiter am Rande des Nervenzusammenbruchs und Freundschaften, die über dem verschwiegenen Klinik-Skandal zerbrechen.

Högel kommt zu einer Zeit ins Klinikum, in der ein neuer Chefarzt die Zahl der Betten auf der herzchirurgischen Intensivstation verdoppelt, auch schwerste Fälle aufnimmt. Es geht auch um Geld und Ansehen. Der Druck auf die Mitarbeiter wächst. Die Situation habe sich deutlich verschärft, sagt der Zeuge aus. In diesem Umfeld beginnt Högel im Jahr 2000 mit dem Töten, spritzt Patienten ohne ärztliche Anweisung mit Medikamenten in die Krise, um sich anschließend als Retter aufspielen zu können. Viele Patienten überleben diese Mordanschläge nicht.

Im Klinikum fällt das auf. Die Zahl der Reanimation auf der Intensivstation steigt dramatisch, ohne dass es eine Erklärung gibt. Es wird eine Strichliste über das Pflegepersonal angefertigt. Ganz oben steht einsam Niels Högel, in dessen Dienstzeit 18 Patienten reanimiert werden mussten. Nach Ansicht der Klinikleitung reicht die Beweislage aber nicht aus, um die Staatsanwaltschaft zu informieren. Stattdessen werden die Mitarbeiter offenbar zum Schweigen verdonnert, aus Angst vor negativen Schlagzeilen. „Die Gefährdung der Abteilung, ja des gesamten Klinikums ist nicht zu akzeptieren aufgrund von Verdachtsmomenten und vielen Zufällen“, heißt es in einem Klinik-Vermerk aus dieser Zeit.

Je länger die Befragung dauert, desto mehr verstrickt sich der Zeuge in Widersprüche

Der Zeuge will davon allerdings nichts mitbekommen haben. Erst 2006, als Högel wegen einer Tat erstmals vor Gericht steht, habe er den Begriff Sensen-Högel gehört. Und erst 2014, als die neue Klinik-Leitung während des dritten Prozesses um Aufklärung bemüht ist, habe er sich erinnert, dass es zu Högels Zeiten Maßnahmen wegen auffällig erhöhter Kaliumwerte bei Patienten gegeben habe.

Je länger die Befragung dauert, desto mehr verstrickt sich der Zeuge in Widersprüche, wird immer wortkarger. Sein Aussagen stimmen nicht mit E-Mails überein, die er mit einem anderen Pfleger über die Högel-Morde ausgetauscht hat; sie passen auch nicht mit den Aussagen gegenüber der Klinikleitung von 2014 zusammen. „Sie haben hier nichts zu befürchten“, beruhigt ihn Richter Bührmann. Das wird sich noch zeigen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen vier Prozess-Zeugen, denen sie vorwirft unter Eid gelogen zu haben.

Auch die zweite Zeugin weist Gedächtnislücken auf, als es wichtig wird. Sie war 2002 als Betriebsrätin bei den entscheidenden Gesprächen dabei, in denen es um die Entlassung von Högel ging. Die Klinikleitung habe dem Pfleger damals nicht mehr getraut, erzählt sie. Warum? Habe sie nicht gefragt. „Es war schon mein Eindruck, dass gemauert wurde“, sagt sie. Als Richter Bührmann Protokolle präsentiert, nach denen damals konkrete Verdächtigungen geäußert worden waren, sinkt die Zeugin immer mehr in ihrem Stuhl zusammen.

Von Marco Seng

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