Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Niedersachsen Sexuelle Verstöße von Lehrern sind schwerer als bislang bekannt
Nachrichten Politik Niedersachsen Sexuelle Verstöße von Lehrern sind schwerer als bislang bekannt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:32 21.12.2011
Von Jutta Rinas
Ina Korter (Grüne) fordert eine Ombudsstelle. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Vor allem die Grünen-Politikerin Ina Korter hatte sich für eine unabhängige Anlaufstelle für betroffene Eltern und Schüler eingesetzt. Schüler befänden sich an der Schule in einem Abhängigkeitsverhältnis und hätten ein besonderes Schutzinteresse, sagte sie dieser Zeitung.

Die Missbrauchsfälle an niedersächsischen Schulen häufen sich: Ein Lehrer hatte Kinderpornografie auf seinem Dienstcomputer gespeichert. Ein anderer unterhielt sich mit seiner Schülerin via Internet über Sexualpraktiken. Zwei weitere unterhielten Beziehungen zu 14-, 15-jährigen Schülerinnen, wobei es in einem Fall zu mehreren Treffen bei dem Lehrer zu Hause, zu Küssen und zu sexuellen Berührungen kam: Beide Pädagogen wurden zu Freiheitsstrafen mit Bewährung verurteilt – und sind vom Dienst suspendiert. Gegen beide laufen Disziplinarverfahren.

Anzeige

Die Vorwürfe gegen niedersächsische Lehrer wegen sexuell motivierter Vergehen sind schwerer als bislang bekannt. Das ergibt sich aus einer parlamentarischen Anfrage der Grünen-Abgeordneten Ina Korter im Landtag. Korter hatte Auskunft vom Kultusministerium über Disziplinarverfahren der Landesschulbehörde wegen Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Schülern verlangt. Bislang hatte die Behörde mit Bezug auf den Datenschutz der Täter nur Zahlen genannt – und im Übrigen darauf verwiesen, dass das Spektrum der Delikte weit gefasst sei. Nicht nur sexueller Missbrauch falle darunter, sondern auch schon das sogenannte distanzlose Verhalten: also zum Beispiel das Fehlverhalten eines Sportlehrers, der bei einer Hilfestellung eher zufällig die Brüste eines Mädchens streife.

Jetzt stellt sich heraus, dass es bei den schwerwiegendsten unter den 17 Verfahren, die dem Ministerium derzeit vorliegen, auch um den Besitz von Kinderpornografie geht, um sexuelle Nötigung und um den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. So soll ein Emder Gymnasiallehrer eine 18-jährige geistig behinderte Jugendliche und einen 45-jährigen, ebenfalls geistig eingeschränkten Mann dazu gebracht haben, sich bei sexuellen Handlungen aneinander zu filmen. Der Täter wurde fristlos entlassen – und zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten auf Bewährung verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Gegen einen Sportlehrer im Raum Oldenburg läuft ein Strafverfahren, weil er sich aus dem Internet Kinderpornos mit Jungen heruntergeladen hatte, die noch keine 14 Jahre alt waren. 175 Dateien fand man bei einer Durchsuchung bei ihm zu Hause auf einem USB-Stick gespeichert, dazu 83 Videos. Der Pädagoge ist vom Dienst suspendiert.

Ein anderer Lehrer aus dem Bereich Emden/Leer ging Münchener Fahndern wegen eines Chats in einem einschlägigen Forum ins Netz. Bei einer Durchsuchung fand man zehn Dateien mit Kinderpornografie, die er aus dem Internet heruntergeladen hatte. Das Gericht stellte den Fall wegen geringer Schuld ein, die Landesschulbehörde hat nichtsdestotrotz mittlerweile ein Disziplinarverfahren gegen den Mann angestrengt.

Auch ein Strafverfahren gegen einen Lehrer aus dem Raum Hannover, der sich bei einem Chat mit einer 15-jährigen Schülerin über mehrere Tage hinweg über Sexualpraktiken ausgetauscht hatte, stellten die Richter ein. „Was ist deine Lieblingsstellung?“, wollte der Gymnasiallehrer wissen. „Man kann ja mal rumprobieren“, schrieb er flapsig und merkte außerdem anzüglich an: „Ich kann im Sommer die Kühlerhaube des Autos empfehlen.“ Nach Angaben der Sprecherin der hannoverschen Staatsanwaltschaft, Kathrin Söfker, charakterisierten die Richter das Verhalten des Lehrers ausdrücklich als „unanständig und unangebracht“. Nichtsdestotrotz liege kein Straftatbestand vor, deshalb sei das Verfahren eingestellt worden. Dennoch: Auch in diesem Fall läuft ein Disziplinarverfahren.

Allein neun der 17 Verfahren wegen sexuellen Verstößen von Lehrern stammen aus dem Jahr 2011.