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Niedersachsen Tiefe Gräben zwischen den Bergen im Harz
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19:27 08.11.2009
Eisiges Klima: Am Brocken streiten Ost und West um die Ortsbezeichnung „Oberharz“. Quelle: ddp
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„Jetzt wächst wieder zusammen, was zusammengehört“ – davon war Willy Brandt nach dem Fall der Mauer fest überzeugt. Im Harz hat dieses Zusammenwachsen allerdings bislang nicht besonders gut geklappt. In kaum einer anderen früheren Grenzregion hat es nach dem Ende der deutschen Teilung so viele Irritationen und Missstimmungen gegeben wie in der Gegend rund um den Brocken. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr sind die Beziehungen aufgrund eines bizarren Namensstreits auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Insbesondere die Samtgemeinde Oberharz im Westharz ist empört darüber, dass sich mehrere im Ostharz gelegene Städte und Gemeinden nach dem Zusammenschluss ihrer Kommunen den Namen „Stadt Oberharz am Brocken“ geben wollen. Der Streit, der längst auch die Gerichte beschäftigt, zeigt vor allem eines: Von einem partnerschaftlichen Miteinander ist man im Harz noch weit entfernt.

Der Konflikt um die Ortsbezeichnung Oberharz ist indes nicht der erste Namensstreit, der für starke Verstimmung bei den Kommunen im Westharz gesorgt hat. Schon 2005 gab es heftige Proteste, als bekannt wurde, dass sich die drei östlichen Landkreise Wernigerode, Halberstadt und Quedlinburg zu einem neuen Großkreis „Harz“ zusammenschließen wollten. Die östliche Einvernahme des ganzen Harzes wurde im Westteil als Affront empfunden, zumal der größere Teil des Harzes in Niedersachsen liegt und Teile des neuen Kreises wie das Gebiet um Halberstadt kaum als typische Harzregion gelten.

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Auch bei der nun geplanten Fusion der Ostharzer Städte Elbingerode, Benneckenstein und Hasselfelde sowie der Gemeinden Elend, Sorge, Stiege und Tanne zu einer neuen Stadt „Oberharz am Brocken“ scherten sich die ostdeutschen Kommunalpolitiker nicht um die Nachbarn. Bereits frühzeitig hatte die Samtgemeinde Oberharz ihre Bedenken mitgeteilt und darum gebeten, die Namensgebung zu überdenken. „Wir haben immer das Gespräch gesucht“, sagt der stellvertretende Chef der Samtgemeinde, Helmut Martin. „Wir haben aber nie eine Antwort erhalten.“ Die 1972 gebildete Samtgemeinde Oberharz besteht aus den Kommunen Bad Grund, Wildemann, Lautenthal, Clausthal-Zellerfeld, Hahnenklee-Bockswiese, Buntenbock, Altenau, Schulenberg, St. Andreasberg, Sieber, Lonau, Riefensbeek-Kamschlacken und Lerbach.

Der stellvertretende Gemeindedirektor vermutet hinter dem Beharren der Ostharzer Bürgermeister ein eigennütziges Interesse. Diese wollten sich den eingeführten Namen Oberharz für ihre touristische Vermarktung zunutze machen. Nicht nur wegen der Verwechslungsgefahr mit der Westharzer Samtgemeinde stößt die Bezeichnung „Oberharz am Brocken“ auf Kritik. Auch geographisch gesehen ist sie irreführend – selbst auf alten DDR-Karten wird die Gegend um Benneckenstein und Hasselfelde als „Unterharz“ bezeichnet. Auch der Zusatz „am Brocken“ ist problematisch: Teile der Samtgemeinde Oberharz wie beispielsweise Torfhaus liegen viel näher an dem höchsten Berg im Harz. Außerdem trägt bereits der Ostharzer Ort Schierke, der inzwischen zur Stadt Wernigerode gehört, den Zusatz „am Brocken“. Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert zeigte sich deshalb ebenfalls vergrätzt über die „sturen Kommunalpolitiker“ im Ostharz. „Wir halten dies für völlig kontraproduktiv“, sagt ein Stadtsprecher.

Das Verwaltungsgericht Magdeburg hat kürzlich den Antrag der Samtgemeinde Oberharz auf eine einstweilige Anordnung gegen die geplante Namensgebung abgelehnt. Die Samtgemeinde will dagegen Beschwerde einlegen. Sollte sie erfolglos bleiben, steht demnächst nicht nur der Beirat des Nationalparks Harz vor der Situation, dass zwei seiner Mitglieder den Namen Oberharz tragen.

von Heidi Niemann