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Niedersachsen Spannender Arbeitsplatz hinter Gittern
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21:58 28.12.2009
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Ein Gefängnis ist nicht gerade der Ort, an dem man sich gerne aufhalten würde. Für Regina-Christine Weichert-Pleuger ist ein Gefängnis dagegen das spannendste Arbeitsfeld, das sie sich vorstellen kann. Schon während des Jurastudiums war sie vom Strafvollzug fasziniert. Damals engagierte sie sich zunächst als ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel. Heute arbeitet sie nicht mehr nur mit einzelnen Gefangenen, sondern organisiert eine abgeschottete (Männer-)Welt hinter Gittern: Die 46-jährige Juristin leitet die Justizvollzugsanstalt in Rosdorf bei Göttingen.

Seit September steht die Berlinerin an der Spitze des modernsten Gefängnisses in Niedersachsen. Inzwischen werde rund ein Drittel der derzeit 13 Hauptverwaltungseinheiten im Justizvollzug von Frauen geleitet, sagt der Sprecher des niedersächsischen Justizministeriums, Georg Weßling. Außer der JVA Rosdorf sind es die Haftanstalten in Uelzen und Sehnde, die Jugendanstalt Hameln und die offene Vollzugseinrichtung Lingen-Damaschke. Weichert-Pleuger war zuvor in mehreren anderen Gefängnissen tätig, zunächst in Cottbus, dann in der Justizvollzugsanstalt Hannover, wo über 1000 Gefangene einsitzen.

Dort war sie vor allem für die Organisation des Personals zuständig. „Das hat mir unendlich viel Spaß gemacht“, sagt Weichert-Pleuger. Im Januar 2006 wurde sie Referatsleiterin im niedersächsischen Justizministerium. Dort kümmerte sie sich um Sicherheitsfragen der Gefängnisse. Eines aber vermisste sie bei diesem Job: die Arbeit mit den Gefangenen.

Deshalb bewarb sie sich auch sofort, als der Leitungsposten in der JVA Rosdorf zur Neubesetzung anstand. Das Gefängnis südlich von Göttingen gilt als eine der sichersten Anstalten Niedersachsens, deshalb sitzen hier besonders „schwere Jungs“ ein. Viele haben lange Haftstrafen von bis zu 14 Jahren oder „lebenslänglich“ zu verbüßen.

Der direkte Kontakt zu den Gefangenen ist Weichert-Pleuger auch weiterhin wichtig. Deshalb macht sie wöchentlich einen Rundgang durch die Anstalt, sucht Häftlinge in ihren Zellen auf, führt Gespräche mit der Gefangenenvertretung. „Ich versuche, mich in ihre Lage hineinzuversetzen“, sagt sie. Im Knast zu sitzen bedeutet nicht nur, nicht „raus“ zu können. Auch innerhalb der Gefängnismauern sind die Häftlinge extrem unfrei: „Strafgefangene verlieren jede Möglichkeit, für sich selbst zu entscheiden.“ Um ihren Frust über diese Situation in Grenzen zu halten, sei vor allem eines wichtig: „Die Gefangenen wollen ernst genommen werden.“ So reiche es beispielsweise nicht aus, einen Antrag eines Häftlings nur abzulehnen. „Ich muss auch begründen, warum ich den Wunsch nicht erfüllen kann.“

Zentrales Ziel des Strafvollzuges ist – neben der sicheren Unterbringung – die Resozialisierung. „Wir müssen alles tun, damit die Gefangenen danach keine Straftaten mehr begehen und ihr Leben in sozialer Verantwortung führen“, sagt Weichert-Pleuger. Deshalb gebe es bei der Neuaufnahme eines Häftlings stets eine Art Persönlichkeitscheck durch Sozialarbeiter und Psychologen, um die Ursachen der Delinquenz ergründen und die Defizite bearbeiten zu können.

von Heidi Niemann